Special

30. Biberacher Filmfestspiele



Das Familienfest deutscher Filmemacher!

Moviesection bei den 30. Biberacher Filmfestspielen.

Das Familienfest der Filmschaffenden ging 2008 in die 30. Runde und zum Jubiläum hatten sich die Veranstalter nicht lumpen lassen und ein Megaprogramm aufgefahren.  Dieses Jahr starteten statt der üblichen 70 stattliche 95 Filme! Bereits der Vorverkauf ließ eine 5-stellige Zuschauerzahl erwarten. Ehrengast war der Filmemacher Michael Verhoeven, aber auch Schauspieler Klaus-Maria Brandauer und Regisseur Joseph Vilsmaier hatten sich angekündigt. Weitere Überraschungsgäste nicht ausgeschlossen. Eine weitere Neuerung in diesem  Jahr war der Schülerbiber, der von einer Schülerjury vergeben wird und mit 1.000 € dotiert ist. 

Eröffnungsfilm
Gleich zu  Beginn gab es mit „Im Winter ein Jahr“ ein echtes Filmschmankerl.  Regisseurin und OSCAR Preisträgerin Caroline Link stellte ihr neues Werk persönlich in Biberach vor.
Nach der Vorstellung der Ehrengäste erklärte die Ministerin Frau Dr. Stolz, die in Vertretung von Ministerpräsidenten Oettinger anwesend war, dass die Biberacher Filmfestspiele vor allem für den Filmnachwuchs enorm wichtig seien und bezeichnete den 30. Jahrestag dieses Ereignisses als „Das Wunder von Biberach“. Vor allem alle Ehrenamtlichen, die dieses Filmfestival möglich machen, nannte Stolz den „Schatz von Biberach und damit von Baden-Württemberg“. „Der Biber schwimmt sei dreißig Jahren gegen den Strom.“ war der abschließende Kommentar der Ministerin.
Landrat Dr. Heiko Schmied, der von der Moderatorin als „eingebürgerter Biberacher“ vorgestellt wurde, sagte kurz und prägnant: „Es ist, wie es sich gehört in Oberschwaben.“ Die Biberacher Filmfestspiele seien etwas Originales, wie man es sonst nirgends auf der Welt finde.
Adrian Kutter, Organisator der Filmfestspiele seit der ersten Stunde, wird wohl in Bezug auf die Filmauswahl der 30. Biberacher-Filmfestspiele immer wieder gefragt, ob damit auch die Stimmung der depressiven Finanzkrise vorweggenommen worden sei. Kutter betonte, er sei stolz auf die Themen der diesjährigen Filme, denn diese würden schließlich uns alle betreffen.
Anschließend eröffnete Biberachs Oberbürgermeister Herr Fettback die Biberacher Filmfestspiele und kündigte gleichzeitig den Eröffnungsfilm „Im Winter ein Jahr“ an, der von der Regisseurin und OSCAR Preisträgerin Caroline Link vorgestellt wurde.

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Filmvorstellung: "Im Winter ein Jahr"


Spielfilm, 128 Minuten

Story
Der Künstler Max Hollander bekommt von Eliane Richter den Auftrag, ein Porträt ihrer beiden Kinder zu malen. Das Problem an der Sache ist allerdings, dass nur die 22jährige Lilli als Modell zur Verfügung steht. Ihr drei Jahre jüngerer Bruder Alexander kam im Jahr zuvor bei einem Unfall ums Leben. Lilli, die Tanz studiert, ist wenig begeistert vom Wunsch ihrer Mutter, zu der sie ein äußerst schwieriges Verhältnis hat. Zunächst geht sie völlig unmotiviert zu den Sitzungen im Studio des Malers, der versucht, etwas über die Beziehung der beiden Geschwister zueinander herauszufinden. Je öfter Lilli bei Max Modell sitzt, desto mehr spürt dieser, was die wahren Gefühle der nach außen hin so tough wirkenden jungen Frau sind. Der Künstler merkt, dass Lilli große emotionale Probleme hat – und nicht nur sie. Auch ihre Eltern kommen mit der Situation kaum klar und versuchen, jeder auf seine Weise, irgendwie weiterzuleben. Je näher Max und Lilli einander kommen, desto klarer wird für den Maler, dass er das Bild, das Eliane sich von ihren beiden Kindern erhoffte, so nicht malen kann. ...zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Nach begeistertem Applaus aus dem Publikum erzählte eine äußerst sympathische Caroline Link in der anschließenden Fragerunde von ihrem 2007 gedrehten Film „Im Winter ein Jahr“, der auf einem amerikanischen Roman basiert. Die Dreharbeiten hat sie als sehr schön empfunden und vor allem mit ihren Darstellern ist sie nach eigener Aussage mehr als zufrieden.
„Im Winter ein Jahr“ hat die Regisseurin ihrer Tochter Pauline gewidmet und lächelnd erzählte sie, dass die während der Dreharbeiten auch ganz gut ohne ihre Mama auskam. Pauline hätte es sich mit dem Papa gut gehen lassen, während ihre Mama beruflich zu tun hatte.
Auf die Frage aus dem Publikum, ob sie denn die Musik zum Film schon vor den Dreharbeiten im Ohr gehabt hätte, sagte Link, dass das während der Dreharbeiten mit gewachsen sei. Einige Layouts wären schon während des Drehs entstanden, doch der Regisseurin wurde es dann zu viel und zu kitschig. So wurde die Musik immer weniger, bis es am Ende für sie stimmte. Der Song von Peter Gabriel traf das Gefühl für die entsprechende Szene so sehr, dass Frau Link ihn einfach haben musste. Es war nach ihrer Aussage zwar sehr teuer, die Rechte dafür zu bekommen, doch es hat sich offensichtlich gelohnt. Die Regisseurin verriet, dass die Schlusstanzszene ganze drei Tage gebraucht habe, bis sie im Kasten war, was vor allem für Hauptdarstellerin Karoline Herfurth sehr aufreibend gewesen sei. Fast schon entschuldigend fügt Link hinzu, dass in ihrem Film ja eigentlich nicht viel passiere, dass es ihr aber sehr wichtig gewesen sei, die Spannung zwischen dem Maler und dem Mädchen herauszuarbeiten.
Auf die Publikumsfrage, woher denn die Idee gerade zu diesem Stoff gekommen sei, erklärte Caroline Link, dass das damit zusammenhänge, dass vor drei Jahren ihr Vater gestorben sei. Diese Begegnung mit dem Tod sei für sie ein sehr beeindruckendes Erlebnis im negativen Sinne gewesen. Sterben und Tod seien für sie plötzlich so nahe gerutscht und das hätte sie zu diesem Film inspiriert. Das Hauptaugenmerk lag für sie dabei eindeutig auf der Beziehung zwischen dem Maler und dem Mädchen, die ja keine Liebesgeschichte im eigentlichen Sinne sei. Die Frage, ob sie sich mit ihrem Drehbuch strikt an die Vorlage gehalten habe, konnte die Regisseurin nicht ganz eindeutig mit ja beantworten. Sie sagte, der Autor des Buches könne sich sehr gut mit ihrem Film identifizieren, wobei das Buch die Geschichte allerdings aus verschiedenen Perspektiven erzählt, was für ihr Drehbuch aber nicht so geeignet gewesen sei. Auch sei der Maler im Buch im Gegensatz zum Film ganz klar homosexuell. Doch Link ist der Meinung, Geist und Stimmung des Buches in ihrem Film ganz gut eingefangen zu haben.
Ein Zuschauer wollte wissen, ob nach Links Meinung der Film kitschiger geworden wäre, hätte sie ihn in Amerika gedreht und ob er mit großer Starbesetzung in den USA besser geworden wäre. Die Regisseurin glaubt nicht, dass es irgendeinen Zwang für sie gegeben hätte, den Film kitschiger werden zu lassen, wobei sie zugibt, dass er als amerikanische Produktion mit Sicherheit zwanzig Minuten kürzer geraten sei. Sie schätzt es aber nach eigener Aussage sehr, ihre Filmpartner in Deutschland frei wählen zu können. Für sie sei es wichtig, es einfach so tun zu dürfen, wie es ihr gefalle. Zudem stellt sie es sich auch sehr schwierig vor, obwohl sie ganz gut englisch spricht, in einer doch fremden Sprache genau das auszudrücken, was ihr wichtig ist. „Ich muss da nicht unbedingt hin.“ lautet Links eindeutiger Kommentar zu diesem Thema, zumal sie von dem „leidigen OSCAR-Gewinn“ nach eigener Aussage sowieso genug habe.
Nachdem Caroline Link noch verraten hatte, dass ihr Film mit 5.000.000 Euro Produktionskosten im Vergleich zu amerikanischen Produktionen doch eher billig geraten sei und der Maler, der die im Film zu sehenden Bilder gemalt hat, Florian Süßmeier heiße, verabschiedete sie sich in ihrer beschwingten und angenehmen Art von ihrem begeisterten Publikum.



Interview mit Regisseurin Caroline Link



"Ich finde diesen Auslands-OSCAR etwas überbewertet."
Moviesection im Gespräch mit der Regisseurin Caroline Link.

Moviesection: Frau Link, können Sie die Frage nach Ihrem gewonnenen OSCAR überhaupt noch hören?
Caroline Link: (lacht) Nein, ich kann sie nicht mehr hören.

Moviesection: Hat sich für Sie durch den OSCAR etwas verändert?
Caroline Link: Es ist schon so, dass man durch den OSCAR natürlich viele Möglichkeiten bekommt, und wenn man in den Startlöchern steht und starten will, kann man das leichter tun. Man kann versuchen, Projekte in Amerika zu machen, wenn man das denn möchte. Ich hatte diese Möglichkeiten theoretisch auch und habe mich an zwei Projekten versucht, die aber aus verschiedenen Gründen nichts geworden sind. Ich wollte es aber auch nie so ganz intensiv, weil ich im gleichen Jahr, in dem ich den OSCAR gewann, auch mein Baby bekommen habe, was ja hinlänglich bekannt ist. Mit einem kleinen, frisch geborenen Baby auf dem Arm macht es sich schlecht Karriere in Hollywood, da waren meine Ambitionen auch wirklich eingeschränkt. Ich wollte auch nicht gleich wieder weg sein.

Moviesection: Man stellt sich ja immer vor, dass einem nach dem OSCAR alle Türen offen stehen, dass man zig Filmprojekte im Jahr angeboten bekommt…
Caroline Link: Nicht ganz so viele…

Moviesection: Es hat sie ja total sympathisch gemacht, dass Sie damals nicht zu der OSCAR-Verleihung gefahren sind, weil Ihr Kind krank war…
Caroline Link: Dankeschön!

Moviesection: Bekommt man als deutsche Filmemacherin, die den OSCAR gewonnen hat, nicht einen unheimlichen Druck?
Caroline Link: In mir regt sich ja schon immer ein bisschen der Widerspruchsgeist, wenn alle Leute von mir erwarten, dass ich mich jetzt so oder so zu verhalten habe. Da kommt bei mir dann das Trotzgefühl. Ich muss überhaupt nichts und wenn ich das Gefühl habe, dass es der falsche Zeitpunkt in meinem Leben ist, dann mache ich das eben nicht. Es war ja nicht nur so, dass ich ein Baby bekommen habe, sondern meine Tochter war ja mit einem halben Jahr furchtbar krank, so dass mein Mann und ich uns schreckliche Sorgen gemacht haben. Jeder, der mir dann gesagt hat, da könne doch auch mal die Oma auf Pauline aufpassen, hat sich durch diese Fragerei bei mir schon disqualifiziert. Ich wollte einfach da sein für meine Tochter. Es hat mich auch beschäftigt und belastet, dass es doch wohl nicht sein kann, dass man jetzt einen OSCAR gewinnt und dann absolut nichts daraus macht. Aber wenn ich etwas wirklich will, dann klappt das auch, weil ich einfach sehr dickköpfig sein kann. Aber der Wunsch, nach Amerika zu gehen, war bei mir einfach nicht so groß. Man muss ja auch in Amerika erstmal ein Projekt finden, was einem wirklich gefällt, es ist ja nicht so, dass ich zehn oder zwanzig ganz tolle Drehbücher auf dem Tisch hatte. Ich habe zwar wahnsinnig viele Drehbücher zugeschickt bekommen, aber die allermeisten haben mich überhaupt nicht interessiert. Es sind auch viele Drehbücher in Amerika mittelmäßig oder schlecht und die besten werden natürlich gleich von den besten Regisseuren abgegriffen. Und da bin ich nicht die absolute Number One auf der Liste der Drehbuchautoren.

Moviesection: Aber es hat schon viele Fans nachhaltig beeindruckt hat, wie Sie sich da verhalten haben. Das macht einfach nicht jeder.
Caroline Link:
Es kommt aber auch dazu, dass ich diesen Auslands-OSCAR etwas überbewertet finde. Ich finde ihn toll, ich freue mich auch wahnsinnig, er ist nichts Alltägliches und es wäre wirklich gelogen zu sagen, dass ich nicht stolz darauf bin. Aber das Gedöns, was in Deutschland über den OSCAR gemacht wird, finde ich etwas übertrieben, weil es wirklich auch schon sehr mittelmäßige Filme gab, die diesen Auslands-OSCAR gewonnen haben. Das ist bei den amerikanischen Kategorien etwas anderes, denn da stimmen wirklich alle Academy-Mitglieder mit, was beim Auslands-OSCAR nicht so ist. Da gibt es eine sehr viel kleinere Truppe der Film-Veteranen, die aussuchen, und die stehen ganz offensichtlich extrem auf zwischenmenschliche Dramen, Behindertengeschichten und vor allem auch auf Filme über den Zweiten Weltkrieg, und diese Geschichten haben dann auch immer gute Chancen. Die Auswahl ist weder besonders innovativ oder besonders verrückt oder überraschend. Wie gesagt, ich freue mich wirklich sehr, aber es ist, was es ist und nicht mehr.

Moviesection: Gehen Sie oft und gern ins Kino?
Caroline Link: Ja natürlich gehe ich ins Kino!

Moviesection: Haben Sie einen Lieblinsfilm?
Caroline Link: Im letzten Jahr hat mir sehr gut „Into the Wild“ von Sean Penn gefallen. Das war ein Film, der mich wahnsinnig getroffen hat, weil ich in der Stimmung war, weil ich mich auf einen endlosen Kinonachmittag eingerichtet hatte – der Film ist ja endlos lang! Ich bin eingetaucht in diese Welt und war so beeindruckt – das war ein ganz subjektives, momentanes Erlebnis, glaube ich. Sean Penn war auch einer derjenigen, die wir angesprochen hatten wegen der Rolle des Malers in meinem Film. Den finde ich einfach großartig als Schauspieler.

Moviesection: Haben Sie demzufolge eine Vorliebe für Filme, die eine Aussage haben, die etwas melancholisch und ruhig sind und eine Botschaft haben? Ich sage jetzt mal ganz klischeehaft: Für „schwierige“ Filme?
Caroline Link: Nicht unbedingt. Ich lache auch wirklich gerne im Kino und habe einen Heidenrespekt vor einer guten Komödie. Das würde ich auch nicht unbedingt machen wollen, weil ich ganz große Angst davor hätte, damit auf die Nase zu fliegen. Es ist sehr schwer, eine Komödie wirklich gut zu machen, so dass der Humor auch intelligent ist und dass die Story nicht nur happy und fröhlich und oberflächlich ist, sondern dass sie auch noch etwas transportiert, was tiefer geht. Klar, aber Filme, die mir nachhaltig bleiben, sprechen mich schon noch mal auf einer anderen Ebene an, das stimmt.

Moviesection: Haben Sie ein Beispiel?
Caroline Link: “Babel“, oder auch „Lost in Translation“ fand ich einen ganz tollen Film, da hat mich die Beziehung zwischen dem älteren Mann und dem Mädchen sehr berührt und das fand ich auch sehr komisch. Ich habe viel gelacht, aber er ging mir auch sehr unter die Haut. Bei „Im Winter ein Jahr“ muss ich öfters an „Lost in Translation“ denken, weil die Konstellation ähnlich ist, wie bei dem Maler und dem Mädchen in meinem Film. Diese zwei Menschen, die sich mal kurz begegnen in ihrem Leben, aber dann auch wieder auseinander gehen, die für einen Moment in ihrem Leben sehr wichtig füreinander waren.

Moviesection: Was machen Sie als nächstes?
Caroline Link: Erstmal wieder sechs Jahre lang nachdenken. (lacht) Ich denke mal, so im Zwei-, Dreijahrestakt werden Filme von mir ins Kino kommen. Ich schreibe die Drehbücher ja immer selber, und das dauert so etwa ein Jahr.

Moviesection: Wie schwierig ist denn die Besetzung der Schauspieler?
Caroline Link: Überhaupt nicht, deswegen finde ich das ja auch alles so easy. Man muss natürlich die richtigen Leute für die Rollen finden, aber dann hat man hier in Deutschland die Freiheit, das Telefon in die Hand zu nehmen und die persönlich anzurufen und zu fragen, ob man das Drehbuch einfach mal schicken darf. Das ist hier so was von unkompliziert im Vergleich zu Amerika. Dort ist das so mühsam, da sprechen so viele Leute mit: Manager, Agenten, Produktionen. Die Besetzung ist da Bargeld, von der hängt alles ab. Das ist mir wahnsinnig auf die Nerven gegangen bei den wenigen Erfahrungen, die ich dort sammeln konnte!

Moviesection: Die amerikanischen Filme dominieren immer noch unsere Kinos und das, obwohl wir Deutschen so gute Filme machen. Es ist schade, dass die deutschen Filme immer noch so untergehen, obwohl wir großartige Schauspieler und Regisseure haben. Und dann starten diese Filme einfach nicht!
Caroline Link: Die Qualität von Filmen hat nicht unbedingt etwas mit Geld zu tun. Aber das Vermarkten von Filmen hat definitiv etwas mit Geld zu tun. Und wir Deutschen haben kein Geld, der Markt ist so begrenzt, dass nicht unbedingt wieder soviel Kohle reinkommt. Da bin ich wirklich froh, dass ich mit meinen anspruchsvollen Inhalten und Themen zu Constantin-Film kam, weil die auch wirklich die Möglichkeit haben, einen solchen Film ins Kino zu bringen. Wenn meine Filme auch noch kleine, sehr ehrenwerte, aber limitierte Verleihe hätten, dann würden die vielleicht auch nie das Licht der Kinosäle erblicken.

Moviesection: Waren Sie schon mal in Biberach?
Caroline Link: Ja, 1996 haben wir gewonnen mit „Jenseits der Stille“.

Moviesection: Wie ist es hier für Sie mit dem Publikum, mit der Atmosphäre?
Caroline Link: Mal schauen, ich bin gespannt, ob sie immer noch so wild diskutieren. Letztes Mal haben sie viel diskutiert, es gab wirklich gute Gespräche. Insgesamt ist das Publikum braver geworden – mal schauen, ob das Biberacher Publikum auch braver geworden ist. Man erlebt es eigentlich nicht mehr so, dass die Leute etwas hinterfragen oder auch mal in Frage stellen.

Moviesection: Das wollen Sie also schon?
Caroline Link: Ja, das ist das, wovor man Angst hat und gleichzeitig freut man sich hinterher, wenn es wirkliches Interesse gegeben hat. Weil nichts langweiliger ist, als freundlicher, gut gemeinter Applaus und dann gehen alle nach Hause und reden darüber, was sie sich jetzt zum Essen kochen, und der Film hat überhaupt keinen Eindruck hinterlassen. Man wünscht sich ja schon, dass irgendetwas bleibt, oder dass der Film etwas bewirkt bei den Leuten – dass man sich zumindest austauscht.

Moviesection: Was für ein Gefühl ist es denn, seinen eigenen Film auf der Leinwand zu sehen und dabei die Reaktionen des Publikums zu beobachten?
Caroline Link:  Es ist schön, wir hatten jetzt ja schon einige Test-Screenings und in Toronto mussten die Leute auch noch die Untertitel lesen, was ja auch noch mal eine Herausforderung ist. Das ist für mich natürlich immer der Moment der Wahrheit.

Moviesection: Ist es dann auch so, dass Sie wirklich sagen können „Ja, so habe ich mir das vorgestellt.“, wenn sie den Film zum ersten Mal auf der Leinwand sehen?
Caroline Link: Es ist bei mir eigentlich nicht so, aber bei „Im Winter ein Jahr“ ist es wirklich so, dass ich  sagen kann, dass er so ist, wie ich das wollte. Wenn das mein Baby wäre, dann würde ich sagen, es ist nicht ganz perfekt, er ist schon lang und hat einige Längen in der Mitte. Aber ich konnte mich im Schneideraum nicht dazu durchringen, die eine oder andere Szene herauszuschneiden, weil ich jede einzelne Szene einfach unheimlich wichtig finde. Wenn z. B. Max noch mal zu seinem Sohn geht – das sind all die Dinge, die das Ganze etwas in die Länge ziehen, aber ich konnte es einfach nicht rausnehmen.

Moviesection: Es fällt immer wieder auf, wie wichtig Bilder in ihren Filmen sind. Auch dieser Film ist wieder unglaublich bildgewaltig. Zudem sind Bilder an sich ja auch das Thema Ihres Films. Wie wichtig ist für Sie denn das Bild an sich?
Caroline Link: In dem Stoff hier geht es ganz stark darum, wie sich Menschen Bilder von anderen Menschen machen. Der Maler versucht es, weil es sein Job ist, er versucht es nur objektiv, er hört einfach zu und alles prallt ein bisschen an ihm ab. Er hat ja auch seine Sorgen, aber um ihn herum tobt ein Sturm und er ist ein ruhender Pol in der Mitte. Aber es geht ganz stark darum, wie man jemanden sieht, wie man auf ihn schaut, ob man ihn zu dem macht, was man sehen will, oder ob man wirklich sieht, was er ist. Das fand ich auch immer das Tolle an dem Roman, bzw. an der Geschichte. Die Kamera war mir in dem Film immer ganz wichtig, weil mir von Anfang an klar war, dass wir nicht auf den Plot vertrauen können, sondern eine Atmosphäre mit den Bildern schaffen müssen, die den Film wirklich zwei Stunden lang trägt. Es passiert ja wie gesagt wirklich wenig, man muss in der ganzen Kameraarbeit so dicht an den Figuren bleiben, in die Figuren hineinschauen und so dabei bleiben, dass der Film das Publikum wirklich fesselt. Die  Kamerafrau, Bella Halben, war für mich eine ganz besondere Entdeckung, die ist eine tolle Frau. Wir waren da so ein Frauenpowerteam und das war schön, es war eine ganz eigene Atmosphäre.

Moviesection: Die Darsteller sind in diesem Film ja ganz besonders wichtig und man spürt auch, dass sie alle ganz starke Persönlichkeiten sind. Haben Sie, wenn sie das Drehbuch schreiben, schon ganz konkrete Personen im Kopf? Wie kommen Sie zu solchen Darstellern, wie wächst das bei Ihnen?
Caroline Link: Bei der Rolle des Max habe ich sofort an Josef Bierbichler gedacht. Ich hab’ mir einen Film angeschaut, den ich schon mal vor langer Zeit gesehen habe, „Die schöne Querulantin“ mit Michel Piccoli. Und als ich den Piccoli gesehen habe, habe ich irgendwie an den Bierbichler gedacht. Die sind beide aus demselben Holz, weil die beide so bodenständige Charaktere sind. Bierbichler ist ein irgendwie attraktiver Mann, weil er so eine Type ist, so einen Tiefgang und eine Sensibilität hat. Und da fiel mir dann irgendwie auch kein anderer mehr ein. Huch, jetzt dachte ich gerade, da steht der Mooshammer, aber der ist doch schon tot (lacht).  Dann habe ich das Drehbuch so für ihn zurechtgeschnitten, dass es für mich eine Katastrophe gewesen wäre, wenn er gesagt hätte, dass er es doch nicht machen will. Ich war ganz froh, dass er dann tatsächlich mit uns gedreht hat.

Moviesection: Erleben Sie es ab und an schon, dass Schauspieler nicht mit Ihnen drehen wollen?
Caroline Link: Der Bierbichler ist ja sehr eigen mit dem was er macht und was er nicht macht. Da kommen viele Komponenten dazu, so will er ja beispielsweise nie Teil einer Maschinerie sein, wie etwa Constantin-Film. Aber er hat es dann gemacht, und wir hatten gute Gespräche vorher. Aber ansonsten war das kein Problem, die Darsteller zu bekommen, das war nach den ganzen Wartereien in Amerika sehr erfreulich.

Moviesection: Würden Sie sagen, dass es leichter ist, in Deutschland einen Film zu machen als in den USA?
Caroline Link: Für viele Leute ist es in Deutschland wahnsinnig schwer, aber ich kann mich nicht beklagen, weil ich ja schon ein Stück weit machen kann, was ich will. Ich kann das aber nicht pauschalieren und behaupten, es wäre in Deutschland leichter, denn dann würden mir viele Kollegen auf die Mütze hauen und sagen: „Du bist ja lustig, Deine Probleme hätte ich gerne.“ Denn das ist ja für die allermeisten nicht die Realität. Zu Amerika kann ich nur sagen, dass dort so viel von der Gunst der Managements, der Agenturen und der Schauspieler abhängt. Ohne namhafte Schauspieler ist es in Amerika wahnsinnig schwer, einen Film auf die Beine zu stellen. Oder alle arbeiten umsonst und machen einen Independentfilm für eine Million Dollar oder so. Aber darauf hat man ja auch nicht mehr ewig Lust. Das kann man machen, wenn man von der Filmhochschule kommt. Aber ich hätte jetzt keine Lust mehr, meine Teammitglieder immer zu bitten, umsonst zu arbeiten. Das ist mit den Stars natürlich schwer, denn wenn einer einen gewissen Marktwert hat, wird der ja auch mit Drehbüchern zugeschüttet, und an die Leute ranzukommen ist sehr schwer.

Moviesection: Sie haben bei der Anmoderation des Films gesagt, das Publikum solle keine Angst davor haben, der Film sei furchtbar schwer oder traurig. Und sie haben betont, dass Ihre Filme auch immer voller Hoffnung seien, dass es immer einen kleinen Hoffnungsschimmer gäbe. Wie schwierig ist es für Sie, diesen Aspekt in die Handlung einfließen zu lassen?
Caroline Link: Mein Ziel ist es immer, den Humor nicht völlig aus den Filmen verschwinden zu lassen, auch wenn man ein ganz ernstes Thema behandelt. Ich finde, in Deutschland werden die Themen oft mit so einem Bierernst behandelt, mit einer Erstarrung, die oft komplett humorlos wird. Das finde ich gar nicht nötig, denn ein Mensch, der in Not ist oder leidet, ist ja trotzdem nicht völlig freudlos. Ich finde, man kann auch in solchen Filmen oder zumindest in gewissen Momenten eine Leichtigkeit oder eine Lebensfreude erzielen. Das ist deswegen nicht gleich weniger kunstvoll. Ich finde dieser kleine, vorsichtige Humor, den Max, der Maler da reinbringt, tut der Sache ja nur gut. Deswegen ist es ja nicht weniger traurig und deswegen ist es auch nicht oberflächlich. Ich sehe das Leben einfach auch nicht so furchtbar schwer, ich glaube schon, dass ich ein positiver Mensch bin. Deswegen präge ich meine Filme natürlich auch mit meiner Denkweise.

Moviesection: Mir und ich glaube auch dem Publikum ging es am Ende des Filmes gut, man hatte das Gefühl, dass doch alles irgendwie gut wird – und das ist es doch, was man im Leben auch braucht.
Caroline Link: Wenn Filme so wahnsinnig ernst enden, bin ich als Zuschauer sauer und traurig. Ich will auch Hoffnung, ich will die Hoffnung nicht verlieren.

Moviesection: Frau Link, vielen Dank für das tolle Gespräch und den wirklich wunderschönen Film.




Filmvorstellung: "Eine Nacht im Grandhotel"


TV-Film, 90 Minuten

Story
Hoteldedektiv Sander schlägt sich in dieser Nacht mit den verschiedensten Problemen herum. Der Gast von 124, Herr Petersen, traktiert in seinem Liebeskummersuff seine Umwelt mit lautem Gesang, der Restaurantchef sucht verzweifelt zwei Kisten seines besten Rotweins und verdächtigt zunächst einmal alle außer sich selbst, der erste Koch bangt um das Leben seiner drogensüchtigen Tochter und die alternde Chanson-Diva van Borgers echauffiert sich über einen entblösten Masseur. Dies alles wäre für Sander noch „normales“ Tagesgeschäft, wäre da nicht dieser durchdringende Duft, der durch die Hotelflure wabert und der ihn an ein vergangenes Leben erinnert. Seine Nase trügt Sander nicht, seine große Liebe Greta, ist tatsächlich im Hotel und wartet auf ihren kriminellen Ehemann. Doch sie wartet nicht allein, wie sich herausstellt. ...zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Zur Primetime um 20:15 Uhr stellte der NDR einen seiner kommenden TV-Filme „Eine Nacht im Grandhotel“ vor. Die Geschichte rund um den Hoteldetektiv Paul Sander und „sein“ Hotel kam beim Publikum nicht zuletzt wegen der genial-guten Besetzung hervorragend an. Das Biberacher Publikum war sich einig: Dieser Film gehört wirklich ins Kino! NDR-Redakteurin Barbara Beauvais berichtet, dass sie noch kämpfen, den Film auch ins Kino zu bringen. Zusammen mit den Darstellern Udo Samel und Stephanie Japp holte sie sich reichlich Applaus ab und freute sich über die sichtlich positive Resonanz. 




