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„Zerlegt habe ich noch niemanden für die Liebe, aber so ein paar romantische Dummheiten habe ich schon auch gemacht." - Vinzenz Kiefer
Vinzenz Kiefer gehört zu den hoffnungsvollsten jungen deutschen Schauspielern. Dieser Mime sticht vor allem durch die etwas andere Rollenwahl aus der Masse talentierter Schauspieler heraus. Im neuen Doris Dörrie-Film „GLÜCK“, Kinostart 23. Februar 2012, spielt er die Hauptrolle. Mit Moviesection.de traf sich der Schauspieler in Berlin zum Interview.
Moviesection.de: „Glück“ wird als „der neue Liebesfilm von Doris Dörrie“ angepriesen. Ist es tatsächlich ein Liebesfilm?
Vinzenz Kiefer: Oh ja, für mich ist „Glück“ absolut ein Liebesfilm. Es geht um Liebe, denn das was passiert, das passiert aus Liebe. Ich weiß, dass es eine Plakatkampagne zu dem Film gibt, auf der ich blutverschmiert bin, aber auf keinen Fall ist „Glück“ ein Film bei dem es nur gewalttätig oder tragisch zugeht.
Moviesection.de: „Glück“ basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach. Dort ist die Liebe nicht so vordergründig, sondern passiert viel eher zwischen den Zeilen…
Vinzenz Kiefer: Nach der Kurzgeschichte kann man nur erahnen, dass der Film hinterher eine Liebesgeschichte wird. Aber auf der anderen Seite ist es eigentlich doch ziemlich klar, denn ich denke, dass das was passiert nur aus Liebe passiert. Das ist gleichzeitig auch das Beeindruckende an „Glück“. Wie weit geht man für die Liebe? Gibt es eine Grenze oder viel eher: sollte es eine Grenze geben?
Moviesection.de: Gibt es für dich eine Grenze?
Vinzenz Kiefer: Nein, für mich gibt es die nicht. Natürlich würde ich jetzt gewisse Dinge ausschließen, die ich bereit wäre für einen anderen Menschen zu tun, aber es kommt immer auf die Situation an. Wenn es um Leben und Tod meiner Liebsten geht, dann würde ich alles tun was ich kann! Das Schwierigste ist die Selbstaufgabe, wenn ich mich für etwas opfern muss. Das kann man sich am wenigsten vorstellen, aber ich denke, dass die Liebe selbstlos ist …
Moviesection.de: Demnach kannst du das Handeln von Kalle im Film komplett nachvollziehen?
Vinzenz Kiefer: Ja, total! Ich finde das was er aufgrund seines Motives tut, gar nicht so schlimm. Das würde ich auf jeden Fall auch machen, wenn ich denke, dass das der einzige Weg ist. Nur persönlich denke ich, dass ich an die Situation anders herangegangen wäre als Kalle. Glaube ich zumindest. Ich bin ja nicht Kalle, ich stecke nicht in der Haut des anderen. Die Frage ist ja: was ist in dem Leben des anderen passiert, dass er zu diesem Zeitpunkt genau so reagiert? Das ist für mich als Schauspieler die ausschlaggebende Frage, die ich mir jedes Mal stelle. Ich würde in der selben Situation garantiert anders handeln als er - aber ich bin ja nicht Kalle. Ich würde noch ganz andere Sachen machen, und ich habe auch schon ganz andere Sachen gemacht…
Moviesection.de: Teilst du eines dieser Erlebnisse mit uns?
Vinzenz Kiefer: Zerlegt habe ich noch niemanden für die Liebe, aber so ein paar romantische Dummheiten habe ich schon auch gemacht. Als Teenager war ich mal in ein Mädchen verliebt. Ich war zu schüchtern sie anzusprechen, aber nach ein paar Wochen hat sich herausgestellt, dass sie mich auch mag. An einem Tag haben wir mal ganz lange telefoniert. Das war so ein Moment in dem ich ungeheuer glücklich war, dass meine Gefühle erwidert werden. Ein Tag später wollte sie nach Belgien in Urlaub fahren. Ich konnte jedoch herausfinden mit welchem Bus sie fährt und bin ihr einfach gefolgt. Also bin ich nach Belgien gefahren. Als wir dort ankamen hat sie sich am ersten Abend in einen Belgier verliebt. Mann, hab ich gelitten… (lacht)
Moviesection.de: Würdest du so eine „romantische Dummheit“ heute wieder machen?
Vinzenz Kiefer: Damals war ich 14, da macht man allen möglichen Quatsch und irgendwann verliert sich das leider ein wenig. Aber obwohl… doch, so eine Aktion würde ich heute auch noch machen. Vielleicht würde ich Aber natürlich würde ich sehr viel stärker die Initiative ergreifen. Damals als Teenager war natürlich ganz viel Unsicherheit dabei.
