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Special
Interview mit Regisseur Lars Jessen
Zur Kritik von "Hochzeitspolka"
„Wir sind kulturell stehen geblieben und die Polen haben uns überhaupt nicht nötig!“
Moviesection.de: Warum gerade das Thema
Deutsch-Polnische Verständigung. Das ist ja nicht unbedingt brandaktuell?
Gab es einen bestimmten Auslöser?
Lars Jessen: Eigentlich zwei Dinge. Wir wollten etwas machen
über „Deutsch-Sein“ in der Gegenwart nach der WM 2006, wo wir
plötzlich das lustige bunte Partyvolk geworden waren. Wir haben uns gefragt,
was aus uns werden würde, die vielen Gäste wieder abgereist waren.
Sind wir seitdem anders? Deswegen wollten wir eine Fallstudie in Form eines
Films machen. Über einen Deutschen, der in ein fremdes Land geht, dort
heiratet komplett neu anfängt und guckt, was das für ihn bedeutet.
Moviesection.de: Also stand Polen zunächst gar nicht
im Vordergrund?
Lars Jessen: Nein, der Grundansatz war die Idee zu der Fallstudie.
Hinzu kam dann eine Karikatur in der taz: „Polens neue Kartoffel“,
als Katschinski zum neuen Staatspräsidenten gewählt wurde. Dies führte
zu einer kleinen Staatskrise zwischen Polen und Deutschland, was wir so interessant
fanden, dass wir dachten, dieses Land wollen wir kennen lernen. Der andere,
reizvolle Nebeneffekt war, dass wir uns, wie fast alle Westdeutschen, in Polen
gar nicht auskannten. Wie unsere Protagonisten wollten wir eine Reise nach Polen
antreten, in ein fremdes Land.
Moviesection.de: Es war für Sie und alle Beteiligten
dann ja quasi so etwas wie ein Abenteuerurlaub, oder?
Lars Jessen: Ja, das kann man so sagen. Wir sind in Warschau
angekommen und kannten nicht mehr als die Witze von Harald Schmidt und Adam
Malysz (A. d. R. international sehr erfolgreicher Skispringer). Vier Jahre lang
habe ich Polen dann von Nord nach Süd, von Ost nach West durchmessen und
habe nun, glaube ich, ein subjektiv-repräsentatives Bild von dem Land,
soweit das nach so einer Reise möglich ist.
Moviesection.de: „Hochzeitspolka“ hat zwei Ebenen.
Zum einen schon das Thema Völkerverständigung und den Umgang mit Vorurteilen,
zum andern gibt es die Ebene der persönlichen Entwicklung der Figuren.
Waren Ihnen die Ebenen gleich wichtig?
Lars Jessen: Ja, das waren immer die beiden Foci die eine Rolle
spielten. Zum einen die Freundschaftsgeschichte: Wie ist das mit 35, wenn die
ganzen Freunde noch wie Kletten an einem ziehen und ein role model festlegen,
das noch aus der Spätpubertät stammt. Muss das immer alles noch beweihräuchert,
muss das alles immer noch gleich bleiben? Diese Frage nach dem Erwachsenwerden
der Freundschaft war ein zentrales Element und das haben wir verknüpft
mit diesem Deutschen, gespielt von Christian Ulmen, der sich von der Clique
absetzt, sich nie wieder meldet, hinter den ehemals eisernen Vorhang geht und
dann von ihnen heimgesucht wird. Das erschien uns als ideale Kombination, weil
es mit Freundschaft ein archetypisches Thema hat und dazu dieses Deutsch-Polnische
Thema über Identität im Kleinen – ist man noch der Gleiche wie
früher - und im Großen - was beutete es als Deutscher in einer globalisierten
Welt irgendwo im Ausland zu sein - mit aufgreift.
Moviesection.de: Genau der Punkt der Mentalitätsunterschiede
kommt im Film gut heraus. Zum einen das Bild, was wir Deutschen von uns immer
noch haben, zum anderen das Selbstbewusstsein, das die Polen haben. Wir denken
immer noch, das ist ein Billiglohnland und die Polen distanzieren sich von dieser
Rolle und wollen weiter hinein nach Europa.
Lars Jessen: Sie nehmen einfach selbstverständlich teil,
an der globalisierten Wirtschaft, der Kultur, an allem und haben dabei einen
viel weiteren Tellerrand als wir. Blicken zudem viel weiter darüber hinaus.
Wir denken immer, die Polen sind dankbar, wenn sie in Deutschland angekommen
sind.
Moviesection.de: Sehr hochnäsig.
Lars Jessen: Genau, totaler Quatsch. Wenn sie auswandern,
dann nach England. Und eigentlich viel lieber nach Amerika. Aber genauso gut
auch in den Osten, wenn es interessant ist. Gerade die Kulturschaffenden, die
ich kennen gelernt habe, die Schauspielerinnen die ich im Casting hatte, die
kamen aus Nizza oder aus Kasachstan. Mein Co-Regisseur hat in L.A. studiert
und in Moskau, während unser naiver, 80er Jahre geprägter Blick immer
nur Richtung Atlantik geht. Da sind die Polen viel weiter als wir. Das sage
ich natürlich jetzt im Nachhinein, wo ich das alles weiß. Vorher
dachte ich auch: „Jetzt kommt ihr mal rüber, dann kriegt ihr ’n
bisschen was“ (lacht).
Moviesection.de: Würden Sie sagen, die Deutschen sind
stehen geblieben?
Lars Jessen: Wir sind kulturell stehen geblieben und die Polen
haben uns überhaupt nicht nötig!