Filmvorstellung: "Die zweite Frau"


Spielfilm, 95 Minuten

Story
Erwin ist 41 Jahre und wohnt noch immer als ewiger Junggeselle bei seiner Mutter. Dies soll sich nun jedoch ändern. Zwar hat er nicht vor aus dem Elternhaus auszuziehen, aber eine Frau soll nun her. Da er an dem abgelegenen Ort, an dem er zusammen mit seiner Mutter wohnt, keine Frau ausfindig machen kann, reist er kurzer Hand nach Rumänien, um dort in Bukarest mit Hilfe einer Partnervermittlungsagentur die passende Lebensgefährtin zu finden. Und tatsächlich: Er wird fündig und nimmt die hübsche Irina mit zu sich nach Hause. Die hat es in dem eingespielten Zweimannhaushalt nicht einfach, ist jedoch stark genug um sich gegen die tyrannische Mutter durchzusetzen und um ihr neues Glück zu kämpfen. ...zur Filmkritik



Anschließende Publikumsdiskussion
„Ich wollte auch mal eine einfache Geschichte machen.“ (Hans Steinbichler)

Im Anschluss an die Filmsichtung von „Die zweite Frau“ stand Hans Steinbichler seinem Publikum Rede und Antwort. Der sympathische Regisseur berichtete, dass es vor allem interessant gewesen sei die rumänische Schauspielerin Maria Popistasu zu finden. Da Matthias Brandt als Hauptdarsteller Erwin schon feststand, musste für die Irina eine Frau her, die man sich gut an der Seite von Brandt vorstellen konnte. Die Crew sei dazu nach Rumänien gefahren, um von dort aus ein paar Schauspielerinnen nach Deutschland zum Casting einzuladen. Von Maria Popistasu seien alle, vor allem auch Matthias Brandt, von Anfang an begeistert gewesen und auch später, während den Dreharbeiten, hat sich die Rumänin als Idealbesetzung erwiesen. Auch interessant zu erfahren war, dass die Tankstelle, der Spielort von „Die zweite Frau“, extra für den Film erbaut worden ist. Zwar habe die Crew lange nach einem passenden und bereits existierenden Ort gesucht, sei jedoch nicht fündig geworden. Kurzer Hand wurde dann der Entschluss gefasst, die Tankstelle einfach selbst an dem passenden Ort zu errichten.

Ein Zuschauer wollte von dem Regisseur wissen, was es mit der Figur des Karl auf sich hätte. Karl ist als bester Freund von Erwin zwar in vielen Szenen vertreten, spricht aber kein einziges Wort. Steinbichler war sichtlich erfreut über diese Frage und meinte, dass er selbst einmal einen solchen Freund gehabt hat. Einen Freund, der zwar immer anwesend war und viel beobachtet hat, aber kaum ein Wort von sich gab. Gerade in der heutigen Zeit fände er es schön, einen solch leisen Beobachter zu haben, der ein bisschen auch die Funktion eines Hundes übernehme, ergänzte Hans Steinbichler seine Antwort.

Zum Abschluss gab der Regisseur seinem Publikum noch preis, dass er nun auch mal eine einfache Geschichte machen wollte. Seine vorherigen Filme seien alle sehr anstrengend und tiefgründig gewesen. Das Drehbuch zu „Die zweie Frau“ kam ihm da gerade gelegen, da es auch viele witzige Situationen beinhaltet. Dass er seine Arbeit gut gemacht hat, bestätigten ihm am Schluss noch zwei Rumäninnen, die dem Regisseur für den Realismus in seinem Film dankten.

Interview mit Regisseur Hans Steinbichler



"Ich glaube, wenn es eine wichtige Aufgabe gibt im Leben, dann ist es die von den Eltern wegzukommen."
Moviesection im Gespräch mit Regisseur Hans Steinbichler

Moviesection: Ihr Film „Die zweite Frau“ ist eine Tragik-Komödie. Der Stoff für ein pures Drama wäre allerdings auch da gewesen. Warum sollte es dennoch an vielen Stellen lustig sein?
Hans Steinbichler: Die letzten drei Filme, die ich gemacht habe, waren alles Dramen. Da waren auch ziemlich heftige Sachen dabei. Mein letzter Film „Autistic Disco“ war das Heftigste überhaupt und dann wollte ich mich jetzt auch mal einem anderen Genre zuwenden. Als ich das Drehbuch zu „Die zweite Frau“ gelesen habe, habe ich gemerkt, dass das kein reines Drama ist, sondern eine Art von tragik-komisch. Und deswegen habe ich diesen Film ganz bewusst gewählt. Die Komik entsteht ja ganz oft aus der Tragödie, wenn man ganz bewusst hinschaut. Und wenn den Leuten etwas Schlimmes passiert und sie ihre Würde dabei nicht verlieren, dann ist es komisch. Genau das haben wir, bzw. ich,  versucht in dem Film zu machen.

Moviesection: Ihr Film behandelt im Grunde zwei Themen. Zum einen die enge Bindung zu der Mutter und zum anderen die Suche nach einem Lebensgefährten. Haben sie eine spezielle Bindung zu beiden, oder einem dieser Themen?
Hans Steinbichler: Das vorherrschende Thema war für mich die Mutter-Sohn-Bindung. Das hat mich sehr interessiert, weil wir in einer Zeit leben, in der sich diese Bindungen nicht mehr so klar lösen, weil alles ineinander übergeht. Die wenigsten Kinder werden von ihren Eltern mit einem Fußtritt herausbefördert. Es gibt heute viel mehr dieses Kuckuckssyndrom, das Kinder Ewigkeiten zu Hause sitzen und nicht wegkommen. Das halte ich natürlich für falsch oder nicht gesund. Das interessiert mich natürlich sehr, weil ich zum Beispiel auch eine Mutter habe, zu der ich eine starke Bindung habe, aber für mich war es wichtig diese Bindung eines Tages auch zu lösen. Ich glaube, wenn es eine wichtige Aufgabe gibt im Leben, dann ist es die, sich auf eigene Füße zu stellen und von den Eltern wegzukommen.

Moviesection: Was in Ihrem Film, ab dem Tod der Mutter, auch ganz klar noch thematisiert wird…
Hans Steinbichler: Genau. In dem Film ist es natürlich ein gewisser Kunstgriff, die Mutter sterben zu lassen. Ihr Sterben ist ihre Lösung, weil sie genau weiß, dass sie es lebend nicht schaffen würde. Ich will das nicht zu sehr psychologisieren, aber ich glaube, dass das so ist.

Moviesection: Man ist sich den ganzen Film auch nicht gänzlich im Klaren darüber, ob die Mutter nun wirklich so vollkommen gegen die Bindung ihres Sohnes zu einer anderen Frau ist…
Hans Steinbichler: Ja, so ist das. Die Mutter hat eine sehr extreme Rolle. Rational weiß sie, dass sie sich darum kümmern muss, dass ihr Sohn eine Frau bekommt und sich von ihr löst. Emotional weiß sie aber auch, dass sie es nicht schafft. Auf dieser Schneide schippert sie so dahin. Eigentlich gönnt sie es ihm zutiefst und auf der anderen Seite packt sie es einfach nicht – so etwas gibt es.

Moviesection: Mit Monica Bleibtreu haben Sie eine sehr starke Charakterdarstellerin für sich gewinnen können. Mussten Sie viel mit ihr arbeiten oder hat sie Ihre Rolle quasi selbst geprägt?
Hans Steinbichler: Ja, das mit der Monica Bleibtreu ist sehr interessant. Sie hatte große Angst vor der gewaltsamen Ablösung. Es gibt eine Szene, da habe ich ihr gesagt, dass sie ihren Sohn nehmen und schütteln muss. Das hat sie sich nicht getraut. Nicht wegen Matthias Brandt, sondern weil ihr Mutterherz für ihren Moritz wahrscheinlich ganz anders schlägt. Sie musste für den Film ihre eigene Mutterrolle verlassen und hat gesagt: „Ich habe niemals gedacht, dass ich das schaffe.“ Sprich, wir haben ganz viel darüber gesprochen. Ich wollte auf keinen Fall, dass sie bei sich bleibt. Sie musste wirklich eine ganz andere Rolle spielen. Das hat sie dann aber gut geschafft. Daran haben wir am Meisten gearbeitet in dem Film. An ihrer Rolle als Mutter.

Moviesection: Viel Erfolg für „Die zweite Frau“ und vielen Dank für das Interview!


Donnerstag, 30. Oktober 2008

Filmvorstellung: "Zweier ohne"


Spielfilm, 93 Minuten

Story
Johann und Ludwig haben sich gerade erst kennengelernt, da ist beiden schnell bewusst, dass sie befreundet sein wollen. Gemeinsam beginnen sie im sogenannten „Zweier Ohne“ zu rudern. Es dauert nicht lange und beide bewegen ihr Boot synchron, gewinnen jede Meisterschaft und sind auch außerhalb des Sportes eng befreundet. Doch als sich Johann in Ludwigs Schwester Vera verliebt, dreht Ludwig durch…...zur Filmkritik





Anschließende Publikumsdiskussion
Im Film „Zweier ohne“ spielt eine nicht fertig gebaute Autobahnbrücke mit einem darunter liegenden Haus eine zentrale Rolle. Bereits die erste Frage zielte darauf ab, ob es diese Brücke und dieses Haus wirklicht gibt. Da der Regisseur des Films bereits am vorherigen Tag wieder abreisen musste, stand „nur“ noch Hauptdarsteller Tino Mewes für die Beantwortung der Fragen zur Verfügung. „Die Brücke und das Haus gibt es wirklich, allerdings an verschiedenen Orten!“ gab Mewes zur Antwort. Die beiden Elemente wurden mittels CGI zusammengefügt und sehen erstaunlich echt zusammen aus. Tatsächlich würden die Brücke auch Menschen als Selbstmordinstrument benutzen, so Mewes.
Ein Zuschauer wollte wissen, ob die ständige Ruderei auch Muskeln gebracht hätten. „Ja! Po-Muskelkater!“, anwortete der Schauspieler freudig. Zwei Monate bereiteten sich die beiden Schauspieler Tino Mewes und Jacob Matschenz auf die Dreharbeiten im Boot vor und wurden u.a. von einem Trainer aus Berlin gecoacht.
Auf die Frage, warum Mewes die Rolle des Johann angenommen hat, musste der sympatische Schauspieler etwas ausholen: Für den TV-Film „Delphinsommer“ bewarb sich Mewes mit Matschenz um die gleiche Rolle. Tino konnte sich letztlich durchsetzen. Am Set erzählte der Regisseur des Films, Jobst Oetzmann, dass er gern eine Novelle, die „Zweier ohne“ heißt, umsetzen würde und ihn, Mewes, besetzen würde. Auf die Frage, wer denn Ludwig spielen sollte, antwortete Oetzmann, dass er Matschenz im Auge habe. Unglaubliche vier Jahre später wurde das Projekt dann realisiert. Tino Mewes ist sehr froh und glücklich über diese Zusammenarbeit, da sie auch ein wenig für die Freundschaft zwischen ihm und Jacob stehe. „Zweier ohne ist mein Traumprojekt!“ strahlte Mewes das Publikum an.



Interview mit Schauspieler Tino Mewes



"Der Beruf „Schauspieler“ ist noch immer ein absoluter Glückskeks."
Moviesection im Gespräch mit Schauspieler Tino Mewes.

Moviesection: Du bist in all Deinen Filmen ein sehr authentischer Schauspieler. Wie lange bereitest Du Dich auf Rollen vor?
Tino Mewes: Das mache ich wie alle anderen: Je nach Rolle. Rollen, wie in „Zweier ohne“, die ja jetzt keinen großen Schwierigkeitshintergrund haben, weil das ein ganz normaler Jugendlicher mit 17 Jahren ist, hat man erstmal einen relativ leichten Zugang. Im Vergleich zu „Fickende Fische“, was eine echte Vorbereitungszeit bedeutet hat. Wenn Du einen AIDS-kranken spielen willst, musst Du erstmal wissen, was alles mit der Krankheit zu tun hat, was Du für Pillen schmeißen musst, das ist wirklich alles eine ganz andere Arbeit. Es kommt wirklich komplett auf die Rolle an. Ich kann nicht beschreiben, wie ich da rangehe. Im Fall von „Fickende Fische“ war es so, das der Regisseur wollte, dass ich mich mit einem HIV-infizierten Jungen treffe, und mit ihm einen Tag verbringe. Hier ging es darum, die Novelle zu inhalieren, auf das Drehbuch zu warten und mich auf die sportliche Seite vorzubereiten.

Moviesection: Im Film musstest Du viel rudern, das heißt, Du musstest Dich viel vorbereiten…
Tino Mewes: Wenn Du jemanden spielst, der rudert, kann ich das gar nicht nachvollziehen, weil ich jemand bin, der superunsportlich ist. Ich interessiere mich eher in Filmen für Sport. Wir sind vorher also viel ins Fitnessstudio gegangen, Rudertraining gehabt. Darüber findest Du ja auch einen Weg hinein: Das Wasser, wie in „Fickende Fische“ auch, also, dieses Element ist ja wahnsinnig bestimmend für die Stimmung des Films.

Moviesection: Du hast die berühmte Ernst Busch Schauspielschule besucht. Ist es danach wirklich so, dass einem danach alle Türen offen stehen?
Tino Mewes: Der Beruf „Schauspieler“ ist noch immer ein absoluter Glückskeks. Es gibt aber auch viele Absolventen dieser Schule, von denen man noch nie was gehört hat. Ich würde nicht sagen, dass ich bestimmte Punkte jedenfalls nicht in die Öffentlichkeit artikulierte Chancen sehe. Es ist zwar toll, das ich Kinofilme gedreht habe, auf der Ernst Busch war und Theater gespielt habe. Es wird  mir aber nicht die Sicherheit geben, den Beruf bis an mein Lebensende ausführen zu können. Ich werde immer die Angst haben, kein Arrangement zu bekommen. Das ist bei Jakob (Matschenz) ein gutes Beispiel: Wir sind beste Freunde, er hat keine Schauspielausbildung, ist aber genauso weit wie ich. Es ist also relativ egal, aus welcher Ecke man kommt.

Moviesection: Es hat also auch den Einstieg nicht erleichtert?
Tino Mewes: Ursprünglich wollte ich ja Theater spielen, weil ich Film nicht mochte. Ich fand das irgendwie komisch, was die da machen. Und dann hieß es: „Da ist ein Film mit Bruno Ganz. Würdest Du ihn als 16järhigen spielen?“ Ich gleich „Na klar!!“ Dann hatte ich Blut geleckt und konnte nicht mehr aufhören.

Moviesection: Was ist für Dich Kino?
Tino Mewes: Gute Frage. Privat denke ich bei Kino immer an „Double Feature“. Ich hab ne Freundin, die auch Schauspielerin ist und wenn wir ins Kino gehen, dann gehen wir immer in Doppelnächte. Meistens einen schweren und einen leichten Film. Als Ausgleich.

Moviesection: Welchen zuerst?
Tino Mewes: Natürlich immer den schweren zuerst. Ich weiß noch, wir haben damals „Sin City“ geschaut und anschließend „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Danach waren wir so was von kaputt und fertig (lacht). Ein anderes Mal haben wir „Batman Begins“ und „Garden State“ geschaut. Das war ne geile Mischung.
Ich muss zugeben, ich schaue privat sehr viel amerikanisches Kino – und das meistens in den Originalversionen. Ab und zu dann aber auch gerne einen deutschen Film, dann aber nur einen pro Abend, weil meistens verkraftet man nur einen, weil wir Deutschen oft schwere Filme machen.

Moviesection: Was hat Dich im letzten Kinojahr beeindruckt?
Tino Mewes: Ich weiß, das ist jetzt Eigenwerbung, aber „Die Welle“ fand ich wirklich geil! (lacht) Ich finde es unheimlich wichtig, das es diesen Film gibt und finde es toll, das er so funktioniert. Ich weiß noch, dass ich unbedingt mitspielen wollte und immer wieder nachgefragt habe und immer wieder abgelehnt wurde, weil ich wohl zu alt bin.

Moviesection: …Du kannst immer noch glaubwürdig 17jährige spielen…
Tino Mewes: Tja, das wussten die ja nicht. (lacht)  Naja, jedenfalls habe ich dann doch noch einen Weg gefunden mich da einzuschleimen und eine kleine Rolle abzustauben. Ich kenne noch aus meiner Schulzeit die 45minütige Version von „Die Welle“ und mich das als Schüler so vom Hocker gehauen hat. Das Remake von „Die Welle“ ist für mich der deutsche Film des Jahres.

Moviesection: …und international?
Tino Mewes: Es gab einen total geilen Film, der hieß „Across the Universe“. Ein Beatles Musical: Göttlich! „Iron Man“ war auch sehr geil, aber ich bin auch ein Comicfan.

Moviesection: Batman?
Tino Mewes: Fand ich ganz schlimm.

Moviesection: Ehrlich?
Tino Mewes: Widerlich!

Moviesection: Warum?
Tino Mewes: Mir macht es so Spaß diesen Film zu zerreißen, weil ich dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit und diese Dunkelheit hasse. Für mich ist das nix. Für mich muss ein Film auch irgendwo einen Hoffnungsschimmer haben.

Moviesection: Wir hoffen Dich bald wieder auf der Leinwand zu sehen! Vielen Dank für das Interview!




Filmvorstellung: "Nacht vor Augen"


Spielfilm, 91 Minuten

Story
Der 25-jährige David kommt nur äußerlich unversehrt aus seinem Einsatz in Afghanistan zurück in die heimische Schwarzwaldidylle. Von seiner Familie und seiner Freundin Kirsten wurde er sehnlichst erwartet, doch sie bekommen nicht wirklich „ihren“ David wieder. Der junge Mann ist verschlossen und abweisend, lehnt zunächst jegliche Hilfe ab. David trägt schwer an einer Tat, die die Bundeswehr nachträglich zur „Heldentat“ stempelt und deren grausame Wahrheit sich langsam aber unaufhaltsam ihren Weg ans Licht bahnt. Einzig sein Halbbruder Benni scheint einen Zugang zu David zu finden. Er sieht zu David auf und um ihn kümmert sich David auch. Doch seine angestauten Aggressionen hat er bald nicht mehr halb so gut unter Kontrolle, wie er es seiner Umwelt noch versucht vorzumachen. Bald wird aus dem angeblichen Fußballtraining mit Benni eine gefährliche Mischung aus Spiel und Gewalt....zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Am zweiten Festivaltag durften die Zuschauer des Kinosaales Universum in „Nacht vor Augen“ eine besondere Begegnung mit dem Afghanistanheimkehrer David erleben. Ein Film, der starker Tobak ist, und ein sichtlich bewegtes und tief berührtes Publikum zurückließ. Drehbuchautorin Johanna Stuttmann, Regisseurin Brigitte Maria Bertele und Produzent Boris Michalski stellten sich dem anfänglichen Schweigen und berichteten ihrerseits über den Entstehungsprozess des Filmes und die umfangreichen und tiefgreifenden Recherchen zum Drehbuch.  Frau Bertele erzählte, dass sie gerade aus Afrika kommt und dort erneut  mit Krieg konfrontiert war und ihr die aktuellen Zeitungsmeldungen immer wieder vor Augen führen, wie zeitlos das Thema Kriegsheimkehrer ist. Johanna Stuttmann berichtete, dass sie 2005 mit der Arbeit an dem Drehbuch begonnen hatte und im Vorfeld mit vielen Soldaten über ihre Erlebnisse sprechen konnte. Zwar war seitens der offiziellen Stellen, wie Ministerien und dergleichen, wenig Unterstützung zu ihrem Projekt spürbar, aber je persönlicher der Kontakt  wurde, desto mehr öffnete sich der einzelne Soldat. Die Hauptfigur David ist somit eine Sammlung aus vielen und nicht einem bestimmten Soldaten nachempfunden. Aus dem Publikum kamen die Fragen nun zögerlich, aber es war deutlich spürbar, wie sehr der Film die Zuschauer bewegte. Ob denn Vertreter der Bundeswehr zu einer der bisherigen Filmvorführungen gekommen seien, wollte ein Mann wissen? Frau Stuttmann verneinte dies, jedoch ergänzte der Produzent Boris Michalski, dass einige Militärgeistliche den Film angefragt hatten als Vorbereitung für Soldaten, die kurz vor dem Einsatz stehen. Die Anfragen seien jedoch auch erst nach dem Erfolg des Films bei der Berlinale eingetroffen.
Im  Verlauf der folgenden Diskussion wurde klar, dass sich das nicht mehr ganz junge Publikum sehr von der Filmthematik angesprochen fühlte und nach dem ersten“ Verdauen“ viel Gesprächsbedarf hatte.  Johanna Stuttmann stellte nach einem regen Meinungsaustausch abschließend klar, dass der Film nicht als Statement für oder gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan gedacht ist, sondern dass sie zeigen wollten, dass diese Einsätze für alle nicht ohne Folgen sein werden.



Interview mit Drehbuchautorin Johanna Stuttmann



"Ich hatte als Kind immer sehr große Angst vor Krieg."
Moviesection im Gespräch mit Drehbuchautorin Johanna Stuttmann

Moviesection: Ist das Drehbuch zu „Nacht vor Augen“ Dein erstes Drehbuch für einen Langfilm?
Johanna Stuttmann: Ja, das war mein erstes.

Moviesection: Du hast bereits mehrere Kurzfilm-Drehbücher geschrieben. Ist das ein großer Unterschied?
Johanna Stuttmann: Ja. Natürlich von Aufwand her und von der Recherche war es zu „Nach vor Augen“ ein ganz großer Unterschied. Insbesondere aber schon auch von der Zeit, die man zum Schreiben benötigt.

Moviesection: Warum hast Du Dir dieses Thema ausgesucht? Hat es Dich „angesprungen“?
Johanna Stuttmann: Ich hatte als Kind immer sehr große Angst vor Krieg. Krieg an sich war für mich immer ein Thema. Als dann die Bundeswehr zum ersten Mal wieder in einem Einsatz war, im Kosovo, dachte ich nun ändert sich wieder etwas in Deutschland. Dann kam ein Bekannter von mir, ein Soldat, sehr verändert aus seinem Kosovo-Einsatz zurück. Er hatte abgenommen, war sehr schweigsam, hat viel getrunken und erst nach Jahren hat er begonnen von seinen Erlebnissen dort zu erzählen.

Moviesection: In der Publikumsdiskussion nach dem Film hast Du erzählt, dass Du im Vorfeld viele Soldaten interviewt hast. Haben diese alle bereitwillig von ihren Erlebnissen erzählt und das Angebot dankbar angenommen dadurch ein Forum zu finden?
Johanna Stuttmann: Die Soldaten ja, wobei nie zu Beginn des Gespräches. Sie haben schon gerne berichtet, aber sie haben erstmal erzählt, dass sie ganz braun gebrannt zurück kamen, dass sie von dem verdienten Geld ein neues Auto kaufen können und dergleichen. Sie waren ganz stolz und haben sich selbst als Helden dargestellt. Erst als ich angedeutet haben, dass ich jetzt auflegen möchte oder nicht weiter komme, fingen sie an zu erzählen wovor sie Angst hatten, was für Anschläge auf sie verübt wurden, war für Alpträume sie hatten usw. Sie rückten wirklich immer erst später mit der Sprache heraus, dann ging das Interview immer noch einmal doppelt so lange.

Moviesection: Verständlich. Auch die Reaktionen in der Publikumsdiskussion in Biberach reichten von „ergriffen“ bis „sehr bewegt“. Ist dies die übliche Reaktion?
Johanna Stuttmann: Ja. Auf jeden Fall sind die Leute immer sehr ernsthaft danach. Ich denke sie vergessen manchmal, dass es auch Kino ist, eben auch Unterhaltung. Natürlich soll der Film spannend sein, aber sie sehen ihn so authentisch, dass sie vergessen, dass es eine erfundene Geschichte ist.

Moviesection: Hattest Du jemand bestimmtes vor Augen für die Hauptfigur des David als Du das Drehbuch geschrieben hast? Oder setzt sich die Figur aus verschiedenen Eindrücken zusammen?
Johanna Stuttmann: Insgesamt setzt sie sich sicher zusammen aus verschiedenen Soldaten, die ich interviewt habe und aus der Fantasie. Ich hatte einen Soldaten, der sehr lange bereitwillig gesprochen hat, der auch aus dem Schwarzwald kommt, den ich mir ab und zu auf Video angesehen habe. Wie er spricht, was für Floskeln er verwendet. Er war sicherlich ein großes Vorbild.

Moviesection: Ich habe gelesen, Dein Drehbuch hat auch einen Preis gewonnen. Ist das nun ein Türöffner für Dich, merkst Du, dass sich dadurch etwas verändert hat?
Johanna Stuttmann: Es war ein total glücklicher Start. Ich bin sehr dankbar, dass ich den Baden-Württenbergischen Drehbuchpreis vor fast 2 Jahren bekommen habe. Danach kamen natürlich ganz viele Anfragen und auch weitere Aufträge.

Moviesection: Was schreibst Du als nächstes? Oder ist schon etwas fertig?
Johanna Stuttmann: Ich habe in der Zwischenzeit schon zwei Sachen geschrieben. Eine Literaturadaption von einem Roman. Das hat Matthias Luthardt gedreht und heißt „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf “. Dieser Film hatte in Hof Premiere. Meine dritte Arbeit wird gerade gedreht.

Moviesection: Hast Du Dich wieder völlig von dem Thema Krieg abgewendet?
Johanna Stuttmann: Ich wüsste nicht so schnell, was für eine Geschichte ich aus dem Thema noch herausziehen sollte. Ich werde jetzt wieder eine eigene Geschichte schreiben, fürs Fernsehen. Für den SWR. Es wird eine ernste Geschichte, allerdings mit einer weiblichen Hauptfigur.

Moviesection: Wir sind schon sehr gespannt. Vielen Dank für das sehr nette Gespräch.

Interview mit Regisseurin Brigitte Maria Bertele



"Seit ich hinter der Kamera arbeite, möchte ich als Schauspielerin nicht mehr vor der Kamera stehen."

Moviesection: „Nacht vor Augen“ war Ihr erster längerer Spielfilm. Zuvor hatten Sie bereits längere Dokumentationen gedreht. Haben beide Filme das gleiche Thema oder war dieser Film nun Ihre erste Begegnung mit dem doch sehr schwierigen Thema Krieg?
Brigitte Maria Bertele: Doch, ja, schon irgendwie. Menschen in Extremsituationen bzw. Menschen, die an die Grenze zur emotionalen Überforderung kommen, ist etwas, was mich interessiert. Das zieht sich durch meine bisherige Arbeit. „Krieg“ in dieser Form ist jedoch neu für mich gewesen. Ich hatte vorher nur einmal einen Dokumentarfilm über Kriegsflüchtlinge gemacht.

Moviesection: Wie sind Sie auf das Drehbuch zu „Nacht vor Augen“ aufmerksam geworden?
Brigitte Maria Bertele: Johanna Stuttmann hat es mir gegeben (lacht). Ganz einfach.

Moviesection: Wirklich die unspektakulärste Weise! Waren Sie gleich Feuer und Flamme?
Brigitte Maria Bertele: Johanna hatte bereits ganz früh über ihre Idee zu diesem Drehbuch mit mir gesprochen. Ich fand das damals schon vom Zuhören spannend. Ca. anderthalb Jahre später habe ich dann eine Vorstufe vom Drehbuch gelesen. Ich war danach sehr berührt. So etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte selten so sehr bei einem Stoff das Gefühl, das sich das so bei einem andockt, rein frisst. Wie bei einem Virus. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben.

Moviesection: Sie mussten das Drehbuch einfach verfilmen?
Brigitte Maria Bertele: Das war zu dem damaligen Zeitpunkt noch gar nicht so klar, aber ich war einfach so von der Geschichte rumgetrieben. Man liest als Regisseur ja sehr viel, spannende Sachen, langweilige, aber auch gute Bücher wo ich weiß, die kann oder möchte ich nicht inszenieren. Bücher, wo ich denke: Ich würde den fertigen Film gerne sehen, aber ich wäre nicht die richtige Person, um das umzusetzen. Dann gibt es aber auch Bücher, die liest man und man weiß, man kann sich damit emotional verbinden. Ich glaube, dass ist auch die Voraussetzung.

Moviesection: Entwickelt sich der Film beim Drehen, oder haben Sie schon nach dem Lesen des Drehbuches die Inszenierung als roten Faden im Kopf? Gibt es eine Eigendynamik beim Drehen?
Brigitte Maria Bertele: Ein Film entwickelt sich bis zum Schluss. Er entwickelt sich noch, wenn er abgedreht ist und auch noch nach 10 Jahren verändert sich die Perspektive auf die Arbeit immer noch. Nach einigen Malen Lesen entwickelt man eine Vision, baut gedanklich ein Konzept, welches bis zum letzten Schnitttag aber nicht fest gegossen ist. Es ist wie eine Entdeckungsreise, die nie aufhört.

Moviesection:
Wie war der Findungsprozess bei der Besetzung von „Nacht vor Augen“? Sehr schwierig, oder hatten Sie bereits bestimmte Schauspieler im Kopf?
Brigitte Maria Bertele: Es gibt Regisseure oder Autoren, die denken schon sehr früh an bestimmte Schauspieler. Ich versuche immer ganz lange ganz offen zu bleiben und schaue mir die Leute an. Bei mir reift die Entscheidung dann, wenn ich mit dem Schauspieler arbeite und ihn auch als Mensch spüre, es zu einer zwischenmenschlichen Begegnung kommt. Sowohl zwischen mir und dem Schauspieler, als auch zwischen den Schauspielern untereinander. Hanno Koffler und Petra Schmidt-Schaller waren lustigerweise zusammen im Casting und ihr Zusammenspiel war von Anfang an sehr besonders. Wir haben drei Stunden miteinander gearbeitet und hatten eine sehr intensive Begegnung.