Moviesection.de: Worin besteht das Glück, das Kalle und Irina im Film haben?
Vinzenz Kiefer: Kalle und Irina haben sicher Glück, weil sie einen Anwalt treffen, der ihnen hilft. Aber das große Glück, das Kalle und Irina haben ist vor allem, dass sie sich in dieser Situation kennen und lieben. Andere Fragen, die im Film in diesem Zusammenhang behandelt werden, sind aber auch: nimmt man das Glück, das man im Leben hat, überhaupt noch wahr und vor allem: was ist Glück überhaupt?
Moviesection.de: Was ist Glück für dich?
Vinzenz Kiefer: Die Frage ist sehr schwer zu beantworten. Ich habe sie in meinem Leben schon viele Male beantwortet und jedes Mal ist die Antwort ein bisschen anders, denn es ist ja nicht festzulegen. Ich würde sagen, dass Glück die Fähigkeit ist den Moment wahrzunehmen, bestimmte Situationen zu erkennen und sie zu schätzen. Glück ist, wenn ich dankbar sein kann und glücklich über den Moment. Ich bin mir bewusst, wie toll im Moment alles ist. Zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben fällt mir das nicht schwer, weil gerade alles sehr gut läuft. Aber es gab schon Momente, da war es anders und wenn man die Fähigkeit dazu hat, sich bewusst zu machen wie gut es einem generell im Leben geht, und wenn man daraus Zufriedenheit erlangt, dann ist das Glück. Uns wird es ja sehr leicht gemacht zufrieden zu sein. Doris Dörrie hat einmal in einem Interview gesagt, dass es ja eigentlich Luxus ist, sich überhaupt so viele Gedanken über das Glücklichsein machen so können.
Moviesection.de: Glück ist ja ohnehin ein Wort, das ziemlich überstrapaziert wird…
Vinzenz Kiefer: Ja, das ist wahr. Herzlichen Glückwunsch, ich beglückwünsche dich, ich bin so glücklich oder jetzt haben wir aber Glück gehabt! „Glück“ ist so ein Universalwort. Eigentlich beschreibt dieses Wort aber Situationen, die viel eher ihr eigenes Wort bräuchten. Da wir Menschen aber dazu neigen gerne Abkürzungen zu nehmen, sagen wir einfach ständig „Glück“.
Moviesection.de: In der Geschichte des Films hat Glück sehr viel mit anderen Menschen zu tun. Kalle und Irina haben Glück, weil sie den Anwalt kennen, weil ihnen die Staatsanwältin wohlgesonnen ist und ohnehin weil sie einander haben. Hat Glück für dich auch viel mit anderen Menschen zu tun?
Vinzenz Kiefer: Ich denke, dass Glück auch dort zu finden ist, wo keine andere Menschen sind. Ich glaube, dass Glück etwas ist, das auch in einem selbst entsteht. Durch die Wahrnehmung des Moments. Wenn man einfach mal ruhig ist und zuhört, kann das unheimlichen Spaß machen.
Moviesection.de: Wenn du heute auf deine Karriere zurückblickst, würdest du sagen, dass du Glück hattest?
Vinzenz Kiefer: Sicher, mein Leben ist ja geradezu gepflastert von Glück. Seit ich 18 bin lebe ich ausschließlich von der Schauspielerei. In dieser Zeit habe ich viele Leute gesehen, die schnell Erfolg hatten und schnell Karriere gemacht haben. Das war aber nicht nachhaltig, denn sie waren ein, zwei Jahre da, dann waren sie wieder weg und heute kennt sie kein Mensch mehr. Ich hatte das Glück, dass ich Leute getroffen habe, die mich all die Jahre begleitet haben und die auch in schweren Zeiten bei mir geblieben sind. Meine Agentur „ Spielkind“ ist fantastisch – das kann man an dieser Stelle ruhig mal sagen! In der Agentur gibt es Menschen, die alles mit mir durchgestanden haben. Daher kann ich sagen: wenn ich Erfolg habe, dann ist das nicht nur meiner, sondern auch deren Erfolg und auch deren Verdienst. Das ist Glück!
Moviesection.de: Gibt es einen besonders glücklichen Moment, der dir bis heute in Erinnerung geblieben ist?
