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Special
Interview mit Regisseur Andreas Dresen
Zur Kritik von "Whisky mit Wodka"
„Volker Schlöndorff hat mir einmal gesagt, man darf nicht suchen. Projekte kommen zu einem.“
Am 05.09.2009 kam der erfolgreiche deutsche Filmemacher Andreas Dresen in den „Kandelhof“ nach Freiburg, um seinen neuen Film „Whisky mit Wodka“ vorzustellen. Moviesection hat den sympathischen Regisseur für Euch getroffen.
Moviesection: Bist Du immer noch nervös vor Filmvorführungen, wie
hier in Freiburg, bei denen Du die Reaktionen des Publikums direkt mitbekommst?
Oder ist das mittlerweile schon Routine?
Andreas Dresen: Na ja, noch nicht. Noch sind wir ja ganz am Anfang. Der Film
ist gerade erste angelaufen. Das ist sowieso aufregend. Dies ist das erste Wochenende,
an dem der Film überhaupt im ganzen Land in den Kinos ist. Jedes Mal ist
das eine aufregende Zeit, weil man da erst spürt – also ganz faktisch
wenn man mit im Saal ist und sieht ob die Reaktionen kommen und dann auch definitiv
am nächsten Morgen, wenn man die Reports von den Kinos und die Zahlen bekommt,
und sieht, ob die Leute überhaupt ins Kino gehen - ob der Film ankommt.
In jedem Fall eine ganz aufregende Zeit, ganz klar. So abgebrüht ist glaube
ich keiner, dass kann ich mir nicht vorstellen.
Moviesection: „Whisky mit Wodka“ ist fast parallel zu „Wolke
9“ entstanden. Ein bewusstes Kontrastprogramm oder einfach eine andere
Art sich über das Älterwerden Gedanken zu machen?
Andreas Dresen: Das hat sich mehr zufällig ergeben, muss ich sagen. „Whisky
mit Wodka“ war eine größere Produktion, die wir schon länger
geplant hatten. Dann entstand die Idee zum Film „Wolke 9“. Wir hatten
bis zum Produktionsbeginn von „Whisky mit Wodka“ noch ein bisschen
Zeit und dachten uns: Mensch das schaffen wir doch noch, den können wir
wenigstens noch drehen. Dann haben wir den Film tatsächlich im Frühjahr
noch davor geklemmt. Ich konnte „Wolke 9“ dann aber nicht mehr schneiden
und habe gleich „Whisky mit Wodka“ vorbereitet und gedreht. Eine
merkwürdige Koinzidenz der Ereignisse, dass sich beide Filme auf ganz unterschiedliche
Weise mit dem Älterwerden beschäftigen. „Wolke 9“ ist,
wenn man so will, durchaus nach vorne gerichtet. Eine optimistische Geschichte,
aber als Drama erzählt, über eine Frau, die noch einmal aufbricht
an einem Punkt ihres Lebens, wo sie selbst nicht mehr damit rechnet. „Whisky
mit Wodka“ in Form der Komödie ist wiederum eine eher traurige Geschichte,
eine Geschichte, wo Leute an einem bestimmten Punkt ihres Lebens anfangen zurück
zu blicken, anfangen die Defizite aufzuspüren, die es da gab und gibt.
Es war interessant sich von zwei ganz unterschiedlichen Seiten und mit ganz
unterschiedlichen Erzählweisen einem solchen Thema zu nähern.
Im Interview mit Andreas Dresen
Moviesection: Hat es Dich besonders gereizt einen Film im Film zu machen, eigene
Erfahrungen einzubringen, oder auch Klischees auf die Schippe zu nehmen?
Andreas Dresen: Das ist ein zusätzliches Vergnügen gewesen. Als ich
das Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase zum ersten Mal gelesen habe, fand ich das
zum einen sehr witzig. Auf der anderen Seite hat mir gefallen, dass Wolfgang
es immer wieder versteht auf sehr subtile Art und mit einer großen Leichtigkeit
über sehr ernste Themen zu sprechen. Diese haben dann wiederum recht wenig
mit dem Filmemachen zu tun, sondern mit Fragen, die jeden Menschen umtreiben.