Moviesection: Ich fand Hanno Koffler sehr präsent in der Rolle. Die angestaute Aggressivität kam sehr gut rüber. Er zog einen richtig mit, in die Geschichte hinein. Man weiß zu Beginn noch nicht wirklich worauf man sich einlässt und kann aber gen Ende auch gar nicht mehr aussteigen. Entwickelt ein Schauspieler so eine Rolle für sich im Vorfeld des Drehs?
Brigitte Maria Bertele: Vollständig entwickelt vielleicht nicht unbedingt. Ein Schauspieler kann sich „anfüttern“ vor dem Dreh und dann entwickelt man die Figur gemeinsam. Bei diesem Projekt war das schon eine große Aufgabe. Sowohl für Hanno Koffler, als auch für mich. In der Arbeit an einer Figur wie die des David geht es viel um Grenzverschiebung- auch bei sich selbst. Hemmungen zu überwinden und Blockaden abzubauen, sich in alle Abgründe der Figur fallen zu lassen. Ich glaube, dass kann kein Schauspieler auf Knopfdruck. Das ist eine lange und schwierige Reise, die auch mit Reibung verbunden ist. Mut und gegenseitiges Vertrauen müssen wachsen und sind für diese Arbeit existenziell.

Moviesection: Gab es denn auch heitere Momente hinter der Kamera? Es ist ja häufiger so, dass bei einem ernsten Dreh viele der Beteiligten erzählen, wie lustig es war und als Zuschauer kann man das dann nur schwer glauben.
Brigitte Maria Bertele: Es war, wie soll ich das sagen, ein sehr warmes Klima am Set. Das Team mochte das Buch durch die Bank weg sehr. Alle brachten eine große Euphorie für das Projekt mit. Das ergab bereits eine positive Anfangsenergie und auch die folgende Arbeit war in sich sehr konstruktiv und fruchtbar. Es hat allen viel Spaß gemacht. Zum Teil war es lustig, aber natürlich auch harte Arbeit.

Moviesection: Wird der Film auch in die Kinos kommen?
Brigitte Maria Bertele: Der Film ist teilweise mit Fernsehgeldern finanziert und teilweise mit Geld von der Filmförderung. Dadurch ist klar, dass er eine Fernsehausstrahlung haben wird. Im Moment gibt es für „Nacht vor Augen“ auch eine kleine Kinotournee, im Rahmen des Festivals „Ausnahmezustand“. Daher läuft der Film gerade in zahlreichen deutschen Städten und wird auch noch bis nächstes Jahr zu sehen sein.

Moviesection: Sie haben in der Publikumsdiskussion erzählt, dass sie gerade erst in Afrika waren.
Brigitte Maria Bertele: Ja, in Uganda, an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Wir waren nur einen Steinwurf entfernt vom Zentrum des Bürgerkrieges und das beschäftigt mich sehr. Direkt an dem Ort, wo wir gedreht haben, befindet sich jetzt ein riesengroßes kongolesisches Flüchtlingslager. Es ist so schwer, sich vorzustellen, dass ein Ort innerhalb von weniger als zwei Wochen ein so vollkommen anderes Gesicht bekommen kann.

Moviesection: Wird das wieder eine Dokumentation?
Brigitte Maria Bertele: Es wird ein Dokumentarfilm, ja.

Moviesection: Ist das Ihre Lieblingsfilmform?
Brigitte Maria Bertele: Nicht unbedingt. Ich habe Schauspiel studiert und auch sechs Jahre als Schauspielerin gearbeitet. Somit habe ich schon 10 Jahre meines Lebens mit fiktionalen Geschichten verbracht (lacht). Auf der Filmhochschule habe ich dann Dokumentarfilm gewählt, weil ich Lust hatte, mich mit der Realität zu beschäftigen. Grundsätzlich würde ich sagen, es kommt auf das Thema an. In der Filmbranche wird man oft auf ein entweder/oder festgelegt. Bei einer dokumentarischen Bearbeitung von „Nacht vor Augen“ wären wir, meiner Meinung nach, wahrscheinlich gescheitert. Beide Filmformen haben ihre Grenzen und Stärken- für mich ist der Wechsel zwischen den beiden Genres sehr befruchtend.

Moviesection: Aber schon eine bewusste Abkehr von der Schauspielerei hin zur Regie?
Brigitte Maria Bertele: (lacht) nein, ich spiele auch noch. Eher eine bewusste Abkehr vom Festengagement. Von der bevormundeten Schauspielerei.

Moviesection: Spielen Sie mehr Theater oder auch Fernsehen?
Brigitte Maria Bertele: Ich habe früher auch Fernsehen gemacht, diverse Fernsehfilme und „Tatort“ zum Beispiel. Seit ich hinter der Kamera arbeite, möchte ich als Schauspielerin nicht mehr vor der Kamera stehen, da ich nicht mehr frei wäre von der Regieperspektive. Theater geht weiterhin, weil das vom Arbeiten her sehr anders ist. Ich würde keine Theaterregie machen wollen, um mir die Bühne als Spielplatz für die Intuition zu erhalten. Die Bühne bleibt dem Spiel vorbehalten und der Film der Regie.

Moviesection: Frau Bertele, vielen Dank für das spannende Gespräch.




Filmvorstellung: "Was wenn der Tod uns scheidet"


Spielfilm, 87 Minuten

Story
Dies ist die Geschichte sieben völlig verschiedener Menschen, die im Grunde nichts miteinander zu tun haben, in einer schicksalhaften Nacht aber mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert werden. Die beiden Ärzte Nele und Paul sind miteinander verheiratet und arbeiten in dem Krankenhaus, das zum Schauplatz dieser Geschichte wird. Die beiden haben ihr gemeinsames Kind verloren, und als während einer Operation ein kleines Mädchen stirbt, stürzt plötzlich Neles mühsam aufrecht gehaltene Welt ein. Zudem ist Nele die einzige Hoffnung für den krebskranken Blumenthal, der einfach nur noch sterben möchte und auf die erlösende Morphiumdosis hofft. Sophie, die sich gerade auf ein gewagtes Abenteuer eingelassen hat, erfährt, dass sie einen Hirntumor hat, der ihr Leben wohl erheblich verkürzen wird. Ihr Mann Joachim muss sich nicht nur mit dieser grausamen Wahrheit auseinandersetzen und weiß nicht, wie er mit der schrecklichen Nachricht umgehen soll. Der Pfleger Hans ist so ausschließlich mit der Sorge um seine demenzkranke Mutter beschäftigt, dass er beinahe vergisst zu leben und gar nicht bemerkt, dass seine Kollegin Birte großes Interesse für ihn hegt....zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
In Vertretung von Regisseurin Ulrike Grote, die leider erkrankt war, erschien die sympathische Schauspielerin Annedore Kleist, die im Film die Birte gespielt hatte. Adrian Kutter beglückwünschte Kleist zum Film und betonte, dass er es großartig fände, wie die Darsteller die Geschichte entwickeln.
Aus dem Publikum kam die Frage, warum für das Krankenhauspersonal nicht die klassischen weißen Kittel gewählt worden seien. Frau Kleist erklärte, dass es hierbei um die Verfremdung gegangen sei, es sollte eine ähnliche Atmosphäre wie bei „Die fabelhafte Welt der Amélie“ entstehen. Auch auf die krasse und eher abschreckende Darstellung des Krankenhauses wurde die Schauspielerin angesprochen. Darauf erwiderte Herr Kutter, dass andere Filme, die auch in Berliner Krankenhäusern gedreht worden seien, da noch schlimmer wären. Er nannte als Beispiel den Film „Eierdiebe“ und meinte: „Die Realität ist schlimmer!“ Eine Zuschauerin wollte wissen, ob der Film auf die Sterbehilfe anspiele, worauf Frau Kleist erwiderte, dass das nicht nur eine Anspielung sei, sondern die Sterbehilfe in dem Film ganz konkret thematisiert werde. Ein Krankenpfleger aus dem Publikum mokierte noch, dass ihm der Film zwar sehr gut gefallen habe, er aber finde, dass das Klischee mit dem Morphium, das in vielen Köpfen existiere, hier noch kräftig bedient worden wäre. Herr Kutter merkte an, dass das nun einmal eine Form der Sterbehilfe sei, die in den Film und zur Thematik passe. Es würden aber ja noch sehr viele andere Themen wie etwa Demenz angesprochen. Aus dem Publikum kam noch die Frage, wie denn Frau Kleists Rolle angelegt gewesen sei. Sie erzählte, dass Frau Grote schon ganz konkrete Leute vor sich gehabt hätte, was das Vorsprechen sehr erleichterte. Die Rolle sei ihr wie auf den Leib geschrieben gewesen. Sie sei sehr lange mit dem Text umgegangen und wäre auch im Krankenhaus von einer medizinischen Beraterin unterstützt worden.



Interview mit Schauspielerin Annedore Kleist



"Ich glaube, man lacht, weil es so wahr ist."

Moviesection: „Was wenn der Tod uns scheidet?“ hat mir sehr gut gefallen. Besonders spannend fand ich dieses Wechselspiel zwischen Ernst und Humor. Der Tod nimmt ja eine sehr vorherrschende Rolle ein und doch kann man auch immer wieder lachen. Konnten Sie das während des Drehs auch so empfinden?
Annedore Kleist: Grundsätzlich ist das eine Qualität, die mich sowohl im Film wie auch auf der Bühne immer unglaublich interessiert – diese Reibung zwischen tragischem und komischem. Diese Mischung kennt man ja auch von dänischen Filmen, wo eigentlich schreckliche Dinge passieren und man lacht doch. Ich glaube, man lacht, weil es so wahr ist, weil das Leben nie nur tragisch oder komisch ist. Und da wo die beiden sich berühren, ist es wirklich komisch, oder besser es ist eine tiefere Komik. Und ich hätte ohne den Humor ganz bestimmte Situationen gar nicht überstanden, beispielsweise als mein Vater gestorben ist. Oft lacht man ja nicht, weil alles so lustig ist, sondern weil man gerade in irgendeiner Not ist. Und wir als Zuschauer lachen, weil wir diese Not so nachvollziehen können.

Moviesection: “Wird der Tod uns scheiden“ ist ja eher ein Film der leisen Töne, bei vielen Szenen werden gar keine Worte gebraucht, wie z. B. bei dem krebskranken Patienten, der sich nach dem erlösenden Morphium sehnt. Hier braucht es gar keine Worte, es ist so eindringlich gespielt, dass man als Zuschauer ganz genau erspürt, was gemeint ist. Ist es nicht eine sehr hohe Kunst, das so darstellen zu können?
Annedore Kleist: Ja, aber eigentlich sollte es genau so sein, Worte sind sozusagen immer erst das Letzte, das was nach Außen dringt. Der Vorteil beim Drehen ist ja, dass die Kamera alles sieht, alles was der Schauspieler denkt und fühlt. Und Wolfgang Krassnitzer als sterbenskranker Patient spielt das wirklich ganz großartig alles nur über die Augen.

Moviesection: Sie spielen als Krankenschwester Birte ja eine eher witzige Rolle, und hier waren dann auch die Momente, wo man eher mal wieder lachen konnte.
Annedore Kleist: Ja, zusammen mit Peter Jordan.  Ulrike Grote hat immer gesagt: „Ihr beide seid das Love and Trust-Couple.“

Moviesection: War das also für Sie beide eine gute Kombination, ein gutes Zusammenspiel?
Annedore Kleist: Ja, in jedem Fall, das hat sehr harmoniert und war stimmig.

Moviesection: Wie war die Zusammenarbeit mit Monica Bleibtreu?
Annedore Kleist: Ich hatte nicht so viel mit ihr zu tun, aber das, was ich mit ihr erlebt habe war schön. Ich bin ja eine Schauspielerin, die nicht so bekannt ist und dann habe ich eine Szene mit Monica Bleibtreu. Ich war natürlich schon aufgeregt, aber eigentlich ist es viel einfacher mit sehr guten Schauspielern zu spielen, weil man so viel bekommt. Und letztlich tritt man vor der Kamera dann doch gleichberechtigt an.

Moviesection: Dann war nicht irgendwer der Star des Films und der andere war sozusagen der kleine Schauspieler am Rande?
Annedore Kleist: Nein, so ist der Film ja auch gar nicht aufgebaut, es gibt ja sieben ziemlich gleichberechtigte Figuren.

Moviesection: Man sagt ja immer, dass ein Schauspieler auch tatsächlich in seiner jeweiligen Rolle lebt. Glauben Sie, es macht einen Unterschied, ob man speziell in diesem Film zu den Darstellern gehört, die die eher komischeren Rollen haben oder zu denen, bei denen die Tragik überwiegt. Macht sich das für einen selbst bemerkbar?
Annedore Kleist: Ja, doch, doch, das ist durchaus so. Ich habe bei mir selber gemerkt, dass ich so „Birte-hafte“ Züge entwickelt habe. Dass mir dauernd irgendwelche Pannen passiert sind und dass ich diese komische Eckigkeit von Birte übernommen habe. Birte kommt ja sehr sympathisch rüber, weil sie ja sozusagen die gute Seele ist, die versucht, alles irgendwie zusammenzuhalten. Diese Rolle hatte ich auch ein bisschen in diesem Team. Das war sehr schön. Ich kann ja auch nur für mich sprechen, aber ich finde schon, dass es so ist.

Moviesection: Sie waren ja ein nicht gerade kleines Team mit doch einigen namhaften Schauspielern. Ist es schwieriger, in einem großen Team mitzuarbeiten, oder macht das keinen Unterschied?
Annedore Kleist: Wirklich zu tun hat man ja nur mit den Schauspielern, mit denen man auch die verschiedenen Szenen spielt. Das Team, also alle, die am Set beschäftigt sind, war aber normal groß, insgesamt war es eher ein kleiner Film, würde ich sagen.

Moviesection: Ja, aber ein schöner Film, der mir sehr gut gefallen hat. Frau Kleist, ich bedanke mich für das Gespräch.




Filmvorstellung: "Höhere Gewalt"


Spielfilm, 87 Minuten

Story
Eine sechsköpfige Gruppe Jugendlicher fährt aufs Land, um einen letzten gemeinsamen Kurzurlaub zu verbringen. Dabei wissen viele der 6 nicht, warum sie eigentlich mitfahren.
Strecker ist der sadistische und großmäulige Anführer, Jasmin seine Ex, die ihn verließ, weil er sie geschlagen hat, aber dennoch nicht von ihm wegkommt. Deswegen ist ja auch Sören dabei – ihr neuer „lieber“ Freund. Steffi wiederum ist das unterwürfige und naive Sexspielzeug von Strecker. Auch dabei: Der großspurige Betz, der geplagt von Komplexen der jungen Maike nachstellt, die gleichzeitig die kleine Schwester von Jasmin ist.
Gemeinsam ist die Gruppe geprägt von Manipulationen, physischer und psychischer Gewalt. Freundschaft oder gar Liebe ist hier kein Thema....zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Im Anschluss an „Höhere Gewalt“ entbrannte eine hitzige Diskussion unter den Zuschauern, als auch mit dem Regisseur Lars Henning Jung und der Hauptdarstellerin Alice Dwyer. Es gab sowohl eine Besucherin, die den Film nicht verkraftete und den Saal mittendrin verließ, als auch einen Polizisten, der den Film als „echt“, „authentisch“ und vor allem als „nötig“ bezeichnete. Anklagend wurde ebenfalls angemerkt, dass der Film oft zu brutal und zu sexuell inszeniert wurde. Hier stellte Jung fest, dass er keinesfalls einen Film drehen wollte, der als Gewalt verherrlichend gesehen wird, aber mit seinem „Höheren Gewalt“ durchaus provozieren will. Dass Zuschauer die Option wählen, den Saal zu verlassen, bezeichnete Jung als „gesund“. „So ist es nun mal!“ Die Realität ist manchmal nicht lockerleicht und einfach zu verkraften.
Die Diskussion ging damit zu Ende, dass in etwa die eine Hälfte der Besucher den Film sehr schätzte, gerade was die Glaubwürdigkeit angeht, die andere ihn wegen "zu heftig" abkanzelte. Wertvoll fanden ihn wohl in irgendeiner Form alle Zuschauer.



Interview mit Regisseur Lars Henning Jung



"Es geht immer ums einschläfern!"

Moviesection: „Höhere Gewalt“ ist ja ein Film, der ganz viel von seinen Schauspielern lebt und den Figuren, die sie spielen. Die Kunst ist, jede für sich so zu beleuchten, oder so in Szene zu setzen, dass auch keiner zu kurz kommt. Wie schwer ist Dir das als Regisseur gefallen?
Lars Henning Jung: Das war vor allen Dingen im Schnitt schwierig. Während des Drehs ist die Szenenlänge das Schwierige gewesen, sprich zu stagen. In einer 15 Minuten Szene, also bei der Tisch-Fessel-Szene oder der  Ermordung, war das schwer. Im Drehbuchprozess war das nicht sehr  schwierig.

Moviesection: Die Figur des Streckers, gespielt von Vinzenz Kiefer, lässt einen nur schwer wieder los. Musste man ihn noch motivieren oder  ist er schon so an die Rolle herangegangen, dass Du nicht mehr sehr  viel zu tun hattest?
Lars Henning Jung: Ich musste ihn sehr stark reduzieren, weil für mich ein Merkmal dieser Macht ist, die er ausstrahlt, das er sich nicht  besonders anstrengen muss. Die meiste Zeit des Films redet er ja stark  relaxed, sehr langsam und ruhig. Er regt sich selten auf, erst wenn es unbedingt notwenig ist, ansonsten bleibt er so in sich ruhend. Im  Casting hat er sehr viel Action gemacht, hat Leute durch die Gegend  gezogen und sie alle zu Recht gewiesen. Für mich war dieses „totale Macht zeigen“ etwas anderes: Da muss man nur jemanden angucken, der  muss präsent sein, der muss nur den Raum betreten und der strahlt die  Gefahr aus und die Leute reagieren auf ihn. Das zieht sich durch den ganzen Film. Es gibt dann spezielle Momente, in  denen er dann gezielt ausrastet.

Moviesection: Die Zuschauer waren in der Diskussion geteilter Meinung:  Die einen sagten etwas von „Gewalt verherrlichend!“, die anderen  betitelten ihn als „Echt!“ und „Wichtig!“. Wie hast Du die Diskussion  und die Kritik erlebt?
Lars Henning Jung: Einerseits ist es so, wie ich es erwartet habe: Der  Film setzt sich in die Nesseln, berührt viele wunde Punkte und gerade  was er mit dem Ende auslösen soll, das er die Zuschauer unbefriedigt  zurücklässt, bewirkt, das die Leute sehr aggressiv werden können. Oft kommen die Menschen dann am nächsten Tag zu mir und sehen den Film plötzlich ganz anders. Das ist ja eigentlich die Situation, die ich auslösen will. Es gibt ja kein rundes Ende in meinem Film, keine Katharsis, sondern der Film soll im Kopf des Zuschauers weiterarbeiten. Ich muss davon ausgehen, dass wenn der Film funktioniert, das die Leute nur schwierig zu der Sprache finden können.
Wir hatten ja eine relativ lange Diskussion, fast eine dreiviertel  Stunde, und für mich war das gestern so ungefähr das Schönste, was  passieren kann. Das größte Geschenk, das man kriegen kann als Filmemacher. Dafür macht  man das. Ich fand das gestern auch eine sehr tiefgehende und kluge  Diskussion.

Moviesection: Es fällt auf, das „Höhere Gewalt“ ja nicht brutal in der  Inszenierung ist, sondern das dieser Film in irgendeiner Form  irgendetwas mit einem macht und auch an die Psyche geht. War das gewollt?
Lars Henning Jung: Ja!
 
Moviesection: Er muss oder soll provozieren…
Lars Henning Jung: Ich  glaube eben, das sich daraus eine Widerstandshaltung entwickeln kann.  Alles andere wäre eine Art Propagandafilm, wenn man so will. Es geht immer ums einschläfern. Der normale Mainstream-Film will den Zuschauer  mit seiner Haltung befriedigen und einschläfern, in dem er am Schluss  sagt: „Ich hab Recht gehabt!“ oder „So ist es gut!“ oder in dem er die Erwartungshaltung an das Genre befriedigt, dass wenn ich zum Beispiel einen Horrorfilm sehen will, ich das auch bekomme und danach aber noch in Ruhe einen trinken gehen kann. Was mich im Grunde aufregt und mit dazu geführt hat, so einen Film zu  machen, ist dieses Schweigen und dieses Mitläufertum. Und wenn man
dagegen ist, dann kann man den Film nur so machen.

Moviesection: Was dürfen wir denn als nächstes von Dir erwarten?
Lars Henning Jung: Im Moment schreibe ich viel – auch für andere. Ich  schreibe augenblicklich für Toke Constantin Hebbeln, der den OSCAR für  Nimmermeer bekommen hat, ein Psychothriller über Lüge und Wahrheit und die Subjektivität von Erinnerungen.

Moviesection: …und Regie-Projekte?
Lars Henning Jung: Ich habe ungefähr so 10 Ideen und ich habe mich  noch nicht entschieden, welches Projekt ich nun verfolgen soll.

Moviesection: Wir wünschen gutes Gelingen und danken Dir herzlich für das Gespräch!




Filmvorstellung: "Die Helden aus der Nachbarschaft"


Spielfilm, 89 Minuten

Story
Als der Feuerwehrmann Attila von seiner langjährigen Freundin verlassen wird, bricht für ihn eine Welt zusammen. Sabine ist auf der Suche nach neuen Abenteuern und strebt nun eine Karriere beim Fernsehen an. Erika ist schon das, was Sabine gerne werden möchte: Für einen bekannten Sender moderiert sie eine Show, in der außergewöhnliche Menschen vorgestellt werden. Im Beruf läuft es bei Erika relativ gut, dafür Zuhause nicht: Ihr Mann Ulf zeigt kein Interesse mehr an der Ehe und ihr Sohn Niko befindet sich in der Hochphase seiner Pubertät. Irgendwie zu allen Kontakt hat die Bäckerin Rosine, die den Prenzlauern tagtäglich ihre Brötchen verkauft. Aber auch sie hat mit ihren Problemen zu kämpfen… ...zur Filmkritik



Anschließende Publikumsdiskussion
Festivalleiter Adrian Kutter verstand es schon immer, das Publikum toll auf die Filme einzustimmen und so gelang es ihm auch bei „Die Helden aus der Nachbarschaft“ die passenden Worte zu finden:  „Der Film erzählt einen ernsthaften Stoff lustig verpackt, was eine wahre Kunst ist.“ Und so war es dann auch: Eine ernste Geschichte, die dennoch einige Lacher zulässt. Das gefiel dem Publikum, welches den Regisseur Jovan Arsenic nach dem Film mit einem herzhaften Applaus im Kinosaal begrüßte.

Jovan Arsenic berichtete seinem Publikum, dass „Die Helden aus der Nachbarschaft“ sein Abschlussfilm von der Hochschule sei. Für das Drehbuch habe der gebürtige Jugoslawe die Eindrücke, die er in den letzten acht Jahren in Deutschland gesammelt hat, verarbeitet. „Eigentlich wusste ich vor dem Schreiben gar nicht, von was der Film handeln soll. Das wurde mir erst klar, nachdem ich mein eigenes Drehbuch gelesen hatte“, berichtet Arsenic von der Entstehung seiner Tragik-Komödie. Außerdem erzählte er seinem neugierigen Publikum, dass das Budget mit 100.000€ sehr knapp gewesen sei. „Eigentlich wollten wir die übergroße Pfanne, die in dem Film gezeigt wird, später für Promotionzwecke weiterverwenden. Das ging aber nicht, weil die Pfanne gleich nach dem Szenendreh wieder abgebaut wurde – wir hatten nicht genug Geld um für das Material auch zu bezahlen, also hat es der Erbauer gleich wieder mitgenommen“, berichtet Arsenic etwas betrübt. Auch auf die Frage, warum sein Film kein reines Drama oder keine reine Komödie ist, wusste der sympathische Regisseur sofort eine Antwort: „Ich wollte den Zuschauern eine Freude bereiten und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“ Dass ihm dies gelungen ist, bestätigte einer der Zuschauer, der Arsenic bescheinigte, dass sein Film wirklich viel Spaß gemacht habe.



Interview mit Regisseur Jovan Arsenic



"Einen übergroßen Pfannkuchen hat niemand gebacken."

Moviesection: Ihr Film „Die Helden aus der Nachbarschaft“ spielt in Berlin am Prenzlauer Berg – ein Ort, der für seine jungen und hippen Leute bekannt ist. War es für sie eine bewusste Entscheidung den Film dort spielen zu lassen oder hätte die Geschichte an einem anderen Ort vielleicht genau so funktioniert?
Jovan Arsenic: Die Entscheidung den Film dort spielen zu lassen war schon bewusst, aber ich denke, dass es auch an einem anderen Ort funktioniert hätte. Was am Prenzlauer Berg spannend ist, ist vor allem der clash von Osten und Westen. Berlin ist generell ein Ort, an dem viele Zugezogene, von überall her, wohnen. Ich bin selbst einer von diesen Zugezogenen und habe das Leben am Prenzlauer Berg beobachtet und fand das sehr spannend. Vor allem die Menschen aus ärmern Verhältnissen im Gegensatz zu den Reichen, die eher Medienmenschen sind.

Moviesection: Also haben sie die Ereignisse, die in ihrem Film gezeigt werden, tatsächlich genau so beobachtet?
Jovan Arsenic: Zugespitzt habe ich das schon, aber es gab viele skurrile Charaktere die ich beobachtet habe. Einen übergroßen Pfannkuchen hat zwar niemand gebacken, aber ich habe mal jemand gekannt, der tatsächlich Glas gegessen hat. Was sie allerdings wirklich alle gemeinsam haben, ist die Einsamkeit, die typisch für große Städte ist. Die Menschen kennen nicht mal ihre Nachbarn. Oft lernen sie sich erst kennen, wie in meinem Film, wenn sie sich gegenseitig brauchen.

Moviesection: In ihrem Film gibt es eine Figur, die von Beruf Psychiater ist. Sie selbst haben auch Psychologie studiert. Wie, nach welchen Kriterien, haben sie den Charakter entworfen? Und hat er vielleicht irgendetwas mit Ihren persönlichen Erfahrungen gemein?
Jovan Arsenic: Der Psychologe im Film betreibt so eine Art Psychoanalyse und das habe ich dann einfach sehr zugespitzt. Es ist zum Beispiel in der heutigen Zeit sehr selten zu sehen, dass eine Bäckerin zu einem Psychoanalytiker geht. Psychoanalyse ist ja eigentlich eher etwas für reiche Leute. Aber der Traum, den diese Frau im Film erzählt, den habe ich selbst einmal gehabt. Als ich Psychologie studiert habe, musste ich auch selbst für ein paar Stunden zur Therapie gehen, um mehr über das Gebiet zu lernen. Dort habe ich dann von eben diesem Traum erzählt. Der Psychologe in meinem Film, das ist auch so einer, der durch seine Analyse Frauen erobern will – insofern glaube ich, dass jeder Kollege, der Psychologe ist, nicht ganz glücklich über die Darstellung dieser Figur wäre. (lacht)

Moviesection: Wie kam es zu der Auswahl der Schauspieler?
Jovan Arsenic: Die Schauspieler haben wir ganz normal gecastet. Speziell bei dem Christopher Buchholz, der den Psychologen spielt: er hat mir während dem Casting direkt den Eindruck gegeben, dass er so jemand wirklich sein kann. Er konnte das gleich sehr gut rüberbringen. Eine meiner Hauptsorgen bei ihm war, dass er mit einem leichten französischen Akzent spricht, aber dann hat das doch ganz gut gepasst, weil im Prenzlauer Berg wie gesagt viele Zugezogene Ausländer wohnen.
Im Allgemeinen haben wir sehr lange gecastet. Bei Castings ist es oft so, dass man meistens schon früh jemanden gefunden hat, der ganz gut zu einer Rolle passt. Dann will man aber eben doch gerne die anderen auch noch sehen. So ist man lange beschäftigt und kommt am Schluss doch wieder zum Ersten zurück. Das passiert. Wahrscheinlich ist es später, wenn man schon mehr Filme gemacht hat, einfacher bereits früh zu sagen, dass man den richtigen Menschen gefunden hat.

Moviesection: „Die Helden aus der Nachbarschaft“ ist jetzt ja auch erst ihr zweiter Film…              
Jovan Arsenic: Ja genau. Der erste Film war 69 Minuten lang und mein Abschlussfilm für die Hochschule. Bei dem Film war mir nicht so sehr daran gelegen, dass er auch ins Kino kommt. Während dem Studium macht man eben viel mehr nur das machen, was man auch machen will. Aus heutiger Sicht: Wenn ich den Film noch mal machen könnte, dann würde ich ihn auf jeden Fall länger machen (lacht) und mir wünschen, dass er dann auch ins Kino kommt. Das war damals eben nicht so, leider.

Moviesection: „Die Helden aus der Nachbarschaft“ lief auch schon mit Untertiteln im Ausland. Funktioniert der Film mit Untertiteln? Oftmals liegt der Witz ja auch in dem typischen Berliner Dialekt…
Jovan Arsenic: Wahrscheinlich funktioniert er nicht auf die gleiche Weise, aber in Brasilien und Spanien haben die Leute zum Beispiel sehr, sehr gut reagiert. Ich glaube, dass die menschliche Wärme schon auch rüber kommt.

Moviesection: Ihr Film lief dieses Jahr auch auf der Berlinale. Was bedeutet es für einen Filmemacher, der wie Sie noch am Anfang seiner Karriere steht, wenn der Film dort gezeigt wird?
Jovan Arsenic: Das ist schon eine tolle Sache. Man bekommt gute Resonanz und man begegnet vielen Leuten. Auch Leuten, an die man ansonsten nur sehr schwierig rankommt. Ich glaube, dass das auf jeden Fall ein Plus ist, um den nächsten Film zu machen. Und da bin ich auch gerade dran.

