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Moviesection.de unterstützt PETA
Special
Interview mit Regisseur Hans-Christian Schmid
„Ich wäre froh, wenn mir öfter jemand ein gutes Drehbuch auf den Tisch legen würde.“
Auf der Frankfurter Buchmesse hatte unsere Redakteurin Melanie Frommholz die Möglichkeit, mit Regisseur Hans-Christian Schmid über seinen Film "Sturm" zu sprechen.
Moviesection: Warum haben Sie sich für Ihren neue Film
ausgerechnet das Den Haager Tribunal und das Thema bosnische Kriegsverbrechen
ausgesucht?
Hans-Christian Schmid: Ich sehe es eher als Entscheidung für
eine bestimmte Hauptfigur, die uns, meinen Co-Autoren Bernd Lange und mich,
sehr interessiert hat. Es war die Entscheidung für eine Anklägerin
an diesem Tribunal, die sich mit Dingen auseinandersetzen muss, die für
uns erstmal neu und ungewöhnlich waren. Um die Geschichte dieser Figur
zu erzählen verwendet man dann das Gericht wie einen Hintergrund, eine
Folie, vor der sich alles abspielt. Dazu gehört natürlich auch der
Konflikt, mit dem das Tribunal sich beschäftigt. Ich würde daher nicht
sagen, dass „Sturm“ ein Film über den Balkan ist, sondern ein
Film über eine Frau und über eine zweite Frau, die in eine Beziehung
tritt zu dieser Hauptfigur. Die Entwicklung dieser beiden Figuren, die Dynamik
dieser Beziehung zwischen ihnen war das, was uns interessiert hat.
Moviesection: Es war demnach nicht Ihre erste Intension,
die bosnischen Kriegsverbrechen wieder „aus der Versenkung“ zurück
in die Öffentlichkeit zu bringen?
Hans-Christian Schmid: Ich denke wenn dieses Anliegen im Vordergrund
stehen würde, würde man keinen Spielfilm machen, eher ein Sachbuch
schreiben. Dennoch ist uns wichtig, Interesse für das, was damals passiert
ist, zu wecken. Uns ist erst während der Recherche bewusst geworden, wie
wenig wir über das wissen, was damals passiert ist. Das war schon beschämend.
Ich habe Mitte der 90er in München gelebt, relativ nahe an diesem Geschehen.
Man verdrängt so etwas dann aber. Die Mechanismen hierbei sind immer dieselben.
Am Anfang hat man ein gewisses Interesse, aber irgendwann wird es dann zu kompliziert.
Genauso war das damals bei mir. Daher finde ich es heute interessant mich noch
einmal mit diesem Thema zu beschäftigen. Es war nicht, als würde man
da noch viel unwillkommenes Gepäck mit herumschleppen, sondern es war sehr
viel neu für uns, also eher eine Bereicherung.
Moviesection: Muss man aufpassen, dass das Thema an sich
nicht zu betroffen macht, damit sich der Blickwinkel innerhalb des Filmes nicht
verschiebt.
Hans-Christian Schmid: Ja, man muss aufpassen. Es gab dann
auch ganz bewusst die Entscheidung auf Rückblenden zu verzichten oder auf
Szenen, die noch einmal zeigen, was damals geschehen ist. Die Zeugin sollte
einfach erzählen. Es ist auch die Entscheidung für eine selbstbewusste
Zeugin, für eine Frau, die es geschafft hat sich ein Leben aufzubauen und
der Versuch zu vermeiden, sie zu sehr als Opfer zu zeigen.
Moviesection: Der Film lebt von seinen zwei starken weiblichen
Hauptfiguren und hat eine Besetzung die, wie ich finde, sehr gut passt. Haben
Sie gleich an Kerry Fox für die Besetzung der Hannah Maynard und Anamaria
Marinca als Mira gedacht?