Was wird, wenn man älter wird? Wie geht man mit Einsamkeit um? Wie geht
man mit Verlust um? Wie arrangiert man sich mit den Leuten um einen herum? Und
dann handelt die Geschichte ja auch von den vielen kleinen oder größeren
Sehnsüchten der Figuren, die alle – jede auf ihre Art – ein
bisschen der Meinung sind, dass das Stückchen Kuchen, welches sie vom Leben
auf dem Teller haben nicht angemessen ist. Entweder es ist das falsche oder
es ist zu klein. Wie auch immer, es passt nicht. Dies ist etwas, was nicht nur
Leuten aus der Filmbrache bekannt ist.
Moviesection: Wie schon bei „Sommer vorm Balkon“ ist mir aufgefallen,
dass „Whisky mit Wodka“ ein Film mit „schweren Themen“
ist, der aber dennoch eine große Leichtigkeit hat in der Art wie er diese
transportiert. Ist das Drehbuch hier das einzige Geheimrezept oder kann man
diese Atmosphäre mit bestimmten Mitteln erzeugen?
Andreas Dresen: So etwas hat mit allen Beteiligten an dem Film zu tun. Erstmal
treffen Wolfgang und ich uns da sehr gut, weil wir – obwohl wir aus ganz
unterschiedlichen Generationen kommen - doch über viele Dinge ähnlich
denken. Auch über ähnliche Dinge lachen können. Wir haben eine
ähnliche Humorlage, aber irgendwo sicherlich auch eine ähnliche Grundmelancholie.
Insofern passt das gut mit uns beiden. Dann kommen da natürlich die Schauspieler
hinzu, wo sich so eine Gefühl auch decken muss. Man schwört sich gemeinsam
auf eine bestimmte Erzähllage ein. Insofern ist das etwas,was durch alle
Beteiligten entsteht, durch die Vorgabe der Geschichte aber auch ganz entscheidend
geprägt wird.
Moviesection: Kann man während des Drehs schon merken, ob das funktioniert,
oder merkt man so etwas erst im Schneideraum?
Andreas Dresen: Ehrlich gesagt, begleitet mich in den gesamten Produktionsprozessen
immer eine ungeheure Unsicherheit. Beim Drehen gibt es manchmal so einen Moment,
wo man spürt: Das ist schön, da blüht etwas auf. Ob sich das
dann im Grundton aber wirklich fügt, ob die Geschichte wirklich zum Laufen
kommt, ob sie sich erzählt und insgesamt das richtige Stimmungsgefühl
hat sieht man erst später. Gerade bei einer Konstellation, wo es immer
wieder changiert zwischen Tragik und Komik, zwischen Sentimentalität und
Albernheit bekommt man das endgültige Gefühl eigentlich erst, wenn
die Geschichte geschnitten und fast fertig gestellt ist. Ehrlich gesagt, ich
weiß jetzt noch nicht, ob es an allen Stellen wirklich funktioniert. Die
Unsicherheit ist auch in der Veröffentlichung immer ein permanenter Begleiter.
Wahrscheinlich benötigt man dazu einfach ein paar Jahre Abstand.
Moviesection: Henry Hübchen ist als Otto Kullberg sehr passend. Er füllt
die Rolle sehr authentisch aus. Hast Du gleich an ihn gedacht, als Du das Drehbuch
gelesen hattest, oder hat sich das erst im Laufe des Castingprozesses herauskristallisiert?
Andreas Dresen: Ich habe ehrlich gleich an ihn gedacht, weil ich dachte diese
Rolle muss ein Schauspieler spielen, der noch nicht zu alt, aber schon in die
Jahre gekommen ist. Der noch genügend Vitalität hat, dass sein Ausscheiden
in so einem Prozess eine gewisse Tragik hat, weil er auch noch ein Stück
vor sich hat. Zudem finde ich Henry Hübchen einen großartigen Komödianten.