Moviesection: Verraten Sie uns schon ein bisschen etwas über ihren neuen Film?
Jovan Arsenic: Es gibt zwei Sachen. Der eine Filme wird im Immigrantenmilieu spielt. Genauer gesagt in einem Exjugoslawischenmilieu. Es wird wohl eine tragische Liebesgeschichte. Ein bisschen so wie „Romeo und Julia“. Der andere Film ist noch zu weit weg. Vielleicht lasse ich da die Geschichte in London spiele, aber das ist alles noch nicht sicher.




Filmvorstellung: "Der Fussfessel-Mörder"


TV-Film, 92 Minuten

Story
Kathrin ist Kunststudentin und froh darüber, mit ihrem Babysitter-Job etwas dazu zu verdienen. Als sie in einer stürmischen Nacht auf das Kleinkind der Nachbarn aufpasst, passiert das Schreckliche: Ein Dieb dringt ins Haus ein. Kathrin kämpft verzweifelt um ihr Leben und kann schließlich den Eindringling in die Flucht schlagen. Doch der kleine Sebastian liegt tot in seinem Bettchen. Kathrin kann ein derart reales Bild des Einbrechers zeichnen, dass der bald darauf dingfest gemacht werden kann. Ingo Brunner wird wegen Totschlags verurteilt, doch er schwört Rache. Neun Jahre später ruft das Justizministerium ein Pilotprojekt ins Leben, an dem Brunner teilnehmen darf. Er wird mit einer elektronischen Fußfessel ausgestattet und somit zum überwachten Freigänger. Als Kathrin davon erfährt, ahnt sie, dass sie sich in höchster Gefahr befindet....zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Die beiden Produzenten Martin Ganz und Robert Stiemerling stellten ihren Thriller „Der Fussfessel-Mörder“ vor, der beim Publikum offensichtlich großen Anklang fand. Schon am Tag zuvor war der Film „Der Wannsee-Mörder“ zu sehen und am Freitag durfte sich das Publikum dann noch auf „Berlin – Eine Stadt sucht den Mörder“ freuen. Die Produzenten verrieten, dass die Titel ganz bewusst ähnlich gewählt seien, wobei der Sender SAT 1 den ursprünglichen Titel des Films „Der Besucher“ dann in „Der Fussfessel-Mörder“ umgeändert habe. Ein Titel, der laut den beiden Produzenten nicht ganz unmissverständlich sei. Sie verrieten, dass der Thriller vor sechs Jahren sehr erfolgreich und mit guten Kritiken im Fernsehen gelaufen sei und die Hauptdarstellerin Esther Zimmering den Fernsehpreis als beste Nachwuchsschauspielerin erhalten habe. Das Publikum kehrte vor allem die sagenhafte Spannung hervor, die so begeistert habe. Genau das wurde aber laut Ganz und Stiemerling dem Film angekreidet, weshalb die FSK nachträglich auf 16 hoch gestuft wurde. Der Film durfte danach nur noch im Spätprogramm gezeigt werden. Adrian Kutter betonte dann noch, dass der Anspruch eines Filmes höher sei, je später er ausgestrahlt werde, was eine lebhafte Diskussion über die FSK und Sendezeiten nach sich zog.




Freitag, 31. Oktober 2008

Filmvorstellung: "Im nächsten Leben"


Spielfilm, 82 Minuten

Story
Wolfgang Kerber arbeitete in der DDR als Sportphotograph und lichtete nicht selten Erich Honecker in dessen Freizeit ab. Doch mit der Wende kam die Veränderung. Nun arbeitet Kerber als „rasender Reporter“ für eine bekannte Tageszeitung und muss sich mit dem neuen System und der wechselnden Berichterstattung zu Recht finden, was sich immer schwieriger gestaltet. Auch die Beziehung zu seiner Tochter ist, noch immer, durch den Tod der Mutter vor 18 Jahren getrübt. Als in Wolfen, wo auch seine Tochter lebt und arbeitet, ein Mädchen verschwindet, wittert Kerber eine interessante Story. Es dauert jedoch nicht lange und der routinierte Journalist beginnt seine Geschichte zu manipulieren…...zur Filmkritik



Anschließende Publikumsdiskussion
Im anschließenden Publikumsgespräch mit Regisseur Marco Mittelstaedt wurden vor allem die schauspielerischen Leistungen gelobt. Auf die Frage wie der Filmemacher zum Regieführen gekommen sei, antwortete Mittelstaedt, er habe durch seinen Vater, der ja ebenfalls Photograph ist, die Liebe zur Kamera entdeckt. Die stehenden Bilder sein aber nicht so „sein Ding“ gewesen. Daher entschied er sich, sein Glück auf der Filmhochschule in der Sparte Kamera zu suchen. Es sei ihm aber in dieser Richtung gestattet gewesen, auch Kurzfilme zu drehen. So entstand der neue Berufsweg. Edgar Selge sei im Vorfeld skeptisch gewesen, die Rolle der Hauptfigur spielen zu können, da er, im Gegensatz zum Protagonisten, keinen ostdeutschen Hintergrund habe. Genau das sei jedoch von Mittelstaedt gewünscht gewesen.
Weiter erzählte der Regisseur, dass „Im nächsten Leben“ durchaus autobiographische Züge habe, im Detail jedoch natürlich abgeändert wurde. Vier Jahre dauerte die Entwicklung von der Idee zum fertigen Film, von dem Mittelstaedt hofft, dass er noch einen Verleiher und den Sprung ins Kino schafft. Momentan suche man jedoch noch nach den passenden Partnern.



Interview mit Schauspieler Edgar Selge



"Ich weiß, dass die Kamera mich liest, bevor ich mich lesen kann."

Moviesection: Auch in „Im nächsten Leben“ ist wieder spürbar, welche Präsenz Sie auf der Leinwand haben…
Edgar Selge: Wenn man soviel dreht, wie ich, dann hofft man, das man präsent ist und ich muss auch nicht daran denken, wenn ich vor der Kamera stehe. Ich liebe es, mit der Kamera zu arbeiten, und ich weiß genau, dass die Kamera mich liest, bevor ich mich lesen kann. Das ist eine ganz wichtige Voraussetzung für „Präsenz“. Wenn Sie der Kamera Ihren Willen aufzwingen wollen, wenn Sie spielen wollen, wenn Sie selbst bestimmen wollen, als was Sie rüberkommen, dann werden Sie vermutlich keine Präsenz erreichen.

Moviesection: Das kommt vielleicht auch daher, das Sie viel Theater spielen…
Edgar Selge: Beim Theater ist es das Gegenteil. Dort brauchen Sie immer eine Minimalform, um sich zu vermitteln, weil der Raum sehr viel größer ist.

Moviesection: Ebenfalls sehr beeindruckend in „Im nächsten Leben“ ist der Kurzauftritt von Ludwig Trepte…
Edgar Selge: Ich finde auch, das er eine Riesen-Begabung ist. Wie ein junger Robert De Niro. ER hat Präsenz. Unglaublich. Zu seiner Präsenz gehört, dass seine Figur immer vieldeutig bleibt. Es hat immer ein Geheimnis. Er lässt seinen Zuschauer, obwohl er so offen ist, begrenzt in seine Gedanken oder Seele schauen.

Moviesection: Sie sind mehrfach ausgezeichneter Schauspieler. Wie wichtig ist für Sie die Ehrung für Ihre Arbeit?
Edgar Selge: Bestätigung ist immer wichtig und sie tut immer gut. Ich gönne es jedem Kollegen die Erfahrung zu machen, durch einen Preis bestätigt zu werden.

Moviesection: In „Angsthasen“ und „Reine Geschmackssache“ zeigen Sie Ihre komische Seite, die viele Fans so an Ihnen lieben…
Edgar Selge: Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich versuchen jedes Jahr eine Komödie zu drehen, es sind jedoch immer noch die schwereren und selteneren Bücher. Dass ein Komödienstoff wirklich gelungen ist, ist selten. Dann muss man als Schauspieler auch noch gefragt werden… Man muss Glück haben.

Moviesection: Vielen Dank für Ihre Zeit und dieses Interview.




Filmvorstellung: "Die Tränen meiner Mutter"


Spielfilm, 93 Minuten

Story
Weil sie es in Argentinien unter der militärischen Herrschaft nicht mehr ausgehalten haben, sind Carlos und Lizzy mit ihrem kleinen Sohn Alex nach Deutschland geflüchtet. Dort angekommen, ziehen sie vollkommen mittellos in ein Loft, in dem noch viele weitere Leute leben. Schnell wird aus der Gemeinschaft eine große Familie, die zusammen ihren Lebensalltag bestreitet. Nur zwischen Carlos und seiner Frau Lizzy läuft es nicht so gut. Die Beziehung kriselt gewaltig und noch junge Alex steht verzweifelt zwischen den Fronten… ...zur Filmkritik




Anschließende Publikumsdiskussion
Am Donnerstag startete das Kinoprogramm im Saal Mars mit dem Familiendrama „Die Tränen meiner Mutter“. Zur anschließenden Publikumsdiskussion waren Regisseur Alejandro Cardenas Amelio, der Produzent Nicolas Gruppe und die Darstellerin Alice Dwyer da, um mit den Zuschauern über ihren Film zu sprechen. Wohl verhindert war Darsteller Fabian Busch, der bei dem Festival zwar anwesend war, durch seine Funktion als Jurymitglied, aber leider seinen eigenen Film und die anschließende Diskussion verpasst hat.

Wer sich im Voraus kurz mit der Biografie des Regisseurs beschäftigt hat, dem sind während dem Film gleich einige Parallelen zu dessen eigenem Leben aufgefallen. So war es weiter kaum verwunderlich, als der sympathische Regisseur berichtete, dass der Film in weiten Strecken auf seiner eigenen Lebensgeschichte beruht. Seine Eltern sind selbst aus Argentinien geflüchtet und nach einigen Stationen schlussendlich in den 80er Jahren in Berlin gelandet.  Viele der Figuren in „Die Tränen meiner Mutter“ seien realer Natur, wenn auch meistens etwas zugespitzt, berichtete Alejandro Cardenas Amelio. Einen großen Unterschied zwischen Realität und Film gebe es jedoch: Seine Eltern leben beide noch und sind weiterhin glücklich verheiratet. Es sei jedoch durchaus so, dass die Ehen viele argentinische Flüchtlinge in die Brüche gegangen sind.

Der kleine Junge Alex entwickelt im Film telekinetische Fähigkeiten, wodurch „Die Tränen meiner Mutter“ in vielen Szenen eine sehr magische Atmosphäre bekommt. Ein Zuschauer wollte von dem Regisseur wissen, wie es zu dieser Idee kam. Sehr lustig war es, als der Regisseur daraufhin berichtete, dass seine Mutter darauf schwört, dass ihr Sohn diese Fähigkeit tatsächlich besitzt. „Ich habe als Kind tagelang versucht Dinge mit meinen Augen zu bewegen und hatte danach tierische Kopfschmerzen“, erzählt Cardenas Amelio freudig seinem Publikum. Auch sehr speziell wirkte eine lange Zeichentrickeinlage, auf die der Filmeschaffer gleich von einem Zuschauer angesprochen wurde. Es stellte sich heraus, dass diese Zeichentrickszene von seinem Vater stammt. „Ich mag die altmodische Art von 2D-Trickfilmen. Außerdem konnte ich dadurch die Fantasie des kleinen Alex besser auf der Leinwand verdeutlichen“, erzählte Alejandro Cardenas Amelio.

Verwunderlich war, dass die Rolle von Alice Dwyer sehr wichtig erschien, man von dem Charakter der Sik allerdings nur sehr wenig erfährt. Der Regisseur meinte dazu, dass sich erst im Laufe der Dreharbeiten herausgestellt habe, dass der Charakter, den Dwyer verkörpert, sehr wichtig ist. Zuvor hatte man das nicht erwartet, sonst wäre auch deutlich mehr mit ihr gedreht wurden.

Zum Abschluss bedankte sich ein Zuschauer bei den Filmemachern für den tollen Film und beendete die nette Diskussionsrunde mit einem schlichten „sagenhaft!“.



Interview mit Schauspielerin Alice Dwyer



"Ich finde der deutsche Film hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig entwickelt."

Moviesection: Du warst jetzt ja schon öfters in Biberach. Wie gefällt es dir?
Alice Dwyer: Gut. Sehr gut. Ich finde es nur schade, dass ich dieses Jahr nicht mehr Zeit habe. Ich wäre gerne länger da. Mir hat auch die lange Diskussion nach dem Film gestern sehr gut gefallen.

Moviesection: Magst du den Nahkampf mit dem Publikum?
Alice Dwyer: Ich bin immer nervös vor dieser Situation. Aber natürlich ist das auch spannend und es gehört dazu.

Moviesection: In dem Film „Höhere Gewalt“ wird die Figur, die du spielst, vergewaltigt. Wir war der Dreh dieser Szenen und wie bereitet man sich überhaupt auf eine solch emotional anstrengende Rolle vor?
Alice Dwyer: In diesem Fall ging das, weil ich meinen Kollegen Tobias Schenke, der den Vergewaltiger spielt, schon länger kenne. Das Erste was er zu mir gesagt hat, als klar war, dass wir das zusammen spielen war: „Alice, ich will Dich nicht vergewaltigen!“. Er hatte noch viel mehr Angst vor dieser Szene als ich. Wegen dieser Angst von uns beiden, das ist ja nun etwas was man nicht immer spielen möchte, haben wir uns im Vorfeld mit dem Regisseur zusammengesetzt und lange über die Szene gesprochen und uns auf diese Weise vorsichtig in den Proben angenähert. Wir sind dann auch sehr vorsichtig miteinander umgegangen. So war es dann letztendlich okay. Natürlich braucht man danach einen Moment, um wieder runter zu kommen. Es hätte aber auch alles viel schlimmer kommen können und ich war sehr dankbar, auch Tobi sehr dankbar, darüber wie es dann letztlich abgelaufen ist.

Moviesection: Gab es denn schon Rückmeldungen von Mädchen und Frauen zu dieser Einstellung, die den Film bereits gesehen haben?
Alice Dwyer: Nein, persönlich hat mich noch niemand darauf angesprochen.

Moviesection: Du bist selber in einer Patchwork-Familie groß geworden, konntest Du dich daher besser in den Film „Die Tränen meiner Mutter“, deinem zweiten Film, der hier auf dem Festival  läuft, hineinfühlen?
Alice Dwyer: Total! Ich bin auch mit meinem Vater die ersten Jahre, so bis ich sechs war, in einer WG aufgewachsen. Daher kenne ich diese Situation sehr gut und mag sie auch sehr gerne. Ich mochte es damals gerne und mochte es auch jetzt während der Arbeit an dem Film. Es hat Spaß gemacht, das zu spielen. Wir saßen beim Dreh in der Kulisse dieser Fabriketage noch lange nach Drehschluss zusammen. Ich fand das klasse.

Moviesection: Hat man Dich auch wegen dieses Hintergrundes für die Rolle ausgewählt?
Alice Dwyer: Das kann ich nicht sagen, da müsste ich den Regisseur fragen. Aber ich kenne den Alejandro seit ich 12 Jahre alt bin. Bei dem Dreh zu einem Kurzfilm haben wir uns kennen gelernt. Er war dort Tonangler. Seit damals haben wir uns immer mal wieder gesehen.

Moviesection: Du spielt häufiger Charaktere, die jünger sind als Du selbst…
Alice Dwyer: Das kommt darauf an. „Höhere Gewalt“ haben wir vor drei Jahren gedreht, da war ich 17. Als ich die Sick in „Tränen meiner Mutter“ gespielt habe, war ich 18 und die Figur ist 19 Jahre alt. Es schwankt. Als ich jünger war, wurde ich sehr oft auf ältere Rollen gecastet, jetzt ist es umgekehrt. Ich weiß nicht woran das liegt (lacht).

Moviesection: Wie stehst Du als Schauspielerin zum Thema „Deutscher Film“? Viele sagen, der Deutsche Film ist zu schwer und schauen daher lieber in Produktionen aus Hollywood.
Alice Dwyer: Ich finde der deutsche Film hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig entwickelt. Ich hoffe er wird sich noch mehr entwickeln, weil besser werden kann er immer. Ich finde die momentane Entwicklung sehr aufregend und ich bin froh, dass ich in der jetzigen Zeit spielen kann.

Moviesection: Alice Dwyer vielen Dank für dieses Gespräch




Filmvorstellung: "Die Besucherin"


Spielfilm, 104 Minuten

Story
Agnes führt ein Leben, das manch einer sich wünschen würde: Sie kann sich in ihrem Beruf verwirklichen, während ihr Mann, ein Buchautor, den Haushalt versorgt und sich um die gemeinsame Tochter kümmert. Doch hinter der heilen Fassade ist nichts, wie es sein sollte. Die pubertierende Tochter spricht nicht mehr mit der Mutter und Agnes Ehe ist eine einzige Katastrophe. Als ihre Schwester Karola eines Tages kurzfristig verreisen muss, übergibt sie Agnes den Schlüssel zu einer fremden Wohnung, in der sie die Blumen gießen soll. Was zunächst noch eine lästige Pflicht für sie ist, wird mehr und mehr zu einer Zuflucht aus dem Alltag. Immer selbstverständlicher nimmt sie die fremde Wohnung in Beschlag, isst dort und hört die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter ab. Dabei findet sie heraus, dass die Wohnung dem Ehepaar Bruno und Teresa gehört, und dass Teresa auf dem Weg zu ihrem Liebhaber tödlich verunglückt sein muss. Als Agnes sich eines Tages in das fremde Bett legt, kommt ein fremder Mann in die Wohnung und legt sich an ihre Seite. Es fällt kein Wort zwischen beiden, aber Agnes schläft mit dem Mann, der Bruno sein muss. Mehr und mehr gerät Agnes Leben nun aus den Fugen, sie pendelt zwischen ihrem „wahren“ Leben und der Zuflucht in Brunos Wohnung – und erkennt, dass das nicht mehr lange so weitergehen kann....zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Lola Randl, die auf den Biberacher Filmfestspielen ihren Debütfilm „Die Besucherin“ vorstellte, stellte sich auf angenehm natürliche Art und Weise den Fragen des Publikums.
Ein Zuschauer wollte wissen, ob Frau Randl sich die Geschichte selber ausgedacht habe und wenn ja, wie sie auf die Idee gekommen sei. Die Regisseurin, die auch das Drehbuch zu „Die Besucherin“ schrieb erklärte, man komme nicht sofort auf eine Geschichte, das komme nach und nach. Zuerst käme der eine Gedanke, der dann wieder den Nächsten nach sich ziehe – alles in allem habe sich die Story über ein gutes Jahr entwickelt. Schmunzelnd erzählt Randl, dass sie ihren Film ja jetzt schon des Öfteren gesehen habe und sich heute zum Schluss selber gefragt habe: „Kommen die jetzt noch mal zusammen?“ „Ich weiß es nicht.“ war Frau Randls Kommentar dazu. Die Regisseurin erklärte zur Idee des Films, dass sie der Gedanke fasziniert habe, wie es wäre, wenn man wirklich mal aus seinem Leben herauskommen würde. „Da ist man dann erstmal wieder sich selber.“ sagte sie dazu.
Es gab abschließend viele Stimmen aus dem Publikum, die betonten, wie gut ihnen „Die Besucherin“ und insbesondere auch die Filmmusik gefallen habe. Randl verwies darauf, dass der Film voraussichtlich im Januar 2009 in die deutschen Kinos käme und dann vielleicht auch die Filmmusik erhältlich sein könnte.



Interview mit Regisseurin Lola Randl



"In vielen Fällen macht die „Gewaltenteilung“ schon Sinn."

Moviesection: Frau Randl, „Die Besucherin“ ist ja ihr Spielfilmdebüt. Was für ein Gefühl ist es, seinen ersten eigenen Film auf der Leinwand zu sehen?
Lola Randl: Das ist natürlich schon überragend in einer gewissen Art und Weise. Man hat den Film selber ja auch noch nie so groß gesehen, das ist ja auch größer, als man es filmt. Aber man hat ihn ja geschnitten usw. und ihn deshalb schon oft gesehen.

Moviesection: Kann man also nicht sagen, dass es dann ein völlig neues Erlebnis ist, wenn Sie den Film zum ersten Mal auf der Leinwand sehen?
Lola Randl: Doch, denn es ist völlig neu mit Publikum, das in jedem Fall. Und man kann den Film auch völlig unterschiedlich sehen, je nachdem, wie das Publikum ihn sieht. Man sieht ihn dann nicht immer wieder gleich, sondern der Film kann sehr viel heiterer gesehen werden, wenn er heiterer aufgefasst wird und sehr viel trauriger, wenn er trauriger aufgefasst wird. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich man ihn mit Publikum wieder neu sieht. Ich habe ihn ja jetzt schon öfter gesehen, und das kann sich wirklich unterscheiden.

Moviesection:
Heißt das, dass man schon auch ein Stück weit davon abhängig ist, wie das Publikum seinen Film auffasst?
Lola Randl: Ja, aber eigentlich bräuchte der Film einen irgendwann auch gar nicht mehr. Natürlich ist es bei solchen Festivals schön mitzubekommen, wie das Publikum ihn aufnimmt und sieht, aber eigentlich ist er ja jetzt soweit, dass er allein laufen könnte.

Moviesection: Als ich Ihren Namen im Vorspann so groß auf der Leinwand sah, dachte ich mir, dass es ja schon ein erhebendes Gefühl sein muss, den eigenen Namen dort zu lesen.
Lola Randl: Das kann beides sein. Es kann sehr erhebend sein, es kann aber auch zum Wegrennen sein. Je nachdem, wie es ausschlägt.

Moviesection: Ist es so, dass man als Regisseurin schon empfindlich ist? Trifft es Sie, wenn das Publikum rückmeldet, dass es Ihren Film schlecht findet, auch wenn Sie selber davon überzeugt sind, einen guten Film gemacht zu haben?
Lola Randl: Es kommt drauf an. Wenn ich die Einwände und die Kritik verstehen kann, kann das auch sehr interessant sein, wenn die Leute auch gewisse Dinge hinterfragen und nicht nur lobend sind. Es ist ja auch nicht so, dass man selber total unkritisch gegenüber seinem Film ist oder als wäre alles genauso geworden, wie man es gewollt hätte. Es ist ja auch ein Prozess, der von so vielen Faktoren abhängt, dass man selber immer wieder erstaunt ist, was letztendlich dabei herauskommt. Von der Anfangsidee an hat man natürlich schon viele Schritte gemacht. Deswegen finde ich Kritik gar nicht so uninteressant. Man ist, was Kritik angeht aber natürlich immer empfindlich, weil man so verletzbar ist, weil man so viel präsentiert. Verletzbar ist man natürlich schon.

Moviesection: Ist es schon so, dass man in einem Film viel von sich selber preisgibt?
Lola Randl:  Ja, ja, woher sollte man es sonst nehmen? Das sehe ich schon so, ja. Vor allem natürlich auch, wenn man selber die Geschichte schreibt, dann muss die ja von einem selber kommen. Man kann natürlich auch Geschichten erfinden, die abstrakter sind und weiter von einem weg liegen, die man weiter in die Ferne projiziert. Aber ich denke schon, dass man sehr viel von sicher selber preisgibt.

Moviesection: “Die Besucherin“ wirkt stellenweise schon sehr surrealistisch. Es geschieht etwas, von dem man denkt, dass das im wirklichen Leben so nicht passieren könnte, und doch versteht man aber, was da geschieht. Was fasziniert Sie denn an der Thematik, sein Leben zu verlassen und quasi in ein anderes hineinzuschlüpfen?
Lola Randl: Ich denke, dass es eine Sehnsucht jedes Menschen ist, nicht das Leben zu führen, das man letztendlich führt. Man hat doch so eine leichte Hoffnung, dass man eines Tages einen Brief im Briefkasten findet, auf dem steht, dass doch alles ganz anders sei. Die Grenzen seines eigenen Lebens und des eigenen Ichs spürt man ja schon oft. Naja, und diese Möglichkeit, die sich Agnes da bietet, für einen kurzen Zeitraum die andere Frau zu sein, weil sie von diesem Mann gar nicht gefragt wird, der sie dann wie seine Frau behandelt, bietet ihr eine Art von Freiheit, die es ja sonst gar nicht gibt. Diese Freiheit wird natürlich nicht fortbestehen können, weil man ja automatisch irgendwann miteinander redet. Und so stehen die beiden letztendlich ganz am Ende, wenn sie eigentlich am Anfang vom Kennenlernen stehen. Wenn sie sich das erste Mal erzählen wie sie heißen, was sie machen und ob sie Kinder haben, sind sie sich ja auf einmal relativ weit entfernt. Und da merken sie dann, wie schwierig das auf einmal wäre und ob sie tatsächlich das ganz normale Alltagsleben miteinander teilen wollen. Da wird ihnen bewusst, dass das so gar nicht geht. Aber diese Sehnsucht ist natürlich auch gar nicht zu stillen. Sehnsucht lässt sich ja auch gar nicht wirklich stillen, die kann ja quasi nur mit Hunger gefüttert werden. Wenn man sie stillt, ist es keine Sehnsucht mehr, weshalb das auch nur für einen Moment funktioniert, der aber dann ganz schnell wieder vorbei ist.

Moviesection: Die Hauptdarstellerin, Sylvana Krappatsch, hat dieses Gefühl, ihr altes Leben einfach nicht mehr zu wollen, sehr gut rübergebracht. Vor allem am Anfang hat man gemerkt, wie sie nur noch funktioniert, wie sie morgens monoton ihre Cornflakes in sich reinschaufelt, aber so, als wäre sie gar nicht mehr da. Das kam mit sehr wenigen Worten aus, wie überhaupt der ganze Film. War das von Ihnen bewusst so gewählt?
Lola Randl: Ja, es sollte sich mehr über diese Rituale, die Handlungen, dieses Alltagsleben und die Art von Routine, die man ja auch im Leben braucht, ausdrücken. Wenn man sich gut kennt, kommt man ja mit ganz wenigen Worten aus, weiß man oft, was der andere meint, auch wenn er nur zwei Worte sagt. Dann funktioniert ja Kommunikation nicht so, dass man sich jedes Mal wieder neu erklärt, sondern es ist ja schon so viel abgemacht. Deswegen habe ich natürlich auf allzu viele Erklärungen in den Dialogen verzichtet. Und in der Beziehung zu Bruno, diesem fremden Mann, ist ja jedes Wort erstmal gefährlich, die sprechen ja am Anfang gar nicht. Und wenn sie dann doch etwas sprechen, sind sie selber schockiert.

Moviesection: Das kommt im Film auch sehr gut rüber. Man merkt Agnes an, dass sie eigentlich gar nicht mit dem Fremden reden will, dass es für sie ganz komisch ist, wenn sie dann doch etwas sagt. Eigentlich möchte sie gar nichts mit ihm reden.
Lola Randl: Ja, wenn sie dann etwas sagt, macht sie einen viel zu langen, viel zu komplizierten Satz, bricht ihn dann in der Mitte ab, kommt aber nicht mehr richtig raus und versucht dann wieder, weiterzureden.

Moviesection: War es für Sie sehr schwer, Ihren Darstellern rüberzubringen, wie Sie es gerne hätten?
Lola Randl: Nein, wir hatten eigentlich ein sehr ähnliches Verständnis vom Buch und die Zusammenarbeit lief mit sehr viel Vertrauen ab. Manchmal sind es dann eher die äußeren Umstände, die einen so unter Druck setzen. Das andere Team mit seinen Befindlichkeiten ist ja auch noch da und dann ist es eher ein Problem, wieder zu dem Gefühl, das man beim Lesen hatte, zurückzukommen. Die Schwierigkeit ist eher, dieses Gefühl wieder in den jetzigen Moment zurückzuholen, die Möglichkeit zu schaffen, es wieder kommen zu lassen. Aber ansonsten war es sehr einfach mit den Schauspielern zusammenzuarbeiten, sehr schön.

Moviesection: Haben Sie denn schon beim Schreiben des Drehbuchs bestimmte Leute im Kopf?
Lola Randl: In diesem Fall hatte ich es nicht. Deshalb habe ich mit einer Casterin, die sich ja sehr gut in der ganzen Schauspielerlandschaft auskennt, zusammengearbeitet. Die fängt dann erstmal an, einem Vorschläge zu machen, hat zu jeder Rolle sehr viele Vorschläge. Da schaut man sich sehr viele Bänder an und manche Schauspieler kennt man natürlich schon. Man ist wirklich ein halbes Jahr damit beschäftigt, sich viele Leute anzuschauen und aus denen dann erstmal eine kleine Auswahl zu treffen, die man zu Proben einlädt. Ja, und dann muss man sich eben entscheiden.

Moviesection: Sie machen ja ganz viele Sachen: Drehbuch, Regie, Schnitt, Kamera, Produzentin.
Lola Randl: Ja, aber das würde bei so einem Film natürlich nicht gleichzeitig gehen. Bei kleineren Filmen habe ich das schon gemacht, aber hier könnte ich nicht die ganzen Aufgaben alleine erfüllen. In vielen Fällen macht die „Gewaltenteilung“ schon Sinn. Ich mache aber immer noch Kurzfilme und eine kleinere Serie, bei der wir nur ganz wenige sind. Da drehen wir jede Folge mit nur fünf Menschen. Da besteht das ganze Team aus fünf Menschen, wohingegen bei „Die Besucherin“ das Team aus fünfzig Menschen besteht.

Moviesection: Gibt es bei diesen vielen unterschiedlichen Aufgaben eine Königsdisziplin für Sie, etwas von dem sie sagen könnten, dass es Ihnen am meisten Spaß macht?
Lola Randl: Das ist eine schwierige Frage für mich, weil ich mir immer einbilde, das andere würde mir gerade mehr Spaß machen. Wenn ich z. B. das Drehbuch schreibe, dann kann ich irgendwann einfach nicht mehr Drehbuch schreiben und sage mir, wie wahnsinnig toll es doch sein müsste, das jetzt einfach nur Drehen zu können. Und wenn ich am Drehen bin, dann finde ich das Drehen so schlimm und stelle mir vor, wie schön es doch wäre, endlich im Schnitt zu sitzen. Ich behaupte zu jedem Zeitpunkt, das andere wäre besser. Aber jetzt bin ich ganz glücklich mit meinem Film, auch wenn jetzt ja wieder alles von vorne losgeht…

Moviesection: Sind Sie zum ersten Mal in Biberach?
Lola Randl: Nein, ich war schon mal vor zwei Jahren mit einem Kurzfilm hier.