Hans-Christian Schmid: Beim Schreiben hatten wir die beiden
Darstellerinnen noch nicht im Kopf. Bei der letzten oder vorletzten Buchfassung
gab es dann aber die Idee Kerry Fox und Anamaria zu besetzen. Ab dem Moment,
an dem ich Kerry kennen gelernt hatte – das war bei einem Gespräch
in London, die Buchfassung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht übersetzt
und ich wusste ich schreibe noch mindestens eine Fassung mit ihr im Hinterkopf
– flossen die Eindrücke der Begegnung mit ihr mit ein. Man kann dann
fast nicht mehr trennen zwischen der Figur im Drehbuch und der Besetzung. Die
Dialoge von Hannah wurden zu ihren Dialogen.
Moviesection: Bei der Vorbereitung zu diesem Gespräch
habe ich gesehen, dass Sie für fast alle Ihrer Regieprojekte die Drehbücher
selbst schreiben oder Co-Autor sind. Ist das für Sie eine untrennbare Einheit?
Benötigen Sie das um zu arbeiten?
Hans-Christian Schmid: Nein, das ist für mich nicht untrennbar.
Ich wäre froh, wenn mir öfter jemand ein gutes Drehbuch auf den Tisch
legen würde (schmunzelt). Das ist in den letzten Jahren jedoch nicht passiert.
Es ist auch für jemand anderen schwer zu erahnen, was mir gefallen könnte.
Ich sehe mich schon als Autorenfilmer. Ich muss eine starke innere Beziehung
aufbauen zu irgendetwas an den Stoff, den ich verfilme. Bei „Sturm“
war es die Hauptfigur. Es liegt daher fast nahe, sich die Stoffe auch selber
zu suchen. Ich kann mir durchaus aber auch vorstellen einmal nicht zu schreiben.
Moviesection: Sie haben bereits sehr viele unterschiedliche
Filme gemacht (Anm. d. Redaktion: z.B. „23“, „Crazy“,
nach fünf im Urwald“, „Lichter“). Kommen die Themen immer
zu Ihnen, oder machen Sie aktiv auf die Suche?
Hans-Christian Schmid:Beides. Aber jedes Mal ist es ganz unterschiedlich.
Bei einem Film wie „23“ ist es tatsächlich so, dass man die
Zeitung aufschlägt und dann ist da ein Artikel mit einer spannenden Geschichte
bei der man gleich sagt: da will ich einen Film daraus machen. Bei einem Film
wie „Lichter“ war das ganz anders. Hier hatte ich schon länger
vor, mich mit dem Themenfeld „soziale Gerechtigkeit“ zu beschäftigen
und hatte aber lange keine Idee, wie man das in eine Geschichte verpacken könnte.
Dann ein Umzug nach Berlin, es kann die Faszination für einen bestimmten
Ort hinzu und plötzlich funktionierte es. Man kann es glaube ich nicht
wirklich trennen, ob die Ideen zu einem kommen, oder ob man nach ihnen auf die
Suche geht. Ich glaube es ist immer beides. Zumindest bei mir.
Moviesection: Sie haben bei der Berlinale 2009 großen
Erfolg mit „Sturm“ gehabt. Wie wichtig ist Ihnen diese Art von Feedback?
Hans-Christian Schmid: Ich versuche die Einschätzung der
Filme nicht davon abhängig zu machen, wie viele Auszeichnungen er bekommt
oder nicht bekommt. Sonst wäre man zu leicht verletzbar. Das würde
ich nicht wollen. Gleiches gilt für Zuschauerzahlen. Man kann das einfach
schwer vorhersehen. Ich versuche meine Arbeit zu machen, so wie ich denke, dass
ich sie am besten machen kann. Natürlich sucht man dann für einen
Film die bestmögliche Bühne, die bestmögliche Plattform, um ihn
vorzustellen. Die Berlinale halte ich da für eine wunderbare Möglichkeit.
Mit all den Vor- und Nachteilen, die so ein Festival haben kann. Der Film ist
unwiderruflich nach einem Abend dann in der Welt. Wenn er durchfällt, fällt
er durch. Wenn nicht, dann nicht. Ein langsamer Start, verteilt auf verschiedene
Kinos und Festivals wäre eine andere Taktik, die man natürlich wählen
kann.
Moviesection: …. der Knall am Anfang….
Hans-Christian Schmid:Genau! Das war auch bei „Lichter“
und bei „Requiem“ so, dass wir im Wettbewerb liefen und es hat mich
sehr gefreut, dass „Sturm“ auch die Einladung bekommen hat. Für
mich war das eine sehr gute Chance, den Film vorzustellen.