Nicht nur jemand der Slapstick kann und die dazugehörige Technik, sondern
der zum anderen hinter der Komik auch immer den Abgrund und die Verzweiflung
spüren lässt. Wenn Henry in einer Szene mit dieser Flasche auf der
Tischkante herumdrischt, ist das zwar auf der einen Seite sehr absurd und auch
sehr lustig andererseits aber auch sehr verzweifelt, weil man merkt, dass dieser
Mann wirklich um seine Existenz kämpft. Um seinen Platz im Leben. Und sein
Platz im Leben war bisher immer nur bei Dreharbeiten. Jetzt muss er zusehen,
dass er dort auch bleiben darf, sonst hat er nämlich nichts. Henry verkörpert
das großartig.
Moviesection: Eine „Zweitbesetzung“ ist schon eine recht drastische
Maßnahme. Käme so etwas für Dich auch in Frage, als unorthodoxes
letztes Mittel zum Beispiel?
Andreas Dresen: So etwas kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich finde
das auch zynisch. Zu was soll so etwas führen? Man benötigt dadurch
ja auch die doppelte Produktionszeit, weil man alles zweimal drehen muss. Das
bedeutet doppelte Arbeitszeit. Mal ganz davon abgesehen in welche moralischen
Konflikte das einen stürzt.
Moviesection: Du lässt den Schauspielern gerne teilweise großen
Freiraum für Improvisationen, wie zum Beispiel bei „Halbe Treppe“.
Hast Du mit diesem Mittel auch bei „Whisky mit Wodka“ gearbeitet?
Andreas Dresen: Wenn man ganze Geschichten improvisiert, wie bei „Halbe
Treppe“ oder „Wolke 9“, wo im Prinzip jeder gesprochene Satz
in dem Moment erfunden wird, wo die Schauspieler ihn aussprechen – hier
gab es überhaupt keine geschriebenen Texte – ist das etwa anderes,
wie wenn man einen Drehbuchautor wie Wolfgang Kohlhaase hat. Er hat so eine
geschliffene Sprache, solche pointierten Dialoge. Da werde ich einen Teufel
tun und drauflos improvisieren - das wäre jammerschade. Bei „Whisky
mit Wodka“ gab es daher ganz wenig Raum für Improvisationen. Die
Flaschenszene von Henry Hübchen ist eine solche. Sie steht in dieser Form
nicht im Drehbuch. Es gibt auch eine Szene nachts im Landgasthof, wo wir uns
etwas vom Drehbuch entfernt haben. Das sind jedoch ganz vorsichtige Abschweifungen.
Im Großen und Ganzen haben wir das Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase Satz
für Satz versucht mit Leben zu erfüllen.
Moviesection: Ist das Thema „Älterwerden“ etwas was Du Dir
auch für kommende Projekte vorstellen kannst oder ist das momentan eine
zufällige Häufung und erstmal abgeschlossen?
Andreas Dresen: Das nächste Projekt kann bestimmt wieder ganz anders aussehen.
Man möchte sich ja auch nicht immer mit ein und demselben Thema beschäftigen.
Ich weiß aber ehrlich noch gar nicht was mein nächstes Projekt wird.
Volker Schlöndorff hat mir einmal gesagt: „Man darf nicht suchen.
Projekte kommen zu einem!“ Das stimmt in gewisser Weise. Wenn man beginnt
ganz verkrampft „rumzugraben“ wird das meistens nichts. Momentan
möchte ich alles erst einmal etwas sacken lassen. „Whisky mit Wodka“
muss zunächst richtig rauskommen, dann muss eine gewisse Ruhe einkehren
und dann kann man schauen. Ich habe die letzten Jahre sehr atemlos verbracht
mit Produktionen und Veröffentlichungen in kurzer Zeit. Jetzt brauche ich
eine Pause, um auch wieder einmal nachzudenken. Doch dann werde ich bestimmt
wieder versuchen etwas anderes zu machen. Wiederholen ist ja langweilig.
Moviesection: Vielen Dank für das nette Gespräch.
© Bild -und Textmaterial: Melanie Frommholz, Moviesection.de