Moviesection: Dann wünsche ich Ihnen noch weiterhin viel Spaß in Biberach und bedanke mich für das interessante Gespräch.


Filmvorstellung: "Vom Atmen unter Wasser"


Spielfilm, 90 Minuten

Story
Schon als Simon sieben Jahre alt war, wollte er seine kleine Schwester loswerden. Eifersüchtig darauf, dass die kleine Sarah alle Liebe der Eltern für sich beansprucht, brachte er sie mit ein bisschen Kleingeld zu einem Linienbus und ließ sie auf Nimmerwiedersehen losfahren. Der Plan gescheiterte, Sarah blieb der Familie erhalten – doch nicht auf Ewig. Als sie im Teenageralter ist, wird sie nach einer Party auf einem Spielplatz grausam ermordet. Jetzt, ein Jahr später, hat ihre Mutter Anne den Tod ihrer geliebten Tochter noch immer nicht verkraftet. Mit ihrer Kraft am Ende, schneidet sie sich die Pulsadern auf. Da Jo, Ehemann und Vater der Familie, seiner Arbeit weiter nachgehen muss, bittet er Simon wieder zu Hause einzuziehen. Diesem bleibt nichts anderes übrig, als sein Studium vorerst zu unterbrechen und dem Wunsch seines Vaters nachzukommen. Wieder Zuhause eingezogen, wird er mit dem Scherbenhaufen konfrontiert, den Sarahs unverhoffter Tod bei seinen Eltern hinterlassen hat. ...zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Nach dem sehr eindrucksvollen Filmscreening von „Vom Atmen unter Wasser“ waren Regisseur Winfried Oelsner, Drehbuchautorin Lisa-Marie Dickreiter und Darsteller Thorsten Merten im Sternenpalast vertreten, um mit dem Publikum über den Debütfilm zu sprechen. Die Autorin berichtete zunächst, dass sie viele Jahre an den Zeilen zu diesem Film gefeilt habe. „Ich hatte einen heiden Respekt vor dem Thema und habe viel, viel recherchiert“, erzählte Dickreiter ihrem Publikum. Um eine möglichst authentische Geschichte erzählen zu können, habe sie viel mit betroffenen Eltern gesprochen. Allerdings, betonte sie, sei der Film rein fiktiver Natur. Sie durfte keine tatsächlichen Erlebnisse 1:1 in ihrem Film wiedergeben. Besonders hervorstechend war die Rolle der Mutter, die von Andrea Sawatzki schauspielerisch umgesetzt wurde. Regisseur Winfried Oelsner gab zu diesem Thema preis, dass er Sawatzki schon sehr früh für die Rolle der Mutter im Kopf hatte. Er wusste, dass es die deutsche Schauspielerin wunderbar versteht, gleichermaßen verletzlich und hart zu wirken. „Wir sind wirklich froh, dass sie die Rolle angenommen hat“, war die einstimmige Meinung der beiden Filmschaffenden. Wichtig war den beiden jedoch auch, dass es in ihrem Film keine Hauptperson gibt. Alle Familienmitglieder sollten eine gleich große Bedeutung für die Geschichte haben.   

Da viele Zuschauer vor allem von dem Verhalten der Mutter emotional sehr betroffen waren, wurde die Drehbuchautorin Lisa-Marie Dickreiter dazu aufgefordert, mehr über den Charakter zu erzählen. „Mütter können in ihrer Trauer manchmal sehr brutal sein“, erzählte Dickreiter. Sie habe während ihrer Recherche auch oft erlebt, dass Mütter, die bereits ein Kind verloren haben, oft eine enorme Wut auf ihre anderen, noch lebenden Kinder entwickeln. Bei dem Charakter der Mutter sei ihr vor allem wichtig gewesen, dass man ihn verstehen kann, aber letzten Endes mit dem Handeln nicht einverstanden ist, ergänzte Dickreiter ihre Antwort.

Von Thorsten Merten, der in „Vom Atmen unter Wasser“ die Rolle des Vaters innehatte, wollte ein Zuschauer wissen, wie es für ihn gewesen sei, einen solch rücksichtslosen Vater zu verkörpern. Da Merten selbst drei Kinder hat, antwortete er darauf, dass ihm das Hineinversetzen in diese Rolle sehr schwer gefallen sei. Letzten Endes hätte es jedoch gut geklappt, da er sich über einen längeren Zeitraum mit der Rolle auseinandersetzten konnte.



Interview mit Regisseur Winfried Oelsner und Autorin Lisa-Marie Dickreiter



"Als Autor ist man kein Zuschauer, sondern derjenige, der diese Welt zusammenbaut."

Moviesection: In „Vom Atmen unter Wasser“ waren besonders die schauspielerischen Leistungen sehr beeindruckend. Wie kam es zu der Auswahl der Darsteller?
Winfried Oelsner: Das Casting habe ich geleitet. Dieses Glück hat man, wenn man einen Debütfilm macht, da man komplett freie Hand hat, was die Auswahl der Schauspieler angeht. Man muss eine persönliche Handschrift entwickeln, weshalb einem niemand von der Produktions- oder Redaktionsseite aus Vorschriften macht. Natürlich müssen die Schauspieler auch zusagen. Das Problem ist, dass es bei einem Debütfilm wenig Geld gibt. Aber wenn die Darsteller dennoch zusagen, dann weiß man, dass die Leute das aus Engagement heraus machen – einfach weil sie Lust auf die Rolle haben. Für sie ist es nicht einfach mehr ein Job, sondern etwas, das man mit Herzblut macht.

Moviesection: Vor allem Andrea Sawatzki glänzt mit einer Lola Klamrothiosen Darstellung. Hatten sie die Schauspielerin von Anfang an für diese Rolle im Kopf?
Winfried Oelsner: Lisa und ich haben uns schon während der Stoffentwicklung Gedanken über die Schauspieler gemacht. Wir haben uns immer gefragt, wer denn toll wäre und passen würde. Wir hatten schon lange im Voraus eine Idealvorstellung und das war Andrea Sawatzki für die Rolle der Mutter. Einfach weil sie die beiden Pole, die ihre Figur ausmacht, so wunderbar verkörpert. Sie hat eine sensible Seite, aber sie kann auch wunderbar Kälte und Härte darstellen. Man hat Angst vor ihr, aber auch um sie. Und genau das war für die Rolle sehr, sehr wichtig. Glücklicherweise war Andrea Sawatzki von Anfang an sehr begeistert, was unserem Film natürlich sehr zu Gute kam.

Moviesection: Gerade bei der tragischen Geschichte von „Vom Atmen unter Wasser“ war es für die Schauspieler doch bestimmt sehr schwer, sich in ihre Rollen einzufinden. Sie mussten eine Situation darstellen, die sie so (hoffentlich) noch nicht erlebt haben. Muss man da als Regisseur viel mit den Schauspielern arbeiten und mit ihnen über die Rolle sprechen?
Winfried Oelsner: Es ist total unterschiedlich. Jeder ist anders und geht unterschiedlich mit der Rolle um. Ich hatte als Regisseur das Glück, dass die Schauspieler die Rollen so angenommen haben, wie ich mir das vorgestellt habe. Mit Adrian Topol habe ich viele Gespräche geführt, weil die Figur Simon sehr schwer zu fassen ist. Da redet man viel und versucht eine Gemeinsamkeit zu finden, damit der Schauspieler versteht was ich mir von ihm wünsche. Ich verstehe aber genau so gut, was den Schauspieler antreibt. Im Idealfall hat man als Regisseur aber Vertrauen und gibt ihm auch die Freiheit die er braucht.

Moviesection: Wie kommt man zu einem solchen Thema für sein Debütdrehbuch?
Lisa-Marie Dickreiter: Das Thema war schon vorher ausgewählt und ich habe mich darauf eingelassen. Ich bin so jemand, wenn ich etwas mache, dann ganz oder gar nicht. Ich wollte es richtig machen und demnach auch richtig in das Thema eintaucht. Als Autor ist man kein Zuschauer, sondern derjenige, der diese Welt zusammenbaut. Man ist auch mit den eigenen Emotionen dabei. Ich glaube, dass der Film einfacher zu schreiben als anzuschauen ist.

Winfried Oelsner: Es geht ja nicht nur um Trauer in dem Film, sondern auch viel um Einsamkeit und das „nicht verstanden werden“. Es geht letztendlich auch um eigene Bedürfnisse, denn jeder kennt das Spannungsverhältnis in einer Familie. Als Filmschaffender tastet man sich langsam vor und versucht so dem Thema gerecht zu werden.

Moviesection: Warum läuft „Vom Atmen unter Wasser“ nicht auch im Kino?
Winfried Oelsner: Weil die Suche nach dem Verleiher sehr schwer ist. Da müssen Sie bei den Verleihern fragen, warum die den Film nicht haben wollen. Das Thema ist eben sehr schwer und zieht keine Massen an. Das ist immer das Problem bei solch schweren Filmen. Wir bekommen zwar überall guten Zuspruch von den Leuten die ihn schon gesehen haben, aber der Film kommt einem nicht entgegen, weshalb er nicht unbedingt fürs Kino gemacht ist.
Lisa-Marie Dickreiter: Der Film war von Anfang an als Fernsehfilm geplant war, weshalb wir nicht so sehr enttäuscht sind, dass wir keinen Verleiher gefunden haben. Das wäre zwar ein schönes Bonbon gewesen, aber kein Muss. Unsere Intension war es, einen guten Film fürs Fernsehen machen.
Winfried Oelsner: Das Schöne ist, dass der Film auch auf vielen Festivals läuft, mittlerweile auch mit englischem Untertitel. So sehen wir ihn zumindest dort auch auf Leinwänden, was schon wirklich sehr gut ist.




Filmvorstellung: "Früher oder später"


Spielfilm, 93 Minuten

Story
Die vierzehnjährige Nora hat es nicht leicht mit ihren Eltern. Die sind voll und ganz mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und haben wenig Zeit, auf das Gefühlsleben ihrer introvertierten Tochter einzugehen. Nora lebt in der romantischen Phantasiewelt vieler junger Mädchen und als Thomas, der frühere Liebhaber von Noras Mutter ins Nachbarhaus einzieht, verliebt die sich sofort unsterblich in ihn. Thomas, der Frau und Kind hat, lässt Nora immer deutlicher spüren, dass er eindeutige Absichten hat, was wiederum Uwe, Noras Vater, rasend macht. Der verliebte Teenager gibt sich ganz seinen romantischen Vorstellungen hin, tut alles, was junge Mädchen eben so tun, wenn sie ihr Herz verlieren. Das ist natürlich Wasser auf Thomas Mühlen, der nicht davor zurückschreckt, ganz eindeutige Grenzen zu überschreiten. Während eines Nachbarschaftsessens kommt es dann zum Eklat zwischen Thomas und Uwe. Die völlig verwirrte Nora weiß nicht mehr, wohin sie sich noch wenden soll....zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Adrian Kutter, der „Früher oder später“ als einen Film, der unter die Haut geht, bezeichnete, stellte voller Begeisterung Peter Lohmeyer, seine Tochter Lola Klamroth und den Rest des anwesenden Teams vor.
Lohmeyer nahm sofort das Mikrofon in die Hand und gestand, wie begeistert sie alle von dem so warmen Applaus der Biberacher seien. Bei der Vorstellung des Films in Locarno seien sie alle furchtbar nervös gewesen, doch die herzliche Atmosphäre hier in Biberach habe sie sofort überzeugt. „Wir sind jetzt alle guter Dinge“ sagte Lohmeyer grinsend. Dann stellte der Schauspieler alle Anwesenden des Filmteams vor: seine Tochter Lola Klamroth, die Schauspielerin Beata Lehmann, die im Film seine Frau spielte, Regisseurin Ulrike von Ribbeck und Schauspielkollegen Thorsten Merten, den Lohmeyer als den „heimlichen König des Low-Budget“ bezeichnete.
Peter Lohmeyer bat dann um Fragen aus dem Publikum und ein junger Zuschauer wollte von Lola wissen, ob es für sie schwer gewesen sei, die Rolle der Nora zu spielen. Lola überlegte kurz und meinte dann, es sei auf eine ganz komische Art schwer gewesen – „Weil ich so bin und doch auch wieder nicht.“ Ein Zuschauer merkte an, wie faszinierend er die Musik gefunden habe, für ihn hätte die Musik immer Bezug zur Handlung gehabt. Frau von Ribbeck verriet, dass die Musik von der amerikanischen Band Aurevoir Simone stamme und im Laden erhältlich sei. Die nächste Frage ging an Frau von Ribbeck und bezog sich auf die Schwierigkeit, mit einer so jungen Schauspielerin zusammenzuarbeiten. Von Ribbeck erklärte, dass erst einmal ein beiderseitiges Kennenlernen stattgefunden habe. Sie hätten viele Tests gedreht, ganz viel mit Lolas Haaren und unterschiedlichen Kleidern ausprobiert. So hätten sie sich allmählich der Figur angenähert, doch laut Frau von Ribbeck hat Lola sehr intuitiv gespielt. Eine Zuschauerin wollte wissen, wie die Regisseurin den Filmtitel „Früher oder später“ weiterführen würde. Die meinte, hier kämen mehrere Varianten in Frage. „Da ist alles drin, da hab´ ich mir selber auch einiges dabei gedacht.“ Was sie sich alles hätte vorstellen könnte, wollte die Regisseurin dann aber doch nicht verraten. Ein Freund von ihr hätte den Titel einmal ausgesprochen und ihr habe er dann irgendwann so gefallen, dass sie ihn einfach übernommen habe. Fünfundzwanzig Drehtage hätten sie für den Film gebraucht, beantwortete von Ribbeck eine Frage aus dem Publikum.
An Herrn Lohmeyer wurde die Frage gestellt, ob Lola von sich aus den Wunsch geäußert hätte, Schauspielerin zu werden. Er erwiderte, dass Schauspieler ja eine Berufsbezeichnung sei, von der Lola noch weit entfernt sei. „Sie hat jetzt mal gespielt, aber wenn sie es wirklich als Job machen will, dann muss sie schon zur Schauspielschule.“ Lohmeyers Kollegin Beata Lehmann sah das allerdings etwas anders, sie bezeichnete Lola als absolut professionelle Kollegin, was dann zu einigen Diskussionen zwischen Lohmeyer, Lehmann und Merten führte. Diese Diskussion beendete Lola Klamroth auf diplomatische Art und Weise mit dem Satz: „Aber wenn ich Schauspielerin werde, gehe ich auch zur Schauspielschule!“



Gespräch mit Schauspieler Peter Lohmeyer und Tochter Lola Klamroth



Der routinierte Star Peter Lohmeyer hatte offensichtlich wenig Interesse an einem Interview und hörte mehr oder weniger gelangweilt nur mit einem Ohr zu. Seine Tochter Lola Klamroth hingegen, die im Film „Früher oder später“ die Hauptrolle spielt, verfügt zwar nicht über soviel Schauspielroutine, kennt sich dafür umso besser mit den ganz einfachen Umgangsregeln aus. Freundlich und zuvorkommend beantwortete Lola unsere Fragen und das, obwohl sie schon auf Nadeln saß, da sie im Anschluss unbedingt eine Filmvorführung besuchen wollte.
Auf unsere Frage, ob es für sie denn schwierig gewesen sei, die Tochter ihres Vaters zu spielen, wo doch die Vater-Tochter-Beziehung im wahren Leben sicherlich eine ganz andere sei, überlegte Lola kurz. „Nein!“, meinte sie, nachdem sie sich einmal in ihre Rolle eingefunden habe, wäre es ihr nicht mehr schwer gefallen. Natürlich sei das Verhältnis zu ihrem Vater im wahren Leben ein ganz anderes, aber vor der Kamera sei es so für sie absolut stimmig und passend gewesen. In „Früher oder später“ geht es ja nicht nur um einen Teenager, der sich in einen viel älteren Mann verliebt, sondern auch um eine eindeutige Grenzüberschreitung. Wir wollten von Lola wissen, ob sie es schwer gefunden habe, sich in diese Situation hineinzuversetzen, die ja an der Grenze zum sexuellen Missbrauch sei. Sie erklärte uns, dass sie in dem Moment eben einfach die Nora gewesen sei und dann auch alles andere gepasst habe. Sie habe dann nicht lange überlegt, sondern einfach gefühlt, was es mit ihr mache. Ja, sie hätten sich den Film schon gemeinsam auf der Leinwand angeschaut und es sei schon ein schönes Gefühl gewesen, entgegnete Lohmeyer auf unsere letzte Frage.
Nach unserem kurzen Interview machte sich Lola Klamroth auf den Weg ins Kino – bleibt zu hoffen, das „Früher oder später“ nicht der letzte Kinofilm mit ihr in der Hauptrolle gewesen ist.




Filmvorstellung: "Nur ein Sommer"


Spielfilm, 93 Minuten

Story
Weil Eva keinen Job im brandenburgerischen Everswalde bekommt und bereits seit Jahren vergeblich auf Veränderungen wartet, beschließt sie kurzerhand, den ihr vom Arbeitsamt angebotenen Melkerinnenjob in der Schweiz anzunehmen. Das findet ihr Freund Marco natürlich alles andere als witzig und auch ihr bereits erwachsener Sohn freut sich wenig darüber.
Auf der Alm angekommen, macht sie Bekanntschaft mit dem geschiedenen Bauern Daniel, mit dem sie die kommenden Monate verbringen wird. Zwar ist Daniel mürrisch und reserviert, scheint aber bald gefallen an seiner neuen Arbeitskraft zu finden. Und auch Mehmed, der auf der Nachbaralm arbeitet, findet die „Neue“ anscheinend sehr attraktiv. Doch Eva will offenbar von Männern nichts mehr wissen und muss ihr Leben dringend überdenken. Das scheint in Mitten von Kühen und Ställe ausmisten jedoch alles andere als einfach…...zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Im Anschluss an den Film sprachen die zwei sehr sympathischen Frauen Tamara Staudt (Regie) und Anna Loos (Hauptrolle) mit dem beschwingten Publikum über ihren Film „Nur ein Sommer“.
Die Regisseurin erzählte, sie sei zwei Mal sechs Wochen auf der Alm gewesen um für ihren Film zu recherchieren. „Ich wollte unbedingt einen Bergfilm machen!“ sagte Staudt. Sie fände es irre, dass sich auf 2000 Meter Höhe ganz Europa treffe. Schließlich würden dort oben alle arbeiten, außer den Schweizern selbst, schmunzelte die Filmemacherin.
Auf die Frage, wie denn dem Schweizer Publikum der Film Gefallen habe, antwortete Staudt, dass die Zuschauer dort an völlig anderen Stellen gelacht habe. Auch gab die Regisseurin zu, nicht bedacht zu haben, dass die Schweizer mit dem brandenburgerischen Dialekt Probleme haben könnten. „Ich habe diesen Teil, im Gegensatz zu den Schweizer Aufnahmen, nicht untertitelt. Ein schweres Versäumnis!“ klagte Staudt.



Interview mit Schauspielerin Anna Loos und Regisseurin Tamara Staudt



"Ich bin kein Fan von erotischen Szenen."

Moviesection: Wie wars im Heu?
Anna Loos: Im Heu? Stachelig (lacht).

Moviesection: Ist es dort nicht schwierig eine erotische Szene zu spielen?
Anna Loos: Das ist immer schwierig. Ich bin kein Fan von erotischen Szenen und ich kenne auch niemanden, der ein Fan davon ist.

Moviesection: Überzeugend gespielt war es ja trotzdem. Diese Heu-Fantasie ist ja ganz bekannt und doch ist es, wenn man es dann erlebt, so gar nicht erotisch…
Anna Loos: Wenn man wirklich schwerverliebt ist, und sich das in einem sexuellen Ereignis entlädt, dann ist das bestimmt auch im Heu superschön. Wenn man das aber dreht, dann ist man ja nicht schwerverliebt, dann steht das eher auf der Dispo und dann muss man sich überlegen, wie man das gemeinsam hinkriegt. Es ist zum Teil ja auch eine technische Sache, weil man da ja nicht nur irgendwas machen muss, sondern die Kamera muss das ja auch einfangen, die Regisseurin muss alles haben, was sie braucht. Dann ist da noch das Filmteam da…

Moviesection: „Nur im Sommer“ wurde schon hart geschnitten. War das so gewollt?
Tamara Staudt: Das ist eher am Schneidetisch entstanden.

Moviesection: Wieviel ist denn von Anna in Eva und andersherum?
Anna Loos: Ein bisschen Anna in Eva, ein bisschen Eva in Anna.

Moviesection: Sie sind das erste Mal in Biberach, Frau Staudt? Wie gefällt es Ihnen?
Tamara Staudt:: Ja, nett.

Moviesection: Man bezeichnet das Filmfestival auch als „Nahkampf mit dem Publikum.“
Tamara Staudt: Bis jetzt sind hier alle sehr diszipliniert und höflich. Das hab ich als „Nahkampf“ bisher noch nicht empfunden.
Anna Loos: Biberach ist ja eher ein kleines Festival. Ich hatte im Vorfeld schon viel gehört von diesem Filmfest – ich bin ja auch zum ersten Mal hier – und das was ich immer so gehört habe, war, das die Leute immer sehr viel Spaß hatten, weil es so gemütlich und weil die Auswahl der Filme immer interessant ist. Ich finde es unglaublich 30 Jahre so ein Filmfest am Laufen zu halten und auch von mir noch mal „Herzlichen Glückwunsch!“
Hier kommen die Cineasten her, die wir ja brauchen. Für Leute, wie Tamara, die viel und hart an einem Film arbeiten und kompromisslos umsetzen ohne auf Kommerz zu schielen. Für solche Leute ist so ein Filmfest auch ganz wichtig.

Moviesection: „Nur im Sommer“ soll nächstes Jahr ins Kino kommen. Viel Erfolg und weiterhin viel Spaß auf dem Filmfest!




Filmvorstellung: "Der rote Punkt"


Spielfilm, 93 Minuten

Story
Nach einem Autounfall, bei dem ihre Familie ums Leben kam, ist die kleine Japanerin Aki bei ihrer Tante wie ein eigenes Kind aufgenommen worden. Nun steht sie als junge Frau an der Schwelle zum Berufsleben, und die Gedanken an die Zukunft bringen die Fragen nach der Vergangenheit zurück. Aki beschließt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und reist auf der Suche nach ihren Wurzeln nach Deutschland an den Ort des Unfalls. Hier lernt sie Elias Weber und seine Familie kennen. Während Elias Aki bei der Spurensuche ungeachtet der Probleme mit seinem Vater hilft, gibt sich dieser verschlossen und wenig begeistert über den überraschenden Besuch aus Japan. Je länger Aki bei den Webers ist, desto mehr ahnt sie auch, woher die Reserviertheit von Herrn Weber kommt. ...zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Das beinahe vollbesetzte Mars-Kino harrte gespannt der Publikumsdiskussion zu „Der rote Punkt“. Nicht nur Regisseurin Marie Miyayama war angereist sondern auch der Produzent, der Produktionsleiter, sowie der Mann für die Musik Helmut Sinz und, extra aus Japan, Hauptdarstellerin Yuki Inomata. Der Film war bei den Zuschauern auf großen Zuspruch gestoßen und so überwog der Applaus und nicht unbedingt die Fragen. Das Team freute sich sichtlich über die viele positive Resonanz und Regisseurin Miyayama berichtete gerne von sich aus noch einiges über die Entstehung des Films. Sie erzählte, dass der Film auf einer wahren Begebenheit beruht und es diesen Unfall mit einer japanischen Familie tatsächlich gegeben hat. Der Fahrer beging damals Fahrerflucht. Somit konnte die japanische Seite sehr gut recherchiert werden, die deutsche musst Miyayama jedoch „hinzuerfinden“.  Sie hatte an der gesamten Geschichte besonders die Tatsache interessiert, dass sich hier zwei Menschen kurz begegnen, sich ihre Wege kreuzen, und dann wieder völlig getrennt weiter laufen. Ob die Hauptdarstellerin denn tatsächlich Deutsch spreche, wollte eine Stimme aus dem Publikum wissen. Marie Miyayama verneinte. Sie erzählte, dass sie Yuki kurz vor der Abreise eine CD mit den deutschen Dialogen geschickt hatte und diese hatte sie dann auswendig gelernt. Es war ihr wichtig, berichtete Miyayama weiter, dass in der Hauptrolle eine Schauspielerin zu sehen war, die noch nie in Deutschland gewesen war und so die Situation der Aki aus dem Film besonders gut nachempfinden konnte. Unter einem warmen Abschlussapplaus verließ das Team anschließend das Kino und stürzte sich in das Festivalgewühl auf den Gängen vor dem Kino.




Filmvorstellung: "Weitertanzen"


Spielfilm, 90 Minuten

Story
Obwohl sich Maren und Arno erst ein Dreivierteljahr kennen ist Arno sich sicher: er will seine Maren heiraten. Auch Maren ist glücklich, doch kurz vor dem großen Tag tauchen die Schatten ihrer Vergangenheit in Form ihres Exfreundes Peter auf. Dieser war von 6 Jahren sang und klanglos verschwunden. Maren schiebt das unerfreuliche Treffen beiseite und heiratet Arno. Es folgt ein rauschendes Fest in einem großen Hotel im Schwarzwald. Doch was als Traumhochzeit gedacht war, entwickelt sich für Maren zum Alptraum. Alte Ängste und Unsicherheiten brechen bei ihr auf und sie verliert von Stunden zu Stunde mehr die gefühlte Nähe zu Arno. Dieser scheint sich auf dem Fest, das fast nur aus seiner Familie und seinen Freunden besteht, wunderbar zu amüsieren und registriert Marens aufsteigende Panik nicht. Als diese es nicht mehr aushält schnappt sie sich kurzerhand Exfreund Peter und verlässt das Fest. Ohne sich über die Wirkung ihres Handelns Gedanken zu machen....zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Zu etwas vorgerückter Stunde um 21:10 Uhr am 31.10.2008 war ein fast ausverkauftes Kino Jupiter ganz auf „Weitertanzen“ eingestellt. Das Team von „Weitertanzen“ war sehr zahlreich nach Biberach gereist. Neben der Debütregisseurin Friederike Jehn waren auch die Produzenten Alexander Funk, Florian Rothenberger und Michael Jungfleisch angereist. Überraschend konnte auch Hauptdarstellerin Marie Christine Friedrich den Besuch in Biberach möglich machen. Die Filmcrew traf auf ein eher sprachloses Publikum, das von der Geschichte noch sichtlich erschlagen war.  Friederike Jehn erzählte, dass sie die Idee gereizt hatte einmal nur eine Hochzeit  zu zeigen. Bei vielen Filmen ist diese nur noch das Sahnehäupchen auf dem Happy End. Sie wollte in die Abgründe eines solchen Festes eintauchen und die damit verbundenen Ängste thematisieren.




Filmvorstellung: "Balkan Traffic - Übermorgen nirgendwo"


Spielfilm, 83 Minuten

Story
Der Serbe Zoki und der Bosnier Feti betreiben in Berlin Kreuzberg ein dubioses Geschäft: Während sie sich als Reiseunternehmen tarnen, können sie den lauschigen Laden im Handumdrehen in ein Bestattungsunternehmen verwandeln. Natürlich läuft das alles nicht ganz legal ab, haben es sich die beiden doch zur Aufgabe gemacht, verstorbene Landsleute über die Grenzen, zurück ins Heimatland zu schmuggeln. Die Polizei ist ihnen schon länger auf den Fersen, hat bislang aber noch keine handfesten Beweise. Das ändert sich allerdings, als sich eine Polizistin anstatt einer Leiche in den Sarg legt und sich von Zoki und Feti abtransportieren lässt....zur Filmkritik



Anschließende Publikumsdiskussion
Zu später Stunde wurde es im Kinosaal Sternchen nach einem langen und teils sehr anstrengenden Programm, doch noch lustig und lockerleicht. Mit „Balkan Traffic“ lief eine der wenigen Komödien des Biberacher Filmfestivals. Die Stimmung war dementsprechend gut und man merkte den zahlreichen Zuschauern, die gut Laune und die Freude auf diesen Film merklich an. Schon Adrian Kutters kurze Vorworte, ließen die Vorfreude auf die Komödie weiter steigen: „Ich mag die Musik und die tollen Rhythmen. Ein aberwitziger Film, der das pralle Balkanleben wunderbar beschreibt“, waren seine einleitenden Worte. Zu viel versprochen hatte der Festivalleiter nicht, blieb das Publikum doch durchweg lustig gestimmt und sparte nicht daran herzhaft über die zahlreichen Gags zu lachen.

Im Anschluss an den Film war mit Markus Stein einer der beiden Regisseure im Kinosaal Sternchen vertreten, um mit dem Publikum über seinen Film zu sprechen. Dieser berichtete seinen Zuschauern, dass „Balkan Traffic“ auf mehr reellen Tatsachen beruht, als man es wahrscheinlich vermuten würde. Es gebe tatsächlich viele Notizen über Leichenschmuggel in den Ostblock und auch wenn die Geschichte sicherlich zugespitzt wurde, so gibt es unzählige Kriegsflüchtlinge, die illegal in Deutschland leben und nicht viele Chancen haben um an Geld zu kommen. „Da kann es sogar vorkommen, dass Serben und Bosnier zusammen arbeiten – weil sie es müssen“, berichtet der gutgelaunte Regisseur. „Manchmal sind die tatsächlichen Geschehnisse sogar noch grotesker als in unserem Film dargestellt“, fügt er dann noch hinzu.