Moviesection: In der Publikumsdiskussion nach dem Film haben
Sie berichtet, dass Sie den Film bereits vor Ort gezeigt haben, allerdings mehr
im bosnischen Bereich des ehemaligen Jugoslawien. Haben Sie Respekt, oder vielleicht
sogar Angst, damit jetzt auch in den serbischen Teil zu gehen? Oder sind Sie
eher gespannt.
Hans-Christian Schmid: Respekt auf alle Fälle. Angst,
glaube ich, nicht, weil ich zu dem Film stehe. Ich habe nicht das Gefühl,
dass wie an irgendeinem Punkt überzeichnet hätten. Klar war es die
Frage ob der mutmaßliche Kriegsverbrecher im Film Serbe ist, bosnischer
Serbe, Kroate oder Kosovoalbaner. Aber die Entscheidung für unsere Wahl
kann ich begründen. Wir sind nach dem Gesichtspunkt vorgegangen, dass wir
eine Geschichte erzählen wollen, über das Land, das am wenigsten mit
dem Tribunal zusammen arbeitet. Nur so konnten wir der Hauptfigur und der Zeugin
auch Widerstände bieten. Dieses Land ist zur Zeit die Republika Srpska,
aber ich glaube dennoch, dass man den Film auch dort zeigen kann.
Moviesection: Sind Sie bei den Dreharbeiten vor Ort behindert
worden?
Hans-Christian Schmid:Nein, gar nicht. Das hat aber sicherlich
auch mit unseren bosnischen Co-Produzenten zu tun. Diese haben uns in Sarajevo
bereits gut betreut, wir wussten, wir sind in sehr sicheren Händen. Das
Hotel im Film, der Ort des Vergewaltigungslagers, lag zum Beispiel im bosnischen
Teil und nicht im serbischen Teil des Landes. Ich kann nur schwer einschätzen,
was passiert wäre, wenn wir zum Drehen in der Republika Srpska gewesen
wären.
Moviesection: ich habe gelesen, Ihre nächste Arbeit wir
wieder eine Dokumentation sein…
Hans-Christian Schmid: (lacht) Da weiß ich ja noch gar
nicht davon….
Moviesection: „Die wundersame Welt der Waschkraft“?
Hans-Christian Schmid:Ah, ok. Diesen Film gibt es schon, er
ist bereits fertig.
Moviesection: Das ist seit langem wieder eine Dokumentation
von Ihnen. Suchen Sie sich für jedes Projekt das Gerne neu aus?
Hans-Christian Schmid:Ich habe Dokumentarfilm studiert und
hatte immer Interesse an diesem Genre. Ich fand es bislang aber immer schwer
dafür geeignete Geschichten zu finden. Klar habe ich mich zwischendurch
auch auf den Spielfilme konzentriert. Aber im Fall von „Die wundersame
Welt der Waschkraft“ gab es etwas, von dem ich dachte, das ich es nur
in einem Dokumentarfilm erzählen kann: Der Weg, den Luxuswäsche von
Berliner Hotels über Nacht nach Polen nimmt und zurück. Inhaltlich
hat das natürlich auch etwas mit „Lichter“ zu tun. Mein Kameramann,
mit dem mich eine lange Freundschaft verbindet und ich sind mehr oder weniger
spontan losgezogen und haben diesen Film vorletztes Jahr gemacht. Er wurde eigentlich
vor „Sturm“ fertig und lief auch im Forum der Berlinale.
Moviesection: Haben Sie schon ein nächstes Projekt im
Auge?
Hans-Christian Schmid: Derzeit noch nicht. Es hat immer noch
viel Arbeit gegeben mit „Sturm“. Zum Beispiel haben wir ein Buch
zum Film gemacht. Die Synchronisation war zeitintensiv, der Trailer, die Vorbereitung
des Kinostarts. Wir haben erst im November langsam Zeit für etwas Neues.
Moviesection: Vielen dank für das interessante Gespräch.
© Bild -und Textmaterial: Melanie Frommholz, Moviesection.de