Der Verdingbub

Filmplakat Der Verdingbub
Regie Markus Imboden  Drehbuch Jasmine Hoch, Plinio Bachmann  Produzenten Peter Reichenbach, Claudia Schröder 
Genre Drama  Filmlänge 110 min
Land Schweiz, 2011  Verleih Ascot Elite Schweiz

Story

Der Waisenjunge Max scheint endlich Glück zu haben: Er wird an die Bauernfamilie Bösiger verdingt und hofft, nun endlich Teil einer richtigen Familie zu werden. Doch Max’ Träume werden schnell zunichte gemacht. Der Verdingbub wird von der Familie Bösiger wie ein Arbeitstier gehalten und Jakob, der Bösiger-Sohn, sieht in Max einen Rivalen und demütigt ihn deshalb am laufenden Band. Max wird geschlagen, misshandelt und als billige Arbeitskraft missbraucht, und als die gleichaltrige Berteli an die Bösiger-Familie verdingt wird, gibt er zunächst alle Aggressionen an das unglückliche Mädchen weiter.
Doch allmählich entsteht eine zarte Freundschaft zwischen den zwei Verdingkindern und Berteli und sein geliebtes Handorgelspiel halten Max davon ab, völlig an seinem Schicksal zu verzweifeln. Die neue Lehrerin entdeckt Max’ musikalisches Talent und erlaubt ihm, am örtlichen Schwingerfest vor der gesamten Gemeinde zu spielen. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer und als die Lehrerin sich schließlich für die beiden Verdingkinder vom Bösiger-Hof einsetzt, macht sie damit alles nur noch schlimmer…

Schauspieler

Der Verdingbub Katja Riemann, Stefan Kurt, Maximilian Simonischek, Max Hubacher, Lisa Brand, Miriam Stein, Andreas Matti, Heidy Forster, Ursina Lardi, Ernst C. Sigrist, Christoph Gaugler, Peter Wyssbrod, Hanspeter Müller, Martin Hug, Rebekka Burckhardt

Filmkritik von Stefanie Rufle

Steffi vergibt 4 von 5 Ms Der Verdingbub Es ist ein finsteres und erschreckendes Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte, das Regisseur Markus Imboden mit seinem Drama „Der Verdingbub“ aufschlägt. Bis in die 1950er Jahre hinein wurden allein stehenden Eltern ihre Kinder vom Staat weggenommen und, gemeinsam mit Waisenkindern, an Bauernhöfe „verdingt“. Dort dienten sie als billige Arbeitskräfte, wurden oftmals wie Vieh gehalten und bezahlten dafür nicht selten mit ihrem Leben. So beginnt auch Imbodens an die Nieren gehender Film: Ein Junge wird in ein Leichentuch gewickelt und schließlich in einem Sarg vom Bauernhof der Familie Bösiger weggekarrt. Diese Eingangssequenz macht dem Zuschauer auf brutale Art und Weise deutlich, was ihn in den folgenden 110 Minuten erwarten wird. Dieses Drama ist an tristen Bildern, erschreckend alltäglich erscheinender Brutalität und Figuren, die jegliche Befähigung zu Mitgefühl und Anteilnahme verloren haben zu scheinen, kaum noch zu übertreffen. Die Inszenierung des Schweizers Imboden nimmt den Zuschauer mit in den harten, entbehrungsreichen Alltag einer Bauernfamilie und lässt ihn dadurch die Grausamkeiten, Misshandlungen und Demütigungen als Teil des Lebens wahrnehmen, dem man sich nicht entziehen kann.

Markus Imboden erzählt eine einfache, schnörkellose Geschichte und zeigt dennoch das ganze schreckliche Ausmaß des Schicksals der Verdingkinder auf. Manchmal ist das beinahe zu viel, vor allem, weil das Drehbuch kaum ein denkbares Übel auslässt: Die Familie Bösiger ist völlig zerrüttet, der Vater dem Alkohol verfallen, die Mutter offenbar seelisch krank und der erwachsene Sohn Jakob lässt keine Gelegenheit aus, den Verdingkindern das Leben zur Hölle zu machen. Auf fröhliche, sorglose Szenen, die es einem erlauben, kurz aufzuatmen und das Finstere abzuschütteln, wartet man hier vergebens. Die hervorragend ausgewählten Darsteller tun ihr Übriges dazu, diesem Drama alles Weiche zu nehmen. Katja Riemann verleiht der verbitterten, vom Leben enttäuschten Bösigerin ein glaubwürdiges Gesicht, auch wenn man sich schon fragen muss, warum eine deutsche Schauspielerin eine tragende Rolle in einem Schweizer Film spielen und dann auch noch synchronisiert werden muss. Stefan Kurt überzeugt restlos als ihr alkoholkranker und unglücklicher Mann, ebenso wie Maximilian Simonischek als Jakob, Lisa Brand als Berteli und Miriam Stein als junge Lehrerin. Herausragend allerdings ist Max Hubacher als Verdingbub Max, der trotz aller Härte und Entbehrung Kraft in seiner Musik findet und eines nicht verlernt hat: von einem besseren Leben zu träumen.
„Der Verdingbub“ zeichnet auf unerbittliche Weise das Bild von Kindern, die keine Kindheit hatten, die funktionieren und arbeiten mussten. Viele dieser Kinder sind an ihren traumatischen Verletzungen zerbrochen – „Der Verdingbub“ ist eine Hommage an das Schicksal dieser Kinder.

Wissenswertes

Der Verdingbub Zwischen 1800 und 1950 wurden in der Schweiz Waisen- und Scheidungskinder ihren Eltern von den Behörden weggenommen und öffentlich feilgeboten. Meistens wurden sie auf Bauernhöfen wie Leibeigene für Zwangsarbeit eingesetzt und das zumeist ohne Lohn oder Taschengeld. Sie wurden häufig ausgebeutet, erniedrigt, misshandelt oder vergewaltigt, einige fanden dabei den Tod.
Schätzungsweise 100.000 Kinder wurden als Verdingkinder verschachert, sie waren rechtlos und die Behörden schritten nur selten ein.
Einige dieser Verdingkinder leben heute noch und erzählten Regisseur Markus Imboden ihr Schicksal – unter ihnen sein eigener Vater.



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Kommentare

Fred schreibt am 01.12.11, 17:48
Sehr gute Zusammenfassung der Story und der umfangreichen Hintergrundberichte. Kompliment dem Autor.

Der Film ist eine Wucht, rein ins Kino und anschauen.
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