Interessant zu erfahren war natürlich, ob „Balkan Traffic“ auch in den osteuropäischen Ländern gezeigt wird. Da an dem Verleih auch eine kroatische Firma beteiligt ist, sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Film auch auf dem Balkan in ein paar Kinos läuft, gab der Regisseur bekannt. „Ich denke, dass der Film dort wahrscheinlich ganz anders funktioniert“, so Stein.




Filmvorstellung: "Das Morphus-Geheimnis"


Spielfilm, 82 Minuten

Story
Lange Jahre blieb es ein verborgenes Geheimnis, doch jetzt wird es gelüftet: Die Komposition „Morphus“ von Ludwig van Beethoven hat magische Fähigkeiten und versetzt beim Vorspiel alle Zuhörer in einen tiefen Schlaf, aus dem sie erst wieder erwachen, wenn die Noten rückwärts gespielt werden. Eigentlich wollen die beiden Gauner Max und Kwapisch die Morphus-Noten in ihren Besitz bringen, doch durch unglückliche Zufälle geraten sie in die Hände von dem kleinen Musikgenie Nickie. Ahnungslos wie er ist, spielt er die Komposition auf seiner Trompete und versetzt damit alle um ihn herum in den magischen Schlaf. Völlig verängstigt gibt er alles um seine Zuhörer wieder aufzuwecken, doch dann kommt ihm bei seinem Rettungsversuch der Gauner Max in die Quere… ...zur Filmkritik

Die anschließende Publikumsdiskussion musste aufgrund von erkrankten Filmemachern leider ausfallen.




Filmvorstellung: "Weltstadt"


Spielfilm, 104 Minuten

Story
Nach einer wahren Begebenheit:
2004 machte die Kleinstadt Beeskow in Brandenburg Schlagzeilen. Zwei Jugendliche hatten einen Obdachlosen verprügelt und angezündet, als sie keine Wertsachen bei ihm gefunden hatten. 24 Stunden vorher beginnt „Weltstadt“ die Wege von fünf Menschen in Beeskow zu begleiten: Till, der seine Malerlehre geschmissen hat, Karsten, der in der Platte wohnt und in den Tag hinein lebt, Steffi, Tills Freundin, Heinrich, dessen Imbissbude heute geschlossen wird und Günther. Sie alle treibt die Angst vor der Zukunft um, auf die ein oder andere Weise der Frust über die eigene Situation und angestaute Agressionen. Für alle werden die kommenden Stunden ihr Leben für immer verändern....zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Bereits um 11:00 Uhr versammelte sich das „kampferprobte“ Biberacher Festivalpublikum am Samstag, den 01.11.2008 zu „Weltstadt“ im Jupiter-Kino. Der Film, der in der Kategorie „Debütfilm“ startete, verhieß kein leichtes Unterhaltungsprogramm zu werden. Die emotionale Sprengkraft des Filmthemas – zwei Jugendliche verprügeln einen Obdachlosen und zünden ihn an - zeigte sich dann auch in der anschließenden regen Publikumsdiskussion. Das Team von „Weltstadt“ war mit Regisseur und Drehbuchautor Christian Klandt, Produzent Martin Lischke sowie den Schauspielern Karoline Schuch und Gerti Zint angereist und freute sich über den Zuspruch aus dem Publikum. Christian Klandt und Martin Lischke berichteten über die Entstehung des Films, der zunächst nur als Projekt für die Bürger der Tatstadt Beeskow gedacht war und der nun immer weitere Kreise zieht. Das Verbrechen war 2004 geschehen und von der Beeskower Bevölkerung schnell verdrängt worden. Sowohl Christian Klandt als auch der Kameramann René Rischer sind in Beeskow aufgewachsen und die Beschäftigung mit der Tat war für sie daher eine besondere Herzensangelegenheit. „Dieser Film musste einfach gemacht werden“, so der Regisseur. Spontan meldeten sich mehrere Stimmen aus dem Publikum, die äußerten, dass dieser Film aufgrund seiner Realitätsnähe und schonungslosen Offenheit unbedingt auch in die Schulen gehört. Christian Klandt erzählte, dass es ihn sehr freut, dass der Film auch an anderen Orten und, wie sich mittlerweile gezeigt habe, auch in anderen Ländern funktioniert. Es zeige, dass solche Verbrechen letztlich überall geschehen können und eine Auseinandersetzung mit der gezeigten Problematik der Orientierungslosigkeit von Jugendlichen eben kein typisch ostdeutsches Problem sei. Die Zuschauer in Biberach interessierte, ob Klandt denn auch Kontakt zu den richtigen Tätern aufgenommen hatte. Dieser verneinte dies. Er habe es bewusst unterlassen, um keine Sympathien zu entwickeln. Da er einen der Täter von früher kennt, wollte er sich unbedingt einen objektiven Blickwinkel bewahren. Mit Angehörigen und dem Umfeld der Täter habe er aber natürlich schon gesprochen, so Klandt. Ob denn der Film auch schon in Beeskow gezeigt worden wäre, fragt ein Zuschauer. Christian Klandt berichtete, dass der Film vor drei Wochen dort an zwei Tagen in fünf Vorstellungen gelaufen sei und immer sehr gut besucht war. Leute, die noch nie im Kino waren, seinen gekommen und die Reaktionen waren überraschenderweise sehr positiv. Der Film habe genau das bewirkt, was er sollte: die Menschen haben begonnen über das Verbrechen und die Umstände zu reden. „Es gab viele gute Diskussionen“, so Martin Lischke.

Großes Lob gab es vom Biberacher Festivalpublikum auch für die Schauspieler. Mit ihrer emotional sehr bewegenden Darstellung hätten sie den Film auf beeindruckende Art und Weise getragen, so die einhellige Meinung. Karoline Schuch berichtete, dass sie im Vorfeld zu den Dreharbeiten versucht hatte mit der echten Steffi in Kontakt zu treten. Diese hatte dies jedoch verweigert und so ist der Charakter ihre Interpretation anhand der bekannten Geschichte. Sie erzählte dem erstaunten Publikum, dass die Darsteller kein Drehbuch im klassischen Sinne, sprich mit genau vorgegebenen Dialogen, hatten. Christian Klandt hatte nur die Handlung niedergeschrieben, die Dialoge mussten die Schauspieler selbst entwickeln. Diese Arbeitsweise habe zu einem sehr intensiven Dreh geführt. Gerti Zint, der den Karsten spielt, erzählte er habe in die Rolle viel eigene Erfahrung einfließen lassen. Auch im Anschluss an die offizielle Publikumsdiskussion ließ viele Zuschauer das Thema nicht los und so wurde vor dem Sternenpalast und in den Gängen weiter diskutiert.



Interview mit Regisseur Christian Klandt.



"Die Leute wollten sich nicht damit beschäftigen!"

Moviesection: „Weltstadt“ ist Dein erster Langfilm. Wie bereitet man sich auf so ein Projekt vor, anders als auf einen Kurzfilm?
Christian Klandt: Ja, bei einem Kurzfilm hat man im optimalen Zustand die Geschichte schon fertig im Kopf. Man kann nicht so lange inszenieren und muss sehr schnell zum Punkt kommen. Die Figuren müssen schon zu Beginn sehr klar sein, da man wenig Zeit in einem Kurzfilm hat, Charaktere  entwickeln zu lassen. Im Langfilm ist das anders. Hier braucht man definitiv ein Buch, einen roten Faden sozusagen. Auch wenn man sich optimal vorbereitet ist das ein bisschen wie „Malen nach Zahlen“. Das Drehbuch ist ein Nachschlagewerk für mich. Es unterstützt mich beim Inszenieren. Ein Langfilm ist sehr komplex, mit seinen vielen Figuren und Nebengeschichten.

Moviesection:
Hast Du den Film chronologisch gedreht?
Christian Klandt: Nein, meist kann man nicht chronologisch drehen. Dies hat häufig wirtschaftliche Gründe. z.B. der Drehort - den hat man nur für eine bestimmte Zeit zur Verfügung. Also werden alle Szenen die an diesem Ort spielen an einem Stück abgedreht. Diese Szenen kommen dann versetzt im Film am Anfang, in Mitte und/oder am Ende vor. Also sollte man sich gut überlegen, wie die Figur sich im Film entwickelt. Nicht chronologisches Drehen ist dadurch sehr anstrengend, aber eben auch nicht immer anders machbar, leider.

Moviesection:
In der Publikumsdiskussion nach „Weltstadt“ habt ihr erzählt, dass die Schauspieler keine Dialoge hatten. Das fand ich sehr speziell. Die Schauspieler haben berichtet, dass sie sich sehr in die Charaktere einfühlen mussten. Hast Du denn für Dich auch alle Figuren einmal vorher „durchgefühlt“ damit Du Hilfestellungen geben konntest?
Christian Klandt: Ja, das habe ich gemacht. Ich habe an der Filmhochschule und bei verschiedenen Regisseuren vor der HFF-Potsdam gelernt, mit Schauspielern zu arbeiten und auch wie die Anweisungen des Regisseurs bei ihnen ankommen. In meiner Zeit an der Filmhochschule hatte ich die Möglichkeit in einem Film meines Professors Rosa von Praunheim als Schauspieler eine Rolle zu spielen. Also eher versuchen zu spielen (lacht). Ich bin ja kein Schauspieler. Ich hatte 18 Drehtage und ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wie es sich anfühlt eine Rolle mit ihrer ganzen Entwicklung zu spielen. Dies war eine sehr lehrreiche Erfahrung für mich. Ich habe gelernt mit Input umzugehen und wie man sich vor einer Kamera zu bewegen hat.
Als Regisseur ist es zwingend notwendig, zu wissen, was man den Schauspielern abverlangen kann.
Manchmal möchte man den Schauspieler bewusst überstrapazieren oder hält Informationen zurück, um etwas anzuregen. Es gibt hier verschiedenen Methoden. Manche Schauspieler mögen Regieanweisungen im Drehbuch, andere möchten das gar nicht, weil sie sich fragen was sie dann noch spielen sollen. Das ist jedes Mal eine Gratwanderung und man muss für jedes Projekt den richtigen Weg ausloten.

Moviesection: So eine Art von Drehbuch ist schon ein großes Risiko, oder? Besonders, weil Du die Schauspieler ja vorher nicht kanntest. Du hast erzählt, dass Du sie Dir nur „ausgeguckt“ hattest.
Christian Klandt: Ja, das stimmt. Ich mag Schauspieler mit einer besonderen Aura bzw. nonverbalen Ausdruckskraft. Wenn ein Schauspieler vor einer Kamera sitzt, nicht spricht und trotzdem interessant, ausdrucksstark und präsent ist – ist er für mich perfekt.
Solche Schauspieler liebe ich. „Meine“ Schauspieler habe ich alle im Vorfeld auf der Leinwand gesehen und beobachtet was sie können. Die stummen Momente gefielen mir sehr und ich hatte eine Ahnung davon, wie sie die Charaktere in WELTSTADT spielen würden.
Es gab ja kein Drehbuch im klassischen Sinne. Es fehlten die Dialoge. Es ist meine Aufgabe, sie an den Punkt zu bringen, auf den ich hinaus will. Da gehe ich schon gerne auch Risiken ein.

Moviesection: Ihr hattet bei diesem Dreh viele lange Einstellungen. Da ist die Auswahl im Schneideraum sicherlich sehr schwierig. Der Schnitt und damit auch der Sprung zwischen den einzelnen Geschichten funktioniert bei „Weltstadt“ wirklich gut. Hattest Du während des Drehs bereits ein fertiges Schnittkonzept im Kopf?
Christian Klandt: Ein Film entsteht schnitttechnisch schon in der Drehbuchentwicklung. Jede Szene hat einen Anfang, eine Mitte, einen Höhepunkt und ein Ende. Der gesamte Film auch. Die Szenen müssen so montiert und konstruiert werden, damit sie gemeinsam auch eine Entwicklung bekommen. Hat man eine Szene mit einem Nebendarsteller, sollte diese unterschwellig auch etwas bewirken in einer Szene mit dem Hauptdarsteller/der Hauptdarstellerin. Bei WELTSTADT, wo mit Improvisation gearbeitet wurde, war das nicht immer möglich. Wir haben auf einem digitalen Medium, auf Mini-DV, gedreht. Hier neigt man eher dazu die Kamera laufen zu lassen. Das bedeutet dann aber einen riesengroßen Aufwand für den Cutter. Ich arbeite hier anders. Ich mache erst die Kamera an, nach einer intensiven Probe. Ich will mich am Ende ja nicht zwischen 15 Takes entscheiden müssen - Ein bis zwei reichen.
Ein Schnittkonzept gab es in insofern, dass wir uns bei der Geschichte von Till und Karsten eher eine entfesselte Kamera mit schnellen Schnitten überlegt hatten. Bei Heinrich den Imbissbudenbesitzer und Günter den Polizisten wollten wir eine ruhige, beobachtende Ästhetik. Natürlich gibt es auch Erzählstränge, wo sich erst im Schneideraum herausstellte, dass eine Umstellung einer Figur oder einer Geschichte nötig ist. Bei Heinrich war das so. Hier habe ich festgestellt, dass es besser ist, wenn er erst nach 55 Minuten zu sehen ist.

Moviesection:
Was wolltest Du genau mit dem Erzählstrang des Imbissbudenbesitzers zeigen. Einen weiteren Charakter am Scheideweg, der eventuell auch auf dem Weg in die Obdachlosigkeit ist?
Christian Klandt: Nein, diese Figur hatte für mich eine andere Komponente. Er sollte einen Zustandsmoment einer Gesellschaft zum Zeitpunkt der Tat zeigen. WELTSTADT sollte nicht nur eine Geschichte werden, in der zwei Jugendliche einen Obdachlosen anzünden. Es geht viel mehr darum, ein Spiegelbild der Gesellschaft zu zeigen. Heinrichs Geschichte erzählt ein Stück weit über diese Stadt, über die Menschen dieser Stadt. Er hat jedoch auch eine eigene Geschichte und er ist für mich nicht der, der in Selbstmitleid ertrinkt, oder nur rummeckert und jetzt die Stammtischparolen klopft. Ein aktuelles Beispiel zum Thema Stammtisch sind die Nazis: Vor 4 Wochen ist die Kommunalwahl in Brandenburg zu Ende gegangen. Überall wurde plakatiert. Nun komme ich nach drei Wochen dorthin zurück und die einzigen Plakate die überall noch hängen, sind die der NPD. Man muss sich nun vorstellen, jetzt kommen hier Menschen zu Besuch, die Brandenburg nicht kennen und überall sieht man nur Naziplakate. Was ist jetzt der Skandal? Das die NDP die Plakate nicht abgehängt hat? Oder ist der Skandal, dass die Bürger der Dörfer und Städte diese nicht abgerissen haben? Das ist die Gleichgültigkeit der Menschen. Heute sieht man den Leuten nicht mehr an, dass sie Nazigedanken mit sich herumtragen. Wenn ich bei Stammtischen zuhöre, was ich sehr gerne mache, dann muss ich schon sagen, dass die älteren Herren, die es eigentlich besser wissen müssten mitunter viel radikaler im Denken sind. Diese typischen Bildzeitungsüberschriftenleser, die sich daraus ihre Weltphilosophie stricken. Von diesen Leuten geht viel Gefahr aus mit Hinblick darauf, dass sie alle meist Väter und Großväter sind.

Moviesection: Die, mit der gutbürgerlichen Fassade….
Christian Klandt: Genau. In der Imbiss-Episode wird dieses Gedankengut jedoch nicht untergebracht. Hier ging es um den Vergleich mit dem Osten. Immer mehr Leute denken wieder, dass die DDR besser war. Das sind die Gesprächspunkte, die ich hier streuen wollte.

Moviesection: Wie war die Unterstützung vor Ort, während der Dreharbeiten?
Christian Klandt: Vor den Dreharbeiten haben wir wenige Leute über unser Filmthema eingeweiht. Bei den Recherchen habe ich schlimme Sachen erfahren. Einige Leute haben gesagt: „Ach, das war doch nur ein Obdachloser. Die Tat war zwar nicht so schön, aber nun ist der Obdachlose weg und verschwendet meine Steuergelder nicht mehr.“ Die Gespräche über das Verbrechen waren nach wenigen Tagen schon wieder vorbei. Die Leute wollten sich nicht damit beschäftigen, dass so etwas auch in einer behüteten Provinz passieren kann. Über den wahren Grund der Dreharbeiten haben wir den Bürgermeister, den Feuerwehrchef und die Leute von der Stadtverwaltung eingeweiht. Also Menschen, die uns wohl gesonnen sind und die uns auch sehr unterstützt haben. Wir wussten nicht, wie die Bürger der Stadt selbst reagieren würden, wenn sie wissen, was wir vorhaben. Am Ende der Dreharbeiten ist doch bekannt geworden, was wir dort vorhatten und wir wurden vereinzelt schon wie Nestbeschmutzer behandelt.
Es gab am Ende der Dreharbeiten einen Vorfall, in der eine Hand voll Nazis zum Dreh kamen und sich mit uns prügeln wollten. Der Produktionsleiter bestellte darauf hin für die nächsten Tage Security ans Set. Es war sehr schlimm für mich zu sehen, was aus meiner Heimatstadt geworden ist. Glücklicherweise ist aber nicht passiert. Noch glücklicher macht es mich, was nun durch die Köpfe dieser Menschen geht, nachdem sie den fertigen Film gesehen haben. Ich liebe meine Heimatstadt. Die meisten Menschen sind friedliebend. Mich stört nur das viele Weggucken, das Ignorieren seiner Umwelt. Das ist nicht nur typisch für Provinzen. 

Moviesection: Im Rahmen der Publikumsdiskussion hast Du auch von den Reaktionen in Beeskow gesprochen, nachdem der Film dort vor kurzem nun gelaufen ist. Der Film scheint ja genau das bewirkt zu haben, was ihr erreichen wolltet. Das Verbrechen ist wieder Gesprächsthema und es brodelt.
Christian Klandt: Wie jeder Einzelne nun damit umgeht, welchen Nutzen oder auch Nichtnutzen er daraus zieht, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es dort ganz viel aufgerüttelt hat. Sei es, dass die Leute sich provoziert fühlten oder meinten so sei ihre Stadt gar nicht. Die Masse der Leute hat beschämt reagiert, weil sie jahrelang etwas in ihrer Stadt nicht gesehen haben. Viele Leute wussten bis zur Tat gar nicht, dass es ein Obdachlosenheim in der Stadt gibt. So weltfremd ist man manchmal.

Moviesection: Wie schwer ist es, sich von so einem Projekt wieder zu verabschieden? Klar denkt man als Regisseur immer in Projekten, aber in der eigenen Heimatstadt so etwas zu machen war doch sicherlich etwas Besonderes? Man kennt die Menschen und möchte sich vielleicht ja immer wieder damit beschäftigen?
Christian Klandt: Tja, schwierig. Ich habe noch nie drüber nachgedacht. Ich denke, Filme zu machen ist anstrengend, aber man hat sich diesen Job ja ausgesucht (lacht). Wenn ich schon die Möglichkeit bekomme, eine staatliche Filmausbildung zu absolvieren sehe ich das als Chance den Leuten Themen nahe zu bringen, die nicht so schön sind. Ich bin nicht der typische Blockbuster-Unterhaltungsfilmer. Nicht weil ich es nicht könnte, sondern ich habe daran kein Interesse. Ich sehe das Filmemachen als eine Aufgabe. Und die Themen, die mich berühren und interessieren liegen in Brandenburg, im Osten Deutschlands. Darüber will ich erzählen. Ich will von Themen erzählen, die direkt vor der Haustüre passieren. Ich muss eine Geschichte nachfühlen können. Wenn ich das kann, kann ich den Anspruch erheben, diese Geschichte so zu drehen um es für den Zuschauer nachfühlbar zu machen.
z.B. Kann ich das Denken und Fühlen eines Börsianers, der gerade 5 Millionen an der Börse verloren hat nicht emotional nachvollziehen. Ich kann nicht nachfühlen, was das für diesen Menschen bedeutet, also kann ich das auch dem Publikum nicht nahe bringen. Ich könnte mir zwar etwas ausdenken, was oft im Fernsehen gemacht wird – es wäre für mich nur nicht nachhaltig genug. Wenn ich einen Film drehe, muss ich in irgendeiner Form mit dem Thema verbunden sein. So wie in meinem neuen Film „Bundeskanzler Honecker“

Moviesection: Möchtest Du über Dein neues Projekt auch noch kurz etwas erzählen?
Christian Klandt: Der Film behandelt eine Studie, die im letzten Jahr von der FU Berlin veröffentlicht wurde. Es gab dort einen Professor, der bundesweit die Schüler gefragt hat, was sie über die DDR-Diktatur wissen. Rund 80 % der Schüler wussten nichts über die DDR, geschweige denn das sie eine Diktatur war. Es gab unterschiedliche %-Zahlen in den Bundesländern. Brandenburg hat mit ca. 90-92 % Nichtwissen am schlechtesten abgeschnitten. Ein Bundesland, welches einmal DDR war! Ich komme aus Brandenburg und es ärgerte mich, dass Brandenburg mal wieder am schlechtesten abgeschnitten hat. Das Thema ist so ernst, das ich diesmal eine  Komödie daraus gemacht habe.
Wenn im Bildungssystem etwas Schlimmes passiert, so meinen die Menschen, sei die Politik daran schuld. Sie macht sofort Notprogramme für die Presse, für die Medien und die Bürger, damit diese sehen, dass die Politik einen Plan hat. Jedoch ist das alles nur Flickzeug. Vermeintliche Lösungsvorschläge, die nicht nachhaltig wirken. Genau dieses Phänomen mache ich mir in „Bundeskanzler Honecker zu nutze. Das Brandenburger Kultusministerium beschließt sofort, dass ältere, arbeitslose Hartz IV –Empfänger an Brandenburger Schulen gehen sollen und dort DDR-Kunde zu unterrichten….

Moviesection:
Ein Ansatz, der sich sofort anbietet…..
Christian Klandt: Genau. Eine Schulkasse in Brandenburg gerät an den schlimmsten BRD-Hasser, den es gibt. Dieser Klaus Dieter Rosenow ist der große Wendeverlierer. Frau weg, Datsche weg, alles weg. Er ist ein Kleingeist, der nie kapiert hat, das er in einer Diktatur lebt, weil er alles hatte. Für seine Misere gibt es nur einen Schuldigen: die Wende. Er versucht nun insgeheim seine DDR wieder aufzubauen. So ein Mensch gerät jetzt an eine Brandenburger Schulkasse und alle zusammen fahren in ein ehemaliges Pionierferienlager. Am Ende weiß Klaus Dieter Rosenow was eine Diktatur ist und die Kinder wissen das auch. Übrigens haben 28% der Schüler in der Studie angegeben, dass Erich Honecker Bundeskanzler der BDR war. Daher kommt auch der Titel (grinst).

Moviesection:
Das finde ich jetzt sehr bedenklich. Christian Klandt, vielen Dank für das tolle Gespräch.


Filmvorstellung: "Die Rückkehr der Störche"


Spielfilm, 93 Minuten

Story
Vanda arbeitet als Stewardess und lebt, genauso wie ihr Freund David, der Standesbeamter ist, in Frankfurt am Main. Als Vanda ihren Job verliert, nimmt sie das zum Anlass, um endlich einmal ihre Großmutter Magdalena zu besuchen, die seit einigen Jahren in ihrer alten Heimat, der Slowakischen Republik lebt. Eigentlich hatte sie gehofft, dass David mit ihr kommen würde, doch die Beziehung der beiden ist schon seit längerem nicht mehr so, wie sie sein sollte. Also begibt Vanda sich allein auf die Reise in das kleine Dorf Runina, wo sie auch den neuen Lebensgefährten ihrer Großmutter kennen lernt. Auf Anhieb fühlt Vanda sich in dieser völlig anderen Welt wohl und bald schon verliebt sie sich in den etwas zwielichtigen Mirko. Als Vanda herausfindet, dass der als Schlepper arbeitet, ist sie zunächst entsetzt, muss aber bald schon erkennen, dass er damit auch Menschen hilft, die in großer Not sind. Mittlerweile hat David sich auf den Weg gemacht, um in Runina um Vandas Liebe zu kämpfen. An einem Ort, an dem keiner damit gerechnet hätte, treffen die beiden wieder aufeinander – und jetzt wird sich zeigen, wie stark ihre Liebe tatsächlich ist....zur Filmkritik

Die anschließende Publikumsdiskussion fand leider nicht statt, da die Filmemacher lediglich am Freitag anwesend waren.




Filmvorstellung: "Novemberkind"


Spielfilm, 95 Minuten

Story
Gerade erst hat Robert eine schwere Krankheit überwunden, da will er auch schon wieder arbeiten. Er muss die Geschichte, die er schon einige Jahre im Kopf herumträgt, aufschreiben:
Malchow, DDR, 1980: Die 20jährige Anne versteckt den russischen Deserteur Yuri. Die Mutter einer sechs Monate alten Tochter verliebt sich in den Soldaten. Doch Yuri droht die Todesstrafe. Gemeinsam verlassen sie die DDR, allerdings ohne Annes Tochter Inga.
Gegenwart: Auf der Suche nach Inga begibt sich Robert in den Osten, um Inga zu finden und vielleicht so an weitere Details seines Romans zu kommen. Inga ist schnell gefunden. Die Wahrheit über ihre Mutter trifft sie jedoch völlig unvorbereitet. Als sie den ersten Schock überwunden hat, will sie Anne wieder finden – und Robert soll ihr dabei helfen, nicht ahnend, dass Robert die Geschichte aufschreiben will… ...zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Im Anschluss an den berührenden Film „Novemberkind“ gab es erst einmal großen Applaus für die Hauptdarstellerin Anna Maria Mühe, die mit ihrer Leistung zeigt, was in ihr steckt.
Eröffnet wurde die Diskussionsrunde von einem Zuschauer, der von Regisseur Christian Schwochow wissen wollte, ob die Geschichte reale Wurzeln habe. Daraufhin antwortete er, das er durch seine Biographie viel über den Osten wisse, die Geschichte an sich aber komplett fiktiv sei.
An Anna Maria Mühe ging die Frage, wie es war, zwei Rollen zu spielen. Die sympathische Schauspielerin antwortete, dass sie zunächst Angst gehabt hätte,  den beiden Figuren gerecht zu werden. Sie haben aber lange geprobt, was in der Filmwelt absoluter Luxus sei. „Ich habe die zwei Rollen als zwei Drehbücher gesehen – dann ging es!“ sagte Mühe.
Weiter erzählte Schwochow, das die Drehbuchphase 1,5 Jahre dauerte und er mit seiner Mutter in das Schreiben eines Drehbuchs hineingewachsen sei. „Es hilft viel, wenn man den gleichen Blick auf Menschen wirft.“ erklärte Schwochow.
Abschließend lobte ein Zuschauer „Novemberkind“ als „bewegenden Film!“.



Interview mit Regisseur Christian Schwochow.



"Ich suche auch immer nach dem Komischen im Tragischen."

Moviesection: Glückwunsch zu „Novemberkind“. Ich hatte ein wenig Angst vor Ulrich Matthes. Der letzte Film, den ich mit ihm gesehen habe, war „Der Untergang“ und in der Rolle des Goebbels fand ich ihn sehr beängstigend. Meine Sorge war, dass ich in ihm jetzt nur noch den Goebbels sehen könnte, was aber in „Novemberkind“ gar nicht der Fall war. Hat man als Regisseur auch Angst vor einem Schauspieler, der über eine derartige Wirkung verfügt?
Christian Schwochow: Ich muss dazu sagen, dass ich Ulrich Matthes sehr oft im Theater gesehen habe und immer noch sehe, und er wird im Theater viel, viel breiter besetzt als im Film. Im Film ist er jemand, der doch sehr oft den Bösewicht spielt – wegen seiner optischen Wirkung. Im Theater ist er aber nicht so festgelegt, da spielt er einfach alles. Deswegen ist Uli ein Schauspieler für mich, der unheimlich viele Facetten hat, so dass ich nie Angst hatte, da den Goebbels vor mir zu sehen.

Moviesection: Wie bist Du an Anna-Maria Mühe rangekommen?
Christian Schwochow: Ich kannte Anna nicht persönlich, sondern nur aus dem Fernsehen. Mir war klar, dass sie super für die Rolle wäre, denn ich brauchte jemanden, dem man schon glauben kann, dass er schon allein vom Äußeren her aus dieser kleinen Mecklenburger Welt kommt. Ich finde, Anna hat so ein unglaublich zeitloses, ortsloses Gesicht. Ich habe sie mir in dieser Landschaft vorgestellt, und es hat sofort gepasst. Deswegen war sie auch für mich ohne Alternative. Ich habe ganz normal über ihre Agentur angefragt, zuerst allerdings nur mit einem Eposé, weil es noch kein Drehbuch gab, und sie hat Gott sei Dank sehr schnell zugesagt.

Moviesection: Sie hat uns im Interview gesagt, dass sie Dich dann angerufen und nachgefragt hat, welche Rolle Du denn für sie vorgesehen hättest und Du hast geantwortet: „Beide!“ Bei Adrian Topol hast Du Dich aber nicht dafür entschieden, ihn für beide Rollen zu besetzen. Was war der Grund dafür?
Christian Schwochow: Ich finde es albern, einen Schauspieler, der vielleicht Mitte dreißig ist, zuerst auf Mitte zwanzig und dann auch noch auf Mitte fünfzig zu schminken. Das funktioniert eigentlich nie. Deswegen war von vornherein klar, dass das nicht anders funktioniert, als mit zwei unterschiedlichen Schauspielern. Hätte sie am Ende ihre Mutter tatsächlich, leibhaftig gefunden, dann hätte ich die auch mit einer anderen Schauspielerin besetzt. Ich hätte Anna auch nicht auf Mitte vierzig geschminkt.