Moviesection.de: Ein sehr ernstes und auch polarisierendes
Thema. Finden Sie, dass die Komödie hier der beste Weg ist das Thema anzugehen?
Lars Jessen: Wenn man sich mit Klischees und Vorurteilen beschäftigt,
auf eine relativ intensive und derbe Art, wie wir das ja zum Teil tun, ist das
eine Möglichkeit über sich selbst und über seine eigenen Bilder,
die man im Kopf hat, zu lachen. Das ist, glaube ich, der ideale Ausgangspunkt,
und wirklich nur ein solcher, um seine Vorurteile zu überwinden. Auf der
anderen Seite gibt es viele Klischees, die zutreffen. So etwas entsteht ja nicht
im luftleeren Raum. Auch damit wiederum umzugehen, in einer Komödie –amüsant-
ist, glaube ich, eine bessere Art und Weise, weil sie letztlich produktiver
ist als im Sinne eines Dramas wo der culture clash dann wirklich katastrophale
Ausmaße annehmen könnte. Komödie ist eigentlich eine Handreichung.
Moviesection.de: Die Besetzung funktioniert sehr gut im Film.
Wussten Sie von Beginn an, welchen Schauspieler Sie für welche Rolle möchten?
Lars Jessen: Die Besetzung der deutschen Schauspieler ist quasi
mein persönliches „best of“. Das sind meistens Leute, mit denen
ich schon sehr lange zusammen gearbeitet habe, oder solche, mit denen ich unbedingt
einmal zusammenarbeiten wollte. Dass das so gut mit den polnischen Schauspielern,
insbesondere mit der weiblichen Hauptrolle Katarzyna Maciag, funktioniert hat,
ist ein großes Verdienst von meinem polnischen Co-Regisseur Przemyslaw
Nowakowski, mit dem wir auch zusammen das Buch entwickelt haben. Er hat in Polen
wesentliche Wege für mich geebnet.
Moviesection.de: Sie sagen „das Buch entwickelt“.
Sie haben sich also das Thema gesucht und dann gezielt das Drehbuch geschrieben?
Lars Jessen: Ja, genau, das Ganze ist meine Idee gewesen und
ich habe am Drehbuch auch selbst mitgeschrieben. Das Drehbuch selbst ist von
Ingo Ingo Haeb geschrieben worden und Przemyslaw Nowakowski und ich sind Co-Autoren
gewesen.
Moviesection.de: Die Rolle des Indianers sticht im Film besonders
ins Auge. Wollten Sie mit ihm noch etwas ganz Spezielles aussagen?
Lars Jessen: Ja, natürlich (lacht). Aber er ist uns zugelaufen.
Das ist eine recherchierte Geschichte, die gab es wirklich. Wir saßen
in Warschau in einem Café und blätterten eine Zeitung auf und dort
wurde eben genau von einem solchen Indianer berichtet, der den polnischen Grenzern
das Spurenlesen beibringt, da Polen nun EU-Außengrenze wurde.
Moviesection.de: Hat sich das Team durch die Dreharbeiten
verändert? Konnten Sie an sich selbst oder auch an den Schauspielern bemerken,
dass sich Vorurteile abbauen?
Lars Jessen: Ja, absolut. Es haben sich auch Vorurteile bestätigt.
Beides würde ich sagen. In solchen Arbeitssituationen ist es ja durchaus
extrem. Ich bin teilweise wirklich wahnsinnig geworden mit bestimmten Abläufen,
die in Polen eben ganz anders gehandhabt werden als bei uns. Wir sind zum Beispiel
sehr klar darauf strukturiert, dass man 4 Wochen vor Drehbeginn die Requisiten
sieht und aussuchen kann. Den polnischen Requisiteuren reichte das auch noch
zwei Stunden nach Drehbeginn. Es war teilweise schon recht schwierig, sich darauf
einzulassen. Genauso waren sie dann aber auch von unserer Pedanterie total genervt
(lacht).
Moviesection.de: Der Schluss von „Hochzeitspolka“
ist ein versöhnliches Ende, wenn beide Figuren ihre Masken fallen lassen
und doch zueinander finden.
Lars Jessen: Einerseits ist der Schluss versöhnlich,
was ich auch wollte. Die Leute sollen mit einem guten Gefühl aus dem Kino
gehen. Aber letztlich merkt man ja auch, dass die Gräben zwar notdürftig
zugeschüttet wurden, aber auch noch nicht so richtig substantiell. Man
merkt, dass unter der Oberfläche immer noch etwas ist. Insofern wollte
ich keinen kitschigen Happy Ende-Schluss haben. Dass der Dorfdepp die Deutschen
mit einem wohlgemeinten „Heil Hitler“ nach Hause schickt, fand ich
eine fast ideale provisorische Versöhnung.
Moviesection.de: Der Film ist noch nicht in Polen in die
Kinos gekommen. Konnten Sie dennoch schon die Erfahrung machen, dass die Menschen
aus den beiden Ländern unterschiedlich reagieren?
Lars Jessen: Die Polen haben einen anderen Humor als wir.
Sie können mit dem schwarzen Humor anders umgehen und haben auch eine andere
Tradition sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Der polnische Humor ist sehr
selbstironisch. Hier haben wir noch etwas Nachholbedarf. Aber ich bin hier zuversichtlich.
Wir sind auf deinem guten Weg (lacht).
Moviesection.de: Herr Jessen, vielen Dank für das Gespräch
Lars Jessen: Gerne.
© Moviesection.de