Vinzenz Kiefer: Ich habe mal den Günter Strack-Preis verliehen bekommen. Damals war ich schon eine Weile im Geschäft und bin schon durch das ein oder andere Jammertal gegangen. Bitterböse war das manchmal – in Besenkammern geschlafen und so, und zwischendrin immer die Frage: was mache ich hier eigentlich? Bin ich auf dem richtigen Weg? Das ist ein unheimlicher Gedanke, den ich immer mal wieder hatte. Dennoch bin ich weiter gegangen und trotzdem selektiv geblieben - nicht nur des Geldes wegen den Job machen. Als ich diesen Preis bekommen habe, wusste ich, zumindest ein Stück weit, dass der Weg den ich bis dahin gegangen bin, der richtige war. Das ist so ein Moment! Der Preis ist eine Figur, die steht im Regal, aber was er für mich symbolisiert, ist zu wissen, dass ich auf dem richtigen Weg bin und dafür bin ich sehr dankbar. Diese Erkenntnis über mich selbst war ein Geschenk!
Moviesection.de: Du spielst häufig sehr extreme Rollen: mal der total verzweifelte Bankräuber beim „Tatort“, dann den gewalttätigen Manipulator in „Höhere Gewalt“ und jetzt der obdachlose Punk Kalle in „Glück“. Suchst du diese Art von Herausforderung bewusst oder sehen das die anderen in dir und kommen damit auf dich zu?
Vinzenz Kiefer: Ich freue mich, wenn ich solche Rollen angeboten bekomme oder wenn ich mich für eine solche Rolle bewerben darf. Da ist Fleisch dran, da kann man sich reinbeißen und richtig was daraus machen. Interessant ist zum Beispiel die Auseinandersetzung mit Fragen wie: warum ist der Böse böse, warum macht er was er macht und warum schaut der Zuschauer dabei zu? Ich sage nicht, dass das Böse in der Welt wichtig ist, aber in der Kunst, beim Geschichtenerzählen geht es immer um einen Konflikt und dieser Konflikt braucht den Bösen oder das Unglück, das man zu bewältigen versucht. Sich damit zu beschäftigen ist interessant und für mich als Schauspieler spannend.
Moviesection.de: Hast du ein besonders zutreffendes Beispiel für das Spannende am „ Bösen“ im Film?
Vinzenz Kiefer: Ich finde es zum Beispiel total interessant was bei „Das Schweigen der Lämmer“ passiert, wenn der Zuschauer auf einmal denkt, dass Hannibal Lecter ja eigentlich ein cooler Typ ist. Das ist ja merkwürdig, denn eigentlich ist Lecter ein psychopatischer Mörder. Oder bei Bram Stokers „Dracula“, wenn sich plötzlich alle Frauen in Dracula verlieben. Das fand ich schon immer faszinierend.
Moviesection.de: Birgt die Rolle in „Glück“ auch ein Potential in diesem Sinn?
Vinzenz Kiefer: „Glück“ ist in dieser Hinsicht besonders dankbar, weil die Figur Kalle eine Kombination darstellt. Kalle macht ein paar Sachen, die man als Außenstehender schwer nachvollziehen kann. Am Schluss macht er eine Wandlung durch und wird im wahrsten Sinne zum „Guten“. Das ist ein Traum. Eine bessere Rolle als in „Glück“ geht gar nicht. Mehr Spaß als Schauspieler kann ich mir nicht wünschen!
Moviesection.de: Vielen Dank für das Interview!
Vinzenz Kiefer - Die Biographie

Vinzenz Kiefer
Vinzenz Kiefer wurde 1979 in einem kleinen hessischen Dorf geboren. Noch während seiner Schulzeit wurde er zum ersten Mal mit der Schauspielerei konfrontiert, als er die Filmstudios in Köln besichtigte und dabei von einer Schar Mädchen überrumpelt wurde, die ihn nach Autogrammen fragten. Die Produzenten einer gerade laufenden Fernsehserie boten dem jungen Kiefer sofort eine Rolle an, die er jedoch ablehnte. Erst nachdem er die Schule erfolgreich absolviert hatte, entschloss er der Schauspielerei eine Chance zu geben. Eine Schauspielschule hat Vinzenz Kiefer nie besucht, dafür erhielt er von verschiedenen Größen des deutschen Film- und Fernsehgeschäft Schauspielunterricht und bildete sich in seiner Freizeit immer wieder mit der Teilnahme an verschiedenen Workshops weiter. ... zur kompletten Biographie

GLÜCK - ab 23. Februar 2012 im Kino
GLÜCK erzählt die Geschichte von zwei sehr jungen, traumatisierten Menschen in Berlin, von Irina, Kriegsflüchtling und Prostituierte, und Kalle, Punk und obdachlos. Zaghaft verlieben sie sich ineinander, schaffen es dann aber, zusammen zu ziehen und sich ein kleines Leben aufzubauen. In ihrer gemeinsamen Wohnung empfängt Irina weiterhin ihre Freier. Eines Tages bricht ein Freier tot zusammen, Irina flüchtet in Panik, Kalle kommt nach Hause, entdeckt die Leiche – und beschließt, sein Glück mit Irina zu verteidigen. ... zur Filmkritik