Moviesection: In einem Interview wurdest Du gefragt, ob Du, nachdem Du ja schon zwei Dramen gedreht hast, Dir auch vorstellen könntest, Komödien zu machen. „Novemberkind“ ist ja ganz oft auch witzig. War es für Dich wichtig, Komik in diese doch sehr dramatische Geschichte zu bringen?
Christian Schwochow: Ja, das war von vornherein klar. Ich sehe das Leben auch so, dass egal, wie dramatisch Dinge sein mögen, es doch immer Humor gibt. Mir ist noch nie so etwas widerfahren, wie den Figuren in meinem Film, aber ich suche auch immer nach dem Komischen im Tragischen. Ich weiß, dass „Novemberkind“ auch eine Schwere hat, die dem Zuschauer im Idealfall unter die Haut kriecht. Aber ich will ja nicht, dass die Leute mit einem Leid im Bauch das Kino verlassen. Auch mein anderer Film hat ein ernstes Thema, ist ein Drama und hat doch ganz viele leichte Elemente und sehr viel Humor. Ich glaube, dass ich immer versuchen würde, das so zu machen.

Moviesection: Mit wie viel Kopien startet „Novemberkind“?
Christian Schwochow: Mit fünfundvierzig, was für einen solchen Film richtig viel ist.

Moviesection: In Deiner Filmographie habe ich gesehen, dass Du auch Dokumentationen gedreht hast. Worin liegt für Dich der Reiz sowohl von Spielfilmen, wie auch von Dokumentationen?
Christian Schwochow: Das hat unterschiedliche Reize. Spielfilme mache ich nicht so oft, doch ich drehe unheimlich gerne. Der Reiz ist das Minutiöse, beim Spielfilm planst Du alles ganz genau, bis ins Geld. Bei Dokumentationen ist man da freier, man kann sich Zeit lassen. Ich finde das sehr spannend, ich bereichere mich ja auch an der Wirklichkeit. Ich habe früher als Journalist gearbeitet und finde es unheimlich spannend. Wenn ich bei einem Spielfilm morgens an einen Drehort komme, dann weiß ich in der Regel genau, was passieren wird, denn ich gebe es ja vor. Natürlich gibt es auch da Überraschungen oder Dinge, die ich nicht vorhergesehen habe und auf die ich mich einstellen muss. Beim dokumentarischen Dreh weiß ich eben nicht, was passiert.

Moviesection: Was kommt als nächstes? Oder zehrst Du erst noch ein bisschen von „Novemberkind“?
Christian Schwochow: Ja und nein. Ich bin schon in unterschiedlichen Feldern am Arbeiten. Ich werde mit dem SWR, mit Jochen Laube, ein Jugenddrama machen, was sich im Schmelztiegel Schauspielschule abspielen wird. Eine Liebesgeschichte und eine Identitätssuche, die sich unter jungen Schauspielstudenten abspielt. Und dann arbeite ich an einer Literaturverfilmung, das ist historischer Stoff, der Ende der siebziger Jahre in einem Notaufnahmelager für Ostflüchtlinge in West-Berlin spielt.

Moviesection: Viel Glück mit „Novemberkind“ und herzlichen Dank für das Interview.

Interview mit Schauspielerin Schauspielerin Anna Maria Mühe.



"...da war schon Muffesausen angesagt!"

Moviesection: Du hast mal gesagt, das Du Dich nicht als Schauspielerin bezeichnen lassen willst. Ist das heute, ein Jahr danach, auch noch so?
Anna Maria Mühe: Nicht mehr ganz so streng vielleicht, aber: Ja, doch. Es ist schon so, das ich finde, das es viele Menschen gibt, die sich schnell „Schauspieler“ nennen, was ich schwierig finde, weil es ein großer Beruf ist und dem muss man eigentlich mit viel Respekt entgegentreten.

Moviesection: Dennoch hast Du ja spätestens mit „Novemberkind“ bewiesen, das Du in er Lage bist, einen Film zu tragen. Toll! Hast Du, weil Deine Eltern beide Schauspieler waren, jemals Angst gehabt, immer nur „die kleine Mühe“ zu sein?
Anna Maria Mühe: Ich hatte nie Angst davor, wegen meiner Eltern besetzt zu werden, weil ich auch nie über meine Eltern Kontakte geknüpft habe oder so. Was ich aber nicht mag, ist,  wenn in Portraits steht „Die Tochter von…“. Es ist zwar schön und ich bin auch wirklich stolz auf meine Eltern, aber ich bin auch ein eigenständiger Mensch.

Moviesection: Du spielst in vielen verschiedenen Filmen mit. Nach welchen Kriterien suchst Du Deine Rollen aus?
Anna Maria Mühe: Das ist so ein Bauchgefühl. Wenn ich beim Lesen eines Drehbuchs denke, dass ich das laut sprechen möchte, oder der Figur Leben einhauchen, dann ist das immer ein ganz gutes Gefühl.

Moviesection: Das war bestimmt bei „Novemberkind“ auch so…
Anna Maria Mühe: Sofort! Bei „Novemberkind“ hatte ich nur ein Treatment, was so 10-15 Seiten lang war, und was schon sehr schön geschrieben war, was selten bei Treatments ist, weil es oft doch sehr trocken ist. Dann hab ich den Regisseur Christian Schwochow angerufen und gefragt, welche Rolle ich denn spielen soll. Dann meinte er „Naja, beide!“

Moviesection: Da scheint Dir der Regisseur aber sofort sehr vertraut zu haben…
Anna Maria Mühe: Anscheinend, ja. Da war gleich ein gegenseitiges großes Vertrauen da, was auch wichtig war für die Figuren. Weil es auch Szenen gab, die sehr schwierig waren und an die Substanz gingen.

Moviesection: Zum Beispiel?
Anna Maria Mühe: Zum Beispiel in der Rolle der Inga der Zusammenbruch an ihrer Haustür oder in der Figur der Anne, als sie eine schwere Entscheidung in dem Schaukelstuhl treffen muss.

Moviesection: Genau DAS waren die besten Szenen.
Anna Maria Mühe: Und genau DAVOR hat man die meiste Angst. Da konnte ich davor wirklich nächtelang nicht schlafen und dachte „Wie soll ich DEM gerecht werden?!“ Da steht dann im Drehbuch „Inga bricht zusammen!“ So. Das kann alles oder nichts heißen.

Moviesection: Da hat man Dir die Mutter voll abgenommen, was ja durchaus schwierig ist, wenn man Dich so sieht. Klein, zierlich, man muss Angst haben, Du zerbrichst… und doch warst Du sehr glaubhaft.
Anna Maria Mühe: Dankeschön.

Moviesection: Wenn Du ein Projekt annimmst und Du mit „großen Namen“ spielst, gibt es da Hemmungen?
Anna Maria Mühe: Hemmungen vielleicht nicht, aber großen Respekt, der auch nicht verloren geht. Das war auch bei Uli Matthes so. Dieses große Theatertier. Als ich gehört habe, der spielt Robert, da war schon Muffesausen angesagt, auf jeden Fall.

Moviesection: Was schaust Du privat im Kino?
Anna Maria Mühe: Ganz unterschiedlich. Da kommt es auf die Tagesform an, wie man sich so fühlt. „Krabat“ hab ich gesehen, „Batman“ auch…

Moviesection: Wie war „Batman“?
Anna Maria Mühe: „Batman“ mochte ich gerne, war mir aber ein wenig zu lang. Ich mag auch oft große Mainstreamfilme, aber der ging mir einfach einen Tick zu lang. Die letzte halbe Stunde hätte ich auch abschneiden können. Ehrlich gesagt.

Moviesection: Letzte Frage: Wo willst Du hin?
Anna Maria Mühe: Gute Frage.

Moviesection: Gute Antwort.
Anna Maria Mühe: Ich möchte weiter und möglichst lange in dem Beruf sein und hoffe, das es nicht vorbeigeht, weil ich weiß, das es von heute auf morgen vorbei sein kann. Da bin ich Realist. Ich hoffe, dass ich weiter so tolle Filme spielen darf.

Moviesection: Da sind wir sicher! Vielen Dank für Deine Zeit!


Filmvorstellung: "Der entsorgte Vater"


Dokumentation, 85 Minuten

Story
In Deutschland werden jedes Jahr unzählige Ehen geschieden. Oft sind es die Kinder, die später im endlosen Scheidungskrieg zwischen den Fronten stehen. Wenn es um das Sorgerecht geht, sind es in den meisten Fällen die Mütter, die sich in den nächsten Jahren um ihre Kinder kümmern dürfen. Vielen Vätern wird das Recht, ihre Kinder überhaupt zu sehen, entzogen. Regisseur und Drehbuchautor Douglas Wolfsperger ist selbst einer dieser „entsorgten Väter“ und berichtet in seiner Dokumentation über die letzte Reise zu seiner kleinen Tochter – an deren Ende ein Abschied für immer stehen soll. Auf seinem Weg zu diesem traurigen Treffen, begegnet er weiteren betroffenen Vätern, die hier ebenfalls ihre sehr persönliche Geschichte erzählen und berichten wie sie gegen diese Ungerechtigkeit angehen und auf welche Weise sie mit der schlimmen Situation umzugehen versuchen. ...zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Mit „Der entsorgte Vater“ lief eine Dokumentation von einem immer wieder gerngesehenen Gast in Biberach: „Wir können uns die Festspiele ohne Douglas Wolfsperger schon kaum mehr vorstellen“, waren Adrian Kutters Worte bevor der Film gezeigt wurde. Wohl wahr, ist der sympathische Regisseur doch schon seit so vielen Jahren bei den Biberacher Filmfestspielen vertreten, dass er selbst nicht einmal mehr genau weiß, wann er das erste Mal hier war. „Es ist auf jeden Fall schon lange her“, pflegt er selbst zu sagen, wenn er auf dieses Thema angesprochen wird. Da viele der Zuschauer in den vergangenen Jahren schon einige Dokumentation von Douglas Wolfsperger gesehen hatten, war die Vorfreude auf sein neustes Werk dementsprechend groß. Dennoch – „viel Spaß“ konnte der Regisseur seinem Publikum dieses Mal nicht wünschen: „Ich habe kein freudiges Thema für meine Dokumentation gewählt, hoffe aber, dass ihnen der Film dennoch gefällt.“

Als der Regisseur, und in seinem Schlepptau zwei betroffene Väter, nach der Filmsichtung vor das Publikum traten, entstand schnell eine hitzige Diskussion im Kinosaal. Ein Zuschauer wollte wissen, warum Wolfsperger nur eine Seite, die der Väter, in seinem Film dargestellt hat. Der Regisseur entgegnete darauf, dass er im Vorgespräch beide Parteien befragt hätte. Dabei seien jedoch so unterschiedliche Aussagen herausgekommen, dass es nur wenig Sinn gehabt hätte beide Seiten im Film darzustellen. Eine Zuschauerin war der Meinung, dass die Dokumentation doch sehr pauschalisierend sei, schließlich gebe es auch andere Trennungsfälle, bei denen es mit dem geteilten Sorgrecht für die Kinder besser funktioniert. „Natürlich gibt es auch positive Fälle, aber das wissen wir doch auch, ohne dass ich das in meinem Film thematisiere“, entgegnete Wolfsperger einleuchtend auf diese Zuschauerfrage. Dennoch, alle konnte er mit dieser Antwort nicht überzeugen, weshalb weiterhin Fragen und Beiträge zu dem Thema kamen. Viele im Publikum haben selbst Erfahrungen mit Scheidung und Kindern, die danach zwischen den Fronten stehen, gemacht. Die Meinungen jener gingen stark auseinander. Während ein Teil Douglas Wolfspeger und seiner Darstellung des Themas zustimmen konnte, gab es auch Stimmen, die sich nicht gänzlich mit seiner Sichtweise anfreunden konnten. Während einem Gast „die offizielle Seite fehlte“, war ein anderer der Meinung, dass das Thema „zu extrem“ dargestellt wurde. Andere wiederum konnten nur bestätigen, dass Väter tatsächlich oftmals alleine im Regen stehen gelassen werden und keine Hilfe bekommen, wenn es darum geht das leibliche Kind sehen zu dürfen. Nachdem viele Zuschauer ihre Meinung zu dem Thema geäußert hatten, musste Douglas Wolfsperger langsam das Ende der Diskussion einleiten, weil der Kinosaal für die nächste Filmsichtung benötigt wurde. „Ich wollte einen emotionalen Film machen, der ein breites Publikum erreicht“, waren seine abschließenden Worte. Dass ihm dies gelungen ist, wurde ihm durch reichlichen Applaus bestätigt.



Interview mit Regisseur Douglas Wolfsperger.



"Es ist hier immer wieder ein Highlight, weil das Publikum einfach wunderbar ist."

Moviesection: Man kann sich die Biberacher Filmfestspiele schon kaum mehr ohne Douglas Wolfsperger vorstellen. Wie oft warst du jetzt schon hier?
Douglas Wolfsperger: Ich habe nicht mitgezählt, aber ich war schon oft da. 1985 habe ich meinen ersten SpielfilmLebe kreuz und sterbe quer“ hier gezeigt.

Moviesection: Ist es immer noch ein Highlight für dich hier her zu kommen, oder ist es schon zu einer Selbstverständlichkeit geworden?
Douglas Wolfsperger: Nein, gar nicht. Das ist immer wieder ein Highlight, weil das Publikum hier einfach wunderbar ist. Das sage ich nicht nur so. Ich habe Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Festivals und da weiß ich die Diskussionskultur hier sehr zu schätzen. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Nicht nur, dass es die Möglichkeit für Diskussionen gibt, sondern dass diese auch wahrgenommen wird. Man merkt, dass sich die Zuschauer in Biberach lange Zeit mit Filmen beschäftigt haben. Nicht weil sie Profis sind, sondern weil sie in einer gewissen Weise professionelle Zuschauer sind.

Moviesection: Wie ist es, wenn man in einer solchen Situation direkt mit Kritik konfrontiert wird?
Douglas Wolfsperger: Damit habe ich überhaupt kein Problem.

Moviesection: In allen Dokumentationen, die ich bisher von dir gesehen habe, hast du ein tolles Gespür dafür bewiesen, mit Menschen umzugehen. Oftmals bekommt man dadurch auch einen sehr intensiven und privaten Einblick in einzelne Lebensgeschichten. Klappt das immer, bei jeder Person, oder geht das manchmal auch schief?
Douglas Wolfsperger: Das muss einem liegen. Die Leute müssen sich mir öffnen und vertrauen können. Das ist nicht bei jedem gegeben, aber ich glaube, dass ich so ein Mensch bin, der nicht viel dazu tun muss. Wahrscheinlich merkt man, dass ich ein guter Zuhörer bin. Natürlich habe ich im Lauf der Zeit auch gewisse Tricks herausgefunden, wie ich die Menschen vor der Kamera schneller zum Sprechen bringen kann. Bei der Auswahl der Protagonisten weiß ich mittlerweile auch ziemlich schnell, wer für mich überhaupt in Frage kommt. Ich denke, dass ich schon einen Blick für besondere Gesichter habe. Natürlich ist es auch wichtig wie die Person mit mir redet und was derjenige überhaupt zu erzählen hat.

Moviesection: Mit „Der lange Weg ans Licht“, deiner letzten Dokumentation, hast du mit der ´Geburt´ auch schon ein Thema gewählt, dass sich in das große Überthema „Familie“ einordnen lässt. Jetzt, nach „Der entsorgte Vater“, drängt sich die Frage auf, ob die Filme in irgendeiner Weise zusammenhängen?
Douglas Wolfsperger: Ja, als ich „Der lange Weg“ ans Licht gedreht habe, war ich schon mitten in den Vorbereitungen zu „Der entsorgte Vater“. Ich habe mir auch überlegt, ob ich das als Trilogie anlege. Ich werde da bestimmt auch noch einen dritten Film zu dem Thema abliefern, weil das einfach Sachen sind, die mich persönlich in den letzten Jahren bewegt haben. Sowohl die Geburt von meinen beiden Töchtern, als auch das, was mit der einen Tochter danach passiert ist - dass ich sie heute eben nicht mehr sehen darf.

Moviesection: Hast du schon eine Idee für den dritten Teil?
Douglas Wolfsperger: Ja, aber das ist alles noch so wage, dass ich noch nichts Konkretes darüber sagen möchte.

Moviesection: Dieses Mal standst du auch selbst vor der Kamera und hast deine eigene Geschichte zum Teil des Films gemacht. Wie war diese Erfahrung für dich?
Douglas Wolfsperger: Das hat mir viel Spaß gemacht. Es hat sich auch sehr spielerisch ergeben. Anfänglich war das Konzept anders. Die Situation, wie sie jetzt ist, hat sich erst dadurch ergeben, dass sich meine private Geschichte mit meiner älteren Tochter parallel zu der Entstehung des Filmes sehr stark zugespitzt hat. Im Mai diesen Jahres musste ich mich laut Gericht von meiner 10-jährigen Tochter verabschieden und dann hat sich das geradezu angeboten, mein persönliches Schicksal als roten Faden durch den Film zu ziehen. Damit fühle ich mich jetzt auch sehr wohl, dass das letztendlich so gekommen ist.

Moviesection: Reagiert man dadurch sensibler auf Rückmeldungen der Zuschauer – ob nun positiv oder negativ?
Douglas Wolfsperger: Der Film hat durch und durch, in jeder Pore, etwas mit mir zu tun. Ich bin sehr froh darüber, weil der Film auch Verarbeitung für meine eigene Ohnmacht war. Dass das eine Therapie für mich war, würde zu weit gehen, aber es war eine Verarbeitung und Umsetzung für mit meinen filmischen Mitteln. Wo andere Väter im Wald Holzhacken, um ihre Wut raus zu lassen, wie in „Der entsorgte Vater“ gezeigt, habe ich einfach einen Film gemacht.

Moviesection: In der Publikumsdiskussion hat man herausgehört, dass einige Zuschauer die Objektivität vermisst haben. Wie stehst du zu dem Thema?
Douglas Wolfsperger: Ich finde, dass jeder interessante Film eine subjektive Haltung haben muss. Man kann es nicht allen recht machen. Schon gar nicht bei einem solch sensiblen Stoff. Hier geht es immerhin um ein Thema, das in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird – Väter, die gerne Väter sein wollen, aber die es nicht sein dürfen, weil die Mütter den Umgang boykottieren. Ich stehe einfach dazu, dass ich meine Haltung in dem Film zeige und auch verdeutliche. 

Moviesection: Glaubst du, dass du es dir und den anderen Vätern schuldig warst, das Thema nur von dieser einen Seite zu zeigen?
Douglas Wolfsperger: Das hat mit schuldig sein überhaupt nichts zu tun. Das war einfach die Situation in der ich selbst stecke. Der Film ist einfach subjektiv, aus dieser Ohnmachtssituation heraus, entstanden.

Moviesection: Ist „Der entsorgte Vater“ aus dem Hintergedanken heraus entstanden, dass sich deine Tochter eines Tages den Film auch mal anschauen wird?
Douglas Wolfsperger: Das war überhaupt kein Hintergedanke, sondern von Anfang an der Antrieb. Ich wollte ein Dokument für meine Tochter erschaffen. Ich wollte, dass sie das später sieht und zumindest erfährt, wie ihr Vater sich damals bemüht hat und mit was für Problemen er sich rumschlagen musste. Und vor allem, dass er alles versucht hat, sich um sein Kind zu kümmern, aber schlicht ohnmächtig davor stand und keine Chance dazu hatte. Wenn sie den Film irgendwann später sieht, dann wird sie vermutlich auch mit einer anderen Haltung an die Sache herangehen. Man darf das, was sie heute sagt, nicht als bare Münze nehmen. Sie steht gewissermaßen in einem Loyalitätskonflikt mit ihrer Mutter. Wie im Film gezeigt wird: Die Kinder haben Angst davor, den anderen Elternteil auch noch zu verlieren. Sie schließen sich eng an den, mit dem sie leben und wollen dessen Liebe nicht verlieren. So werden entfremdet und äußern Dinge, die man gar nicht für bare Münze nehmen darf. Aber irgendwann wird meine Tochter frei sein. Frei sein von der Mutter und sich frei bewegen können. Und sich dann hoffentlich für mich interessieren. Ich glaube, dass mein Film dann ein gutes Mittel sein wird, ihre vielen Fragen nach ihrem abwesenden Vater zu beantworten.

Moviesection: Vielen Dank für dieses ehrliche Interview und bis zum nächsten Jahr in Biberach.


Filmvorstellung: "Seven Servants"


Spielfilm, 91 Minuten

Story
Archie ist ein reicher alter Mann am Ende seines Lebens. Er lebt mit seiner Haushälterin in seiner Villa und sehnt sich danach, in Liebe mit der Welt vereint zu sein. Die letzen zehn Tage seines Lebens möchte er so verbringen, dass sein Körper mit der positiven und liebevollen Energie anderer Menschen gesättigt wird. Zu diesem Zweck stellt er Diener ein, die seine sämtlichen Körperöffnungen mit ihren Fingern verschließen sollen. Archie möchte so sein Wesen vervollkommnen und sich auf seine letzte Nacht vorbereiten....zur Filmkritik





Anschließende Publikumsdiskussion
Produzent Stefan Jung und sein Bruder, der Schauspieler Joachim Jung stellten ihren außergewöhnlichen Film „Seven Servants“ vor, der bereits dreizehn Jahre alt ist. „Anthony Quinn at his best!“ ist Adrian Kutters kurzer, aber prägnanter Kommentar zu „Seven Servants“, der trotz internationaler Besetzung ein komplett deutscher Film ist, der in der Fränkischen Schweiz gedreht wurde. Laut Kutter sei es ein großes Wagnis, diesen Film herauszugeben. Warum, erklärte Stefan Jung im Anschluss.
Lange habe er überlegt, was man mit diesem Film anfangen könne. Auf die Frage eines Zuschauers, wie er denn auf die Idee zu „Seven Servants“ gekommen sei, kam der Regisseur ins Erzählen. Die Idee sei von einem langjährigen Freund, dem Regisseur Daryush Shokof gekommen. Sein Drehbuch brachte er wohl immer wieder zu den Jungs, die sich aber einfach eine Verfilmung nicht vorstellen konnten. Als Shokof dann auch noch sagte, er könne sich Anthony Quinn in der Rolle des Archie vorstellen, ließen die Brüder Jung sich auf einen Deal ein. Sie sagten: „Bring Du uns Anthony Quinn, dann drehen wir den Film.“ Was Stefan Jung dann erzählte, hörte sich fast schon an wie ein Märchen. Eines Abends habe bei ihm das Telefon geklingelt und Anthony Quinn höchstpersönlich sei am Apparat gewesen. Er habe gefragt: „Seid Ihr die Verrückten, die mir das Drehbuch zugeschickt haben?“ Quinn war tatsächlich bereit, im Film mitzuspielen, allerdings hatte er nur 2 ½ Monate Zeit für den Dreh. Welturaufführung hatte „Seven Servants“ auf dem Marktplatz in Locarno und wurde weltweit nur auf zwei Festivals gezeigt, im Fernsehen war er überhaupt nie zu sehen.
Die Version, die das Publikum an diesem Abend in Biberach zu sehen bekam, war eine ganz neue Fassung, die zuvor noch niemand gesehen hatte. Der Schauspieler, der im Film den Paul verkörperte, hatte die Originalfassung umgeschrieben, die Stimme aus dem Off dient jetzt zur Erklärung des Geschehens. Völlig überrascht sei Stefan Jung davon gewesen, dass der Film in der Gay-Szene und unter Esoterikern ganz stark eingeschlagen habe.
Eine Zuschauerin äußerte die Ansicht, dass dieser Film eigentlich in ein modernes Museum gehöre und nicht ins Kino – „Seven Servants“ sei vielmehr neue Kunst. Edgar Selge, der auch als Zuschauer anwesend war, äußerte hingegen die Meinung, dass dieser Film unbedingt ins Kino gehöre – schließlich habe er doch auch so viel Humor und Witz, er habe Angst, dass er in einem Museum zu heilig würde. Jung könnte sich auch vorstellen, „Seven Servants“ in den Kinos als „besonderen Film“ laufen zu lassen. Er versuche auch gerade, mit ARTE in Kontakt zu kommen, um seinen Film vielleicht im Rahmen eines Themenabends über Anthony Quinn zu präsentieren. Aus dem Publikum kam dann noch die Frage, ob Anthony Quinn verraten habe, warum er diesen Film unbedingt habe drehen wollen. Jung vermutete, dass er damals, im reifen Alter von einundachtzig, den Film als eine Art Vermächtnis gesehen habe. Er habe sich selber immer als Universalkünstler gesehen und dieser Film sei eine Art Kunstwerk für ihn gewesen. Eine Zuschauerin wollte wissen, ob die vielen surrealistischen Elemente im Film auf Quinn zurückzuführen seien. Jung erklärte, vor allem der Regisseur habe diese Elemente eingebracht, doch er und Quinn seien Brüder im Geiste gewesen, weswegen auch vieles auf den großen Schauspieler zurückzuführen sei. Noch heute schwärmt Jung davon, wie hellwach Quinn in seinem hohen Alter noch gewesen sei. Es war laut seiner Aussage unglaublich, wie er jeden Tag konsequent sein Pensum durchgezogen habe. Er habe jeden einzelnen Namen aus dem Filmteam gekannt und konnte neben dem Dreh noch ganz entspannt mit seiner damals zweijährigen Tochter spielen. Der Regisseur habe immer Quinns Mut bewundert, sich in seinem Alter noch mal auf diese Art und Weise zu präsentieren.
Joachim Jung erzählte, „Seven Servents“ sei ein Film, der damals dem gesamten Team unter die Haut ging, was häufig zu Auseinandersetzungen geführt habe. Anthony Quinn sei aber immer das Zünglein an der Waage gewesen, er habe dafür gesorgt, dass alles weiter ging. Abschließend merkte Edgar Selge noch an, dass dieser Film doch vor allem die Sehnsucht jedes einzelnen danach ausdrücke, nicht alleine sterben zu wollen, was auch der Grund dafür sei, dass man so leicht mit dem Film kommunizieren könne.




Filmvorstellung: "Revanche"


Spielfilm, 121 Minuten

Story
Alex und Tamara arbeiten im Rotlichtmilieu. Alex ist der Fahrer und Handlanger des Chefs eines Puffs, Tamara eine dort angestellte Prostituierte. Was der Chef nicht wissen darf: Alex und Tamara haben sich ineinander verliebt und sind bereits seit längerer Zeit zusammen.
Zeitgleich: Auf dem Land leben Susanne und der Polizist Robert ihr konservatives Leben: Häuschen, bald ein Baby, beide gute Verdiener. Ein Leben, wie es eben sein soll.
Durch unglückliche Umstände ist Alex gezwungen mit Tamara aus Wien zu flüchten. Seine Idee? Eine kleine Bank auf dem Land überfallen und mit seiner großen Liebe ein neues Leben anfangen. Zunächst gelingt der Plan. Gauner rein, Geld in die Tasche, Gauner wieder raus. Als Alex jedoch wieder zurück zum Wagen kommt, in dem Tamara wartet, wird der gerade von Robert gefilzt. Alex reagiert schnell, bedroht den Beamten mit seiner nicht geladenen Waffe und flüchtet. Robert zielt auf die Reifen, schießt. Doch nicht die Reifen werden getroffen, sondern Tamara. Was folgt, ist ein emotionales Ringen mit sich selbst, denn Alex hat bald herausgefunden, wo Robert lebt und wer er ist, denn Alex ist hier aufgewachsen…...zur Filmkritik

Die anschließende Publikumsdiskussion fand leider nicht statt, da die Filmemacher beruflich stark eingebunden sind und so leider absagen mussten.




Filmvorstellung: "Menschliches Versagen"


Dokumentation, 90 Minuten

Story
Arisierung – unter diesem Begriff ordneten bislang viele Enteignungen jüdischen Eigentums in Rahmen von Großkonzernen ein. Mit welcher Akribie die deutsche Bürokratie jedoch jeden jüdischen Bürger systematisch bis auf die letzten Wertgegenstände, ja bis auf das letzte Hemd beraubte, war bislang nicht bekannt. Erst vor sechs Jahren konnten von Historikern Akten bei Finanzbehörden ausfindig gemacht werden, die das ganze Ausmaß deutlich werden ließen. Der enteignete Besitz wurde anschließend im großen Stil versteigert. Deutsche Beamte haben über alle Verfahren ordentlich Buch geführt und so werden Steuerakten plötzlich zu Zeugnissen ganzer Lebensbiographien - vom deutschen Steuergeheimnis bislang wohlbehütet. Michael Verhoeven wagt mit seiner Dokumentation, entlang der bislang bekannten Fakten, eine erste Spurensuche in diesem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte....zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Um 19:00 Uhr durfte sich Filmemacher Michael Verhoeven über ein ausverkauftes Venus-Kino freuen. Dem Ehrengast der 30. Biberacher Filmfestspiele war nicht nur eine Retrospektive gewidmet, sondern er brachte auch seine neuste Dokumentation „Menschliches Versagen“ mit, die in Biberach ihre Uraufführung hatte. Bereits vor Filmbeginn stimmte Verhoeven das Publikum auf das Thema „Arisierung“ ein und berichtete von seiner Motivation, diese Dokumentation zu drehen. Nach dem der Abspann dann durchgelaufen war konnte er viel Applaus für seine Arbeit verbuchen. Es schloss sich eine interessante Diskussion an die erst durch den Kinoleiter Andi Baumann beendet wurde, der das anschließende Programm in Erinnerung brachte.

Michael Verhoeven berichtete, dass er vor Beginn der Arbeit an „Menschliches Versagen“ zwar um die Enteignung der jüdische Bevölkerung, die so genannte „Arisierung“ wusste, dass Ausmaß und die Gründlichkeit mit der diese aber auch beim „kleinen Mann“ betrieben wurde, ihm jedoch völlig neu war. Auch die Tatsache, dass große Teile der Bevölkerung mittels Versteigerungen an dem jüdischen Besitz partizipierten und sich so zum Beispiel nach einer Ausbombung wieder neu einrichteten schockierte ihn, so der Filmemacher weiter. Aus dem Publikum kam große Anerkennung für den Film. Auch dass Verhoeven seinen bekannten Namen nun schon seit vielen Jahren nutzt, um auf die noch unaufgearbeiteten Problematiken im Zusammenhang mit dem Dritten Reich aufmerksam zu machen, fand große Anerkennung. Die Zuschauer zeigten sich ebenfalls von dem Umfang der Bürokratie entsetzt und dass viele Beamte, die zunächst an der Enteignung der Juden beteiligt waren, nach Kriegsende auch mit der Aufarbeitung der Rückführung des Eigentums betraut waren, war für so machen Zuschauer unfassbar. Michael Verhoeven berichtete, dass viele der Akten, die von den Historikern bei den Finanzbehörden aufgespürt wurden, mittlerweile verschwunden sind. Offensive Aufklärung sieht anders aus. Herr Verhoeven berichtete auf Nachfrage von Moviesection.de, dass er noch keine Reaktionen seitens offizieller Stellen auf die Dokumentation hat. Die Biberacher Festivalbesucher waren sich jedenfalls einig: Diese Dokumentation verdient größte Aufmerksamkeit!




Filmvorstellung: "Alles für meinen Vater"


Spielfilm, 96 Minuten

Story
Drei junge Männer fahren in einem klapprigen Auto gen Tel Aviv. Sie sind Palästinenser. Der Mann auf der Rückbank wird verkabelt und soll sich als menschliche Bombe auf dem Markt der israelischen Großstadt zünden. Er heißt Tarek und ist nervös. Er tut dies, um die Ehre seines Vaters zu retten. Tarek schafft es unbemerkt durch die Kontrollen zu kommen, doch dann geschieht das Ungeplante: Die Sprengsätze zünden nicht. Tarek ist gezwungen den Zünder zu reparieren und weil ein Ersatzteil fehlt bekommt er zwei Tage Leben geschenkt. Zwei Tage in denen er israelischen Bürgern von „nebenan“ begegnet, die ihm sympathisch sind. Und er begegnet Keren, einem Mädchen, das dem strengen orthodoxen Leben ihrer Familie entfliehen will. Keren und Tarek kommen sich näher, verlieben sich und plötzlich fragt sich Tarek welchen Feind die Bombe eigentlich treffen soll. Israel hat plötzlich auch eine gut Seite....zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Zu später Stunde stellte sich die deutsche Produzentin Heike Wiehle-Timm den Fragen des Biberacher Festivalpublikums zu „Alles für meinen Vater“, einer deutsch-israelischen Co-Produktion. Leider konnte der Regisseur des Films, Dror Zahavi, krankheitsbedingt nicht anwesend sein. Die Geschichte um den palästinensischen Selbstmordattentäter Tarek und seiner Begegnung mit den kleinen Bürgern aus Tel Aviv ging den Zuschauern sichtlich an die Nieren und bewegte. Heike Wiehle-Timm berichtete, dass bereits die Dreharbeiten in Israel heftige Diskussionen hervorgerufen hatten. Der Film laufe jetzt zwar auch in israelischen Kinos, doch in der Presse gibt es nach wie vor kontroverse Debatten, so Wiehle-Timm. Aus dem Publikum kam die Frage, ob denn nicht auch ein Happy End als Option angedacht gewesen sei? Wiehle-Timm verneinte dies. „Tarek darf nicht am Leben bleiben, das würde die Geschichte unglaubwürdig machen“, so die Produzentin. Wie denn ein israelischer Film an eine deutsche Produzentin kommt, wollte ein Zuschauer wissen. Heike Wiehle-Timm schmunzelte und erklärte, dass dies keine so ungewöhnliche Konstellation ist. Der Geldmarkt für Filmproduktionen ist recht international, erläuterte sie weiter. Es gibt einige deutsch-israelische Zusammenarbeiten. Das Publikum bewegte auch die Frage, ob den eine Annäherung wie die gezeigte unter palästinensischen und israelischen jungen Leuten überhaupt realistisch wäre. Heike Wiehle-Timm berichtete, dass schon die Dreharbeiten genau diese Situation mit sich brachte und nach anfänglichen Schwierigkeiten die Zusammenarbeit gut funktioniert hatte. Dies war bei den beteiligten Menschen schon ein Aha-Erlebnis, so die Produzentin. Kritik kam aus dem Publikum an dem wenig beleuchteten Aspekt der Situation der Palästinenser in den abgesperrten Gebieten. Wiehle-Timm erläuterte, dass dieser Punkt bewusst nicht ausgebaut worden war. Das hätte zum einen den Rahmen gesprengt und war zum anderen auch einfach nicht das Thema. Die Filmemacher wollten die Geschichte einer Begegnung eines Selbstmordattentäters mit den einfachen Einwohnern von Tel Aviv erzählen und nicht einen Gesamtüberblick über die aktuelle Problematik geben. Mit einem Abschlussapplaus entließ das Festivalpublikum die Produzentin nach einem gut halbstündigen Austausch in die Gänge des Sternenpalastes.




Filmvorstellung: "Polska Love Serenade"


Spielfilm, 75 Minuten

Story
Eigentlich wollte Anna über Weihnachten nur nach Polen fahren, um ihr schrottreifes Auto möglichst schnell und einfach loszuwerden. Irgendwo in der polnischen Pampa stellt sie es ab, lässt den Schlüssel stecken und genehmigt sich im netten Pub von nebenan einen schnellen Wodka. Doch dann kommt alles anders: Während sie sich von der kessen Landsfrau mit polnischen Spezialitäten verwöhnen lässt, lernt die Berliner Göre den angehenden Anwalt Max kennen. Dieser scheint, im krassen Gegensatz zu ihr, von einem anderen Stern zu sein. Dennoch: Gegensätze ziehen sich an und so fahren die beiden, mehr oder weniger freiwillig, zusammen weiter. Max will seinen Großvater in einem kleinen Dorf besuchen und da Anna die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, vielleicht an einem anderen Ort ihr Auto loszuwerden, nimmt sie ihn eben mit…...zur Filmkritik

Anschließende Publikumsdiskussion
Kunterbunt und heiter wurde es noch am späten Abend im großen Kinosaal Universum. Die Crew von „Polska Love Serenade“ war angereist, um ihren neuen Film zu präsentieren. Nur wenigen Festivalbesuchern konnte die Anwesenheit von Regisseurin Monika Anna Wojtyllo entgangen sein, flitzte diese doch überaus gutgelaunt durch das Kino und beglückte die Zuschauer ihres Filmes mit scheinbar endlos vielen Wodka-Shots. Während sich manche Gäste wunderten und sich fragten, ob der Wodka wohl nötig sei, um den Film durchstehen zu können, stellt Kutter mit breitem Grinsen fest, dass er schon vermutet hatte, dass das hier zu einer Wodkaorgie ausarten würde. Prächtig auf die polnische Komödie eingestimmt, startete dann der Film und brachte das leicht angeheiterte Publikum stellenweise tatsächlich zum Toben.

Als das Filmscreening zu Ende war und die Crew ihrem Publikum gegenübertrat, ließ sich eine Frage natürlich nicht vermeiden: „Werden polnische Filme tatsächlich mit Wodka gedreht, oder trinken die Schauspieler während dem Dreh nur Wasser?“ Regisseurin und Drehbuchautorin Monika Anna Wojtyllo entgegnete auf diese Frage lachend, dass nur abends zur Flasche gegriffen wird und somit während dem Dreh, am nächsten Tag, lediglich die letzten Rauschrückstände verkraftet werden müssen. Um nun endlich auch mal von dem Thema Alkohol loszukommen, fragte eine Zuschauerin ob der Brauch, dass polnische Landsleute an Heiligabend für eine Person mehr den Tisch decken, denn tatsächlich existiere. Wojtyllo berichtete daraufhin, dass es diesen Brauch wirklich gebe und lud im gleichen Atemzug das komplette Publikum dazu ein, über Weihnachten doch mit ihr nach Polen zu fahren, um diesen Brauch auszunutzen: „Das Essen schmeckt dort wirklich vorzüglich!“. Überrascht war das Publikum, als Wojtyllo erzählte, dass der Film lediglich 27.000€ gekostet habe. Viele Schauspieler und Mitglieder des Teams haben wegen des knappen Budgets kein Geld für ihre Arbeit bekommen und mussten, ganz im Gegenteil, für den Dreh noch draufzahlen. Umso schöner jedoch, dass aus „Polska Love Serenade“ dennoch ein toller Film wurde, der gerade weil alle Beteiligten freiwillig und völlig unbezahlt an dem Dreh teilnahmen, einen solch tollen Charme besitzt. Moviesection bedankt sich bei den Filmschaffenden für diesen tollen und feuchtfröhlichen Film, der uns einen tollen Abschluss der Biberacher Filmfestspiele beschert hat.



Interview mit Schauspielerin Katharina Wackernagel.



"Ich gehe zu einem Festival nur, wenn ich hinter meiner Arbeit und dem Film stehe."

Moviesection: Sie sind nun auch schon zum dritten Mal bei den Biberacher Filmfestspielen vertreten…
Katharina Wackernagel:  Ja, zuletzt 2005 mit „Die Boxerin“ und nun eben dieses Jahr mit der Komödie „Polska Love Serenade“.

Moviesection: Also gefällt es Ihnen in der schwäbischen Stadt richtig gut?
Katharina Wackernagel: Ja, absolut! Ich komme immer wieder gerne.

Moviesection: Mögen Sie auch den engen Kontakt zum Publikum, dem Sie hier „ausgeliefert“ sind?
Katharina Wackernagel: Ja klar. Ich gehe zu einem Festival auch nur mit einem Film, wenn ich hinter meiner Arbeit und dem Film stehe. Und dann macht es natürlich auch Spaß, wenn man darüber mit dem Publikum reden kann. Man hat als Filmemacher sonst nicht all zu oft die Gelegenheit, ein solches Feedback wie hier zu bekommen.

Moviesection: In „Polska Love Serenade“ haben Sie eine sehr kleine Rolle. Was war für Sie die Motivation diese Rolle anzunehmen?
Katharina Wackernagel: Jonas Grosch, der das Drehbuch geschrieben hat, ist mein Bruder. Ich mag einfach seine Drehbücher und seine Geschichten. Der Film wurde Anfang des Jahres gedreht und die Regisseurin hatte mich ursprünglich auch für die Hauptfigur gecastet. Aber erstens hatte ich dann keine Zeit und zweitens war es so, dass die jetzige Hauptdarstellerin Claudia Eisinger zusammen mit Sebastian Schwarz das optimale Pärchen abgab. Dabei sein wollte ich aber trotzdem sehr gerne und die Rolle, die ich jetzt habe, fand ich sehr lustig. Die Rolle war zeitlich auch einzurichten und hat dann, während den wenigen Drehtagen in Polen, richtig Spaß gemacht.

Moviesection: „Polska Love Serenade“ erzählt eine absurdwitzige Geschichte. Da gibt es vom Dreh doch bestimmt eine witzige Anekdote zu erzählen.
Katharina Wackernagel: Man muss dazu sagen, dass meine Figur nur aus der Not heraus schwanger sein musste. Kurz bevor wir den Film gedreht haben, habe ich mir am Rücken was verzogen und konnte kaum laufen. Eigentlich wollte ich den Dreh schon absagen, aber dann hat eine Freundin zu mir gesagt: „Du läufst wie ich, als ich schwanger war.“ Damit war die kuriose Idee geboren: Wir haben einfach gesagt, dass mein Charakter schwanger ist. So konnte ich mich problemlos etwas schwerfällig bewegen. Letzten Endes war meine Figur dann eben nicht nur Wodkavertreterin und einer von den heiligen drei Königen, sondern die, die auch noch das Jesuskind im Bauch trägt. (lacht)

Moviesection: Sie selbst haben also absolut keine Ähnlichkeiten mit ihrem Charakter…
Katharina Wackernagel: Nein, absolut nicht. (lacht)

Moviesection: Für 2009 ist die Komödie „Résiste – Aufstand der Praktikanten“ geplant. Können Sie uns darüber schon etwas berichten?
Katharina Wackernagel: Das wird eine ganz tolle Komödie. Wir sind jetzt gerade über den Berg und haben die erste Hälfte des Filmdrehs geschafft. Für mich persönlich ist das natürlich eine spannende Erfahrung. Mein Bruder führt die Regie und ich übernehme die weibliche Hauptrolle – das ist etwas ganz besonderes für mich.

Moviesection: Vielen Dank für dieses Gespräch und bis bald in Biberach!




Filmvorstellung: "Mein Freund aus Faro"


Spielfilm, 93 Minuten

Story
Mel steckt mittendrin in einem höchst schweren Entwicklungsprozess, in dem es darum geht, wer sie eigentlich ist. Sie zieht sich an wie ein Junge, redet wie einer, hat jede Bewegung, Mimik und Gestik jahrelang geprobt. Als sie der bildschönen, aber erst 14jährigen Jenny begegnet, ist es um sie geschehen. Aus einer unüberlegten Situation heraus gibt sie sich als Miguel aus Portugal aus. Mel hat sich durch ihren neuen Arbeitskollegen Nunu inspirieren lassen. Jenny ahnt nichts und verliebt sich in Miguel. Dass es hier schnell große Probleme geben wird, liegt auf der Hand…...zur Filmkritik



Anschließende Publikumsdiskussion
Für „Mein Freund aus Faro“ kam Schauspieler Manuel Cortez zu den Biberacher Filmfestspielen. Der sympathische Mime erzählte, dass ihm der Film sehr am Herzen liege, weil er eine schwere, jedoch wichtige Thematik habe. Er berichtete auch, dass jede Vorstellung, die er bis jetzt besucht habe – es waren bisher 7 – anders verlaufen ist und jedes Publikum unterschiedlich auf den Film reagieren würde.
Auf die Frage seitens der Zuschauer, ob der Film auf realen Stützen stehe, antwortete Cortez, das die Regisseurin des Films die Geschichte erzählt bekommen habe. Anschließend habe sie noch ein wenig an der Handlung gefeilt. Es sei also nicht alles echt, aber vieles.
In 5 Wochen wurde „Mein Freund aus Faro“ gedreht. Die Zeit von der Idee bis zum fertigen Drehbuch betrug 5 Jahre, erzählte Manuel Cortez und bedauerte, das seine Schauspielkollegin und die Regisseurin nicht da sein kann. Weiter erzählte er, dass ein ¾ Jahr nach der Hauptdarstellerin gesucht wurde. Mit Anjorka Strechel sei dann die genau richtige Schauspielerin gefunden worden, freut sich Cortez.



Interview mit Schauspieler Manuel Cortez.



"Ich bin Künstler!"

Moviesection: Wenn Du Gott spielen dürftest: Wo würdest Du „Mein Freund aus Faro“ gerne sehen?
Manuel Cortez: Bei der OSCAR-Nominierung als bester ausländischer Film.

Moviesection: Okay…
Manuel Cortez: (lacht) DU hast doch gesagt „Wenn ich Gott wäre…“

Moviesection: Stimmt. Okay, anders formuliert: Was würdest Du Dir für diesen tollen Film wünschen?
Manuel Cortez: Ich würde mir eigentlich nur wünschen, das dieser Film die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. Sei es durch Kritiken oder, was ich mir am meisten wünschen würde, durch die Zahl der Zuschauer. Wir werden mit nur 20 Kopien in Deutschland laufen, was leider nicht viel ist. Es gibt aber die Möglichkeit ihn in fast jeder großen Stadt zu sehen. Das würde ich mir wünschen, dass dieser Film die Zuschauer erreicht. Das würde mich sehr freuen.

Moviesection: Du bist Schauspieler, Musiker, Friseur, Maskenbildner,… und hast mit Rokko Kowalski aus „Verliebt in Berlin“ eine echte Kultfigur erschaffen…
Manuel Cortez: Stimmt. „Verliebt in Berlin“ war in Frankreich beispielsweise sogar noch erfolgreicher als in Deutschland. Wir sind in Tschechien, Ungarn, Rumänien gelaufen und es gibt weltweit 20-30 Fanclubs, die sich nur mit dieser Figur auseinandersetzen. Also gar nicht mal so sehr mit mir als Schauspieler, sondern wirklich mit Rokko. Damit ist mir schon was gelungen, worauf ich sehr stolz bin, gerade in einem Format, wie einer Telenovela.

Moviesection: Magst Du eine Deiner vielen Schienen am liebsten? Bist Du am Liebsten Schauspieler, Sänger, oder bist Du jemand, der wirklich alles gerne mag?
Manuel Cortez: Ich bin Künstler und war immer schon vielseitig. Ich hab mir 9 Jahren angefangen Theater zu spielen, ich habe wahnsinnig lange getanzt, Choreographien gemacht, jahrelang Bands gehabt. Für mich war immer Vielfalt der Ursprung der Kreativität. Was ich im Leben am meisten fürchte und hasse ist der Stillstand.
Man sieht es ja auch an meinen Rollen: Jetzt war es „Mein Freund aus Faro“, dann kommen noch zwei Fernsehfilme, eine neue Sketchcomedy – ich bin das neue Gesicht von „Die dreisten Drei“ - dann habe ich eine Fernsehserie auf MTV und Viva laufen. Ich bin wirklich vielseitig und brauche das auch und mag das.

Moviesection: …es ist ja auch ein Geschenk, als Schauspieler vielbeschäftigt zu sein. Es gibt da durchaus gute Vertreter Deines Gewerbes, bei denen sieht es momentan sicher anders aus…
Manuel Cortez: Wenn man sich nur auf die Schauspielerei konzentriert, ist das schlecht. Schauspielerei war für mich nie ein Beruf. Schauspielerei war für mich ein Lebensgefühl, Lebensinhalt und es ist zum Beruf geworden. Wie Du schon gesagt hast: Ich bin Art-Director, ich bin Photograph, mache sehr viel im Kunstbereich und mache Musik. Ich habe mich mittlerweile so unabhängig gemacht, das ich sagen kann: „Cool, ich drehe jetzt nicht, geil, kann ich Fotos machen.“ Oder „Ich mach grade keine Fotos, cool, hab ich Zeit mein Album aufzunehmen!“ So hat man immer was zu tun und muss sich nicht auf die Schauspielerei verlassen.

Moviesection: Ein toller Film, in dem Du in einer Nebenrolle zu sehen warst, ist „Fickende Fische“ mit Tino Mewes.
Manuel Cortez: „Fickende Fische“ hat auf jeden Fall Ähnlichkeit mit „Mein Freund aus Faro“. Nicht von der Story her, aber ich finde, wie Du auch, von der Leichtigkeit, der Wichtigkeit und vom Anspruch her. Er ist mehr Teenagerfilm, als es „Mein Freund aus Faro“ ist, aber er spricht auch alle anderen Altersgruppen an. Ich finde den auch sehr wertvoll.

Moviesection: Gibt es einen Film im letzten halben Jahr, der dich nachhaltig beeindruckt hat?
Manuel Cortez: (überlegt) „Brügge…sehen und sterben?“ war ein absolutes Highlight des letzten Jahres. „Juno“ war ein absoluter Favorit und, ja, ich geb’s zu: „The Dark Knight“. Dieser Film hat einfach wahnsinnig Spaß gemacht. Der Joker war fett, einfach geil.

Moviesection: Gibt es für Dich etwas, das Du unbedingt mal machen willst?
Manuel Cortez: Ich würde wahnsinnig gern mal einen Seeräuberfilm drehen.

Moviesection: Jack Sparrow?
Manuel Cortez: Zum Beispiel. Captain Jack Sparrow. Nein, natürlich nicht ihn. Diese Figur lebt durch Johnny Depp, aber ein solches Genre würde ich gern mal drehen. Allgemein liebe ich sowieso Kostümfilme.
Es ist auch einer meiner Stärken, mich zu verwandeln. Das kommt natürlich auch durch meine Jobs als Stylist und Maskenbildner. Wenn Du meine Filme siehst, gibt es eigentlich keine Figur, die der anderen ähnelt.
Ich liebe Historienfilme, Fantasygeschichten. Ich habe zum Beispiel letztes Jahr für Pro7 die Märchenstunde gedreht. Das hab ich geliebt! Das war echt toll.

Moviesection: Wir können ja mal ein “Sissi”-Remake vorschlagen, mit Dir als Kaiser Franz?
Manuel Cortez: (lacht) Ja, super!

Moviesection: Letzte Frage: Was ist für Dich Kino?
Manuel Cortez: Kino ist für mich Leben. Wenn Kino mich nicht anspricht, unterhält oder verführt, dann kann ichs mir auch schenken.

Moviesection: Vielen Dank für das nette Gespräch, Manuel und viel Erfolg weiterhin!



Sonntag, 02. November 2008


Preise


Am 2. November, dem fünften und letzten Festivaltag standen die Gewinner der 30. Biberacher Filmfestspiele fest.

• Der "goldene Biber", der Hauptpreis der Festspiele, ist mit 5000 Euro dotiert und geht 2008 an "Was wenn der Tod uns scheidet?". Zur Begründung heißt es: "Der Film erzählt Geschichten von Tod, Sterben und Vergänglichkeit und macht gleichzeitig Lust auf Leben. Im Umfeld eines Krankenhauses angesiedelt, verknüpft der Film in berührender Weise Einzelschicksale sehr unterschiedlicher Personen. Das exzellente Buch führt tragische und komische Elemente auf unterhaltsame Weise in den filmischen Erzählungen zusammen und vermag gerade dadurch aufs beste zu unterhalten. Brilliante schauspielerische Leistungen bis in die kleinste Rolle hinein ergeben eine Ensembleleistung von außerordentlicher Qualität."
Die Jury hat sich für den Film mit großer Begeisterung einstimmig ausgesprochen.
Mitglieder der Hauptjury: Dr. Reinhold Jacobi; Bastian Clevé, Vladimir Ignatovski, Peter Lichtefeld, Peter Timm

• Der "Dokubiber" geht dieses Jahr an "Stolperstein". Die Begründung: "Der Film begleitet den Künstler Gunter Demnig bei seiner symbolhaften und wirkungsstarken Aktion zur Erinnerung an die vom Naziregime deportierten und ermordeten Menschen. Die so genannten Stolpersteine sind Gedenksteine - sie geben den Opfern ihre Namen zurück. Der Künstler hämmert sie dort in den Bürgersteig, wo die Opfer früher wohnten. „Stolperstein“ erzählt uns von Geschehnissen an vielen Orten der Kunstaktion und davon, wie unterschiedlich die Menschen mit der Last der Erinnerung
umgehen."
Mitglieder der Dokujury: Clara Burckner; Anna Ditges, Malte Ludin

• Den "Debütbiber" 2008 erhält "Novemberkind". Die Jury: "Der Film hat uns einfach mitgenommen – und das in jeder Hinsicht. Er ist uns ins Herz gegangen und hat es weit geöffnet. Er hat uns den Hals zugeschnürt und uns trotzdem lachen lassen.
Ein überragendes Drehbuch, grandiose Bilder, die atemberaubend agierende Hauptdarstellerin Anna Maria Mühe in einem beeindruckenden und authentisch besetzten Ensemble – faszinierend souverän zusammengeführt vom jungen Debütregisseur Christian Schwochow. Großes Kino!
Mitglieder der Debüt- und Kurzfilmjury: Jörn Rettig; Klaus W. Becker, Fabian Busch

• Der "Kurzfilmbibber"geht dieses Jahr an "Die Klärung eines Sachverhalts". Zur Begründung heißt es: "Ein Verhörraum in der DDR, zwei Männer, ein Ausreiseantrag.
Aus der vermeintlich simplen Klärung eines Sachverhalts entsteht unter dem Druck und den perfiden Methoden eines Staatsdieners für einen bislang unbescholtenen Bürger ein Kampf um seine persönliche Lebens- und Entscheidungsfreiheit. Exzellent gespielt, die verschiedenen Zeitebenen intelligent montiert, leise und klar, eindringlich und vielschichtig – in den Dialogen wie in den Bildern sehr präzise ausgearbeitet.
Der menschliche Blick des Films von Sören Hüper und Christian Prettin ist ein wichtiger Beitrag für eine wirkliche Aufarbeitung dieses bis dato zu oft plakativ dargestellten Kapitels deutscher Geschichte.
Ein kleines Meisterwerk, dem rasch ein großes folgen sollte."

Lobende Erwähnung der Debüt- und Kurzfilmjury:
"Was weiß der Tropfen davon": "Das Kinoprinzip in grandioser Form: Bilder und Worte sagen mehr als beide allein.
Worte gibt es nur sehr wenige im Film – und sie stammen von einem afrikanischen Reinigungsmann im deutschen Reichstag und Abgeordnetenhaus, der eigentlich nur über seine Arbeit spricht.
Zusammen mit Jan Zabeils beeindruckend genau ausgewählten und dicht komponierten Kinobildern entsteht überraschend ein ungewöhnliches, tiefsinniges, aber auch höchst vergnügliches Portrait unserer Regierungs- und Gesellschaftsstruktur."
Mitglieder der Debüt- und Kurzfilmjury: Jörn Rettig; Klaus W. Becker, Fabian Busch

• Der "Publikumsbiber" 2008 erhält ebenfalls "Was wenn der Tod uns scheidet?". Auf die Publikumsjury wirkte er wie ein wunderbarer Slalom zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, untermalt mit sehr stimmiger Musik.
Liebe und Nächstenliebe lassen die Menschen an ihrem Schicksal wachsen. Am Ende steht ein möglicher Neubeginn.
Mitglieder der Publikumsjury:
Hans-Frieder Kobler; Malgorzata Jasinska-Reich, Monika Koros-Steigmiller, Barbara Litz, Susanne Pfender-Gawatz

• Neu in diesem Jahr ist der "Schülerbiber". Der erste Preisträger in dieser Kategorie ist der Film "Höhere Gewalt". Zur Begründung: "In den letzten vier Tagen haben wir 14 Filme gesehen, über die wir intensiv diskutiert haben. Am Ende blieben zwei Filme in der engeren Auswahl.
 „Alles für meinen Vater" hat uns sehr beeindruckt, aber es gab noch einen anderen Film der näher an unserem Alltag und an uns steht.
Wir, die Schülerjury, haben uns für einen Film entschieden, der sich auf schockierende und doch authentische und emotionale Weise, mit einem aktuellen, uns betreffenden Thema auseinandersetzt.
Von Anfang an wurde durch die brillante schauspielerische und technische Umsetzung die beklemmende und zugleich elektrisierende Stimmung einer Gruppendynamik dargestellt. Wir verstehen diesen Film als Warnung und Weckruf an die heutige Gesellschaft. Er polarisiert, zwingt zum Hinsehen und löst Diskussionen aus.
Wir erachten diesen Film als sehr wertvoll und aus diesem Grunde geht der Preis der Schülerjury der 30. Biberacher Filmfestspiele an den Film „Höhere Gewalt"."

Lobende Erwähnung der Schülerjury:
"Alles für meinen Vater"
Mitglieder der Schülerjury: Stefan Schepers; Corinna Dewor, Judith Fetsch, Daniel Gläsel, Josephine Pragst




Dank


Die Biberacher Filmfestspiele sind nicht nur wahnsinnig aufregend und toll, sie sind auch anstrengend. Dass man ab und an viel zu lachen hat und eine geniale Zeit verbringt, hatten wir 2008 vor allem folgenden Menschen zu verdanken.

Herzlichen Dank an:

...Georg Kliebhan. Der Fotograph tat uns dieses Jahr sehr leid. Er war für die offiziellen Bilder verantwortlich und ziemlich im Stress. Wollen wir hoffen, dass Du, lieber Georg, nächstes Jahr wieder mehr Unterstützung hast. Du hast Dich toll gehalten!



...Veronika Renkenberger. Du hattest die Pressestelle 2008 toll im Griff, hast uns helfend unter die Arme gegriffen, warst da, wenn wir Dich gebraucht haben und hast dabei nie Deine gute Laune verloren. Danke, dass wir mit Dir soooviel lachen durften.



...die Hostessen. Stellvertretend für alle Hostessen danken wir an dieser Stelle unserer lieben Natalie, die immer alles möglich macht. Wir freuen uns aufs nächste Jahr - wehe nicht!!! :)


...Andreas Baumann, dem Theaterchef. Die ersten Filmfestspiele mit Dir als Chef vom Dienst waren nicht nur sympathisch, sondern auch immer nett. Auch in stressigen Situationen bist Du ruhig geblieben und warst für uns immer ein nicht-genervter Ansprechpartner! Dankeschööön!!

...dem Team vom Sternenpalast. 2008 hat man wieder gemerkt, dass das Team des Kinos gerne dort arbeitet und Spaß an seiner Arbeit hatte. Toll, dass Ihr so nett wart!

...den Filmschaffenden. Ohne die vielen Regisseure, Produzenten, Drehbuchautoren, Schauspieler, Dokumentarfilmer, Kameramänner und Kurzfilmer wäre das Biberacher Filmfest nicht das, was es ist. Danke, dass Ihr jedes Jahr zahlreich erscheint und so gute Laune mitbringt!

…last but not least: Adrian Kutter. Der Intendant der Filmfestspiele ist nicht nur immer da, wenn man ihn braucht, er verbreitet auch jedes Jahr die Atmosphäre des Festivals, bringt die Liebe zum Kino immer und immer wieder rüber und verkörpert das Herz und die Seele der Biberacher Filmfestspiele. Wir hoffen, dass Sie, lieber Herr Kutter, nächstes Jahr wieder viele spannende Diskussionen leiten dürfen.

Wir hoffen, wir konnten Euch über das Jubiläumsjahr der Biberacher Filmfestspiele umfassend informieren und wünschen Euch weiterhin viel Spaß im Kino - auch mit deutschen Filmen!

Eure/r
Tom, Melli, Kathrin und Steffi aus